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Porträt:Und Action!

Lisa Maria Potthoff

"In Deutschland kommt man als Schauspielerin kaum um eine Ermittlerin herum, einfach weil so viele Krimis gedreht werden", sagt Lisa Maria Potthoff, die diesen Montag ihren dritten Auftritt als Sarah Kohr im ZDF hat.

(Foto: Linda Rosa Saal)

Stunt-Double? Wieso das denn? Lisa Maria Potthoff ist als Schauspielerin mit vollem Körpereinsatz erfolgreich. Es gibt nicht viele Frauenrollen im deutschen Fernsehen wie ihre ZDF-Ermittlerin Sarah Kohr.

Dass sie schon als Kind Schauspielerin werden wollte, hatte Lisa Maria Potthoff ganz vergessen. Bis eine Freundin aus Grundschulzeiten sie vor kurzem auf Facebook kontaktierte. "'Dann ist dein Traum ja wahrgeworden, Schauspielerin zu werden', hat sie geschrieben", erzählt Potthoff.

Lisa Maria Potthoff, 40, ist eine der markantesten und meistbeschäftigten Schauspielerinnen in Deutschland. In Bayern hat sie als Susi aus den "Eberhofer-Krimis" Kultstatus, im ZDF hat sie seit 2014 eine eigene Krimireihe, Sarah Kohr, mit Kampfszenen, wie sie Frauen hierzulande sonst nie spielen dürfen. Am Dienstag nach Ostern sitzt sie in einem Café im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Potthoff ist reflektiert und erzählt pointiert, man gerät schnell ins Plaudern.

Potthoff leuchtet, nicht nur, wenn sie lacht, sondern auch wenn sie etwas begeistert

In ihrer Erinnerung war sie zwar in der Schultheatergruppe und verkleidete sich gern, Berufswünsche hatte sie andere. Sie wollte Kellnerin werden wie die Servierdamen im Biergarten, mit schwarzem Rock und weißer Schürze. "Als Kind habe ich unter dem Tisch gespielt und dachte, toll, wie sie in ihren großen Geldtaschen wühlen", sagt sie. "Oder wie die Kassiererinnen im Supermarkt die Preise in rasender Geschwindigkeit eingetippt haben, ohne hinzusehen - das wollte ich auch können."

Potthoff kam in Westberlin zur Welt. Als sie anderthalb war, zogen ihre Eltern mit ihr nach Bayern. Ihre Mutter war Ärztin, ihr Vater, studierter Psychologe, arbeitete in der Gesundheitsforschung. Von der Mutter habe sie einen entspannten Umgang mit der eigenen Gesundheit gelernt. "Für Hypochonder war kein Platz in unserer Familie", sagt sie. Vom Vater, der privat berührende Reden und Gastvorträge an Unis hielt, habe sie die Unbefangenheit, vor Leuten zu sprechen. Dass sie Medizin studiert, wollten ihre Eltern nicht. "Meine Mutter sagte, werd' bloß nicht Ärztin, der Job ist nicht familienfreundlich, und mein Vater, was willst du mit Psychologie?"

Ihren ersten Fernsehauftritt hatte sie mit 14 als Komparsin bei Derrick, weil sie ihr Taschengeld aufbessern wollte, ihren zweiten 1994 in Dominik Grafs Thriller Die Sieger. Herbert Knaup, mit dem sie heute Sarah Kohr dreht, hatte mit dem Film seinen Durchbruch. Über eine Kinder- und Jugendagentur bekam sie mit 16 ihre erste Sprechrolle in der RTL-Serie Die Flughafenklinik, als Filmtochter von Sky du Mont. Ihre erste Szene war gleich ein Kuss. "Eigentlich der Horror", sagt sie. "Mit 16, mit einem fremden Jungen und 30 Leuten im Raum." An ihrem letzten Drehtag brachte sie Kuchen mit ans Set. "Ich weiß noch, wie Sky du Mont in den Schokoladenkuchen biss, und ich dachte, dieser Star isst den Kuchen, den ich gebacken habe!" Potthoffs Lachen hallt durch das beinahe leere Café.

Nach der Ausbildung an einer privaten Schauspielschule in München schrieb sie sich doch für Medizin ein, als zweites Standbein. Eine wirkliche Option sei es aber nicht gewesen. "Ich hatte ungefähr drei Anwesenheitsstunden", sagt sie. Seit sie als Vorbereitung für den Sat.1-Film Die Hebamme einen Tag in einem Kreißsaal verbrachte, sieht sie das anders. "Wenn ich mir jetzt einen Beruf aussuchen könnte, würde mich Geburtsmedizin interessieren." Sie leuchtet, nicht nur, wenn sie lacht, sondern auch, wenn sie etwas begeistert.

Anfang der Nullerjahre, nach einer Zwischenstation am Theater Dortmund, ging Potthoff nach Berlin, wo sie bis heute mit ihrem Mann und zwei Töchtern lebt. "In Berlin arbeite ich kaum", sagt sie. Mehrere Wochen im Jahr dreht sie in Bayern, neben den Eberhofer-Krimis zuletzt den ZDF-Zweiteiler Bier Royal und im vergangenen Jahr Irgendwas bleibt immer, ebenfalls fürs ZDF. Der bayerische Film sei ihre Heimat, sagt Potthoff. "Wäre ich darauf festgelegt, wär's aber fad." Sie spielte in Episoden von Tatort und Polizeiruf 110, 2003 hatte sie ihr Kinodebüt in Soloalbum. Mit Marcus H. Rosenmüller drehte sie unter anderem 2006 den Kinofilm Schwere Jungs, 2012 war sie für Tödlicher Rausch für den Bayerischen Fernsehpreis nominiert. In Bayern wird sie bis heute öfter erkannt. "Der Berliner quatscht einen generell eher nicht an", sagt sie. "Was auch angenehm ist, weil ich hier sehr ruhig leben kann."

Immer wieder spielt Potthoff Polizistinnen. "In Deutschland kommt man als Schauspielerin kaum um eine Ermittlerin herum", sagt sie, "einfach weil so viele Krimis gedreht werden." Da ist kein Frust, sie sucht sich ihre Rollen entsprechend aus. "Reine Ermittlergeschichten reizen mich nicht", sagt sie, "da bin ich auch als Zuschauer übersättigt."

Eine Schramme am Kinn erinnert an das Kickbox-Training vom Tag zuvor

Im Usedom-Krimi im Ersten ging es, neben den Fällen, die sie als Kommissarin Julia Thiel i zu lösen hatte, vor allem um die Beziehung zu ihrer Mutter, die horizontal erzählt wurde. Thiels Mutter (Katrin Sass), eine ehemalige Staatsanwältin, hat ihren Mann, Julia Thiels Vater, getötet. Nach drei Jahren stieg Potthoff aus. "Das Mutter-Tochter-Drama war für mich auserzählt", sagt sie. Sarah Kohr bringe sie durch die Kampfszenen an ihre körperlichen Grenzen. "Ich las das Drehbuch und dachte, eigentlich ist das eine Rolle für einen Mann", sagt Potthoff geradeheraus. Einsame Heldinnen gibt es zwar im deutschen Fernsehen, wenn auch wenige, Lisa Wagner als Kommissarin Heller im ZDF ist so ein Beispiel. Die körperliche Action, mit der Sarah Kohr Probleme löst, ist außergewöhnlich. Schon zuvor fiel sie im Thriller Carneval mit einer dreiminütigen Kampfszene auf - ohne Stunt-Double, betont Potthoff. Vor den Dreharbeiten begann sie 2016 mit Kickboxen und der israelischen Kampftechnik Krav Maga und blieb dabei. Gerade bereitet sie sich auf die Dreharbeiten für den fünften Teil von Sarah Kohr vor. Drei bis vier Mal pro Woche geht sie dafür zum Kampftraining, um so viele Stunts wie möglich selbst zu machen. Manchmal ist das auch gefährlich. Bei den Dreharbeiten zu Carneval hat sie sich die Ringfingersehne gerissen, in Vorbereitung auf den dritten Teil von Sarah Kohr, der diesen Montag im ZDF läuft, das Außenband. Am Vortag habe sie beim Kickboxen eine verpasst bekommen, sagt sie und zeigt auf eine kleine Schramme am Kinn.

Die warmherzige Susi aus den Eberhofer-Krimis und die kühle Sarah Kohr, die beiden Rollen, mit denen sich Potthoff aktuell am meisten beschäftigt, könnten unterschiedlicher nicht sein, ihrer Meinung nach haben sie aber durchaus Gemeinsamkeiten, auch mit ihr selbst: "Die klare Vorstellung davon, wie die Dinge zu laufen haben", sagt Potthoff. Sie ist nicht regional festgelegt, spielt die Hamburger Kommissarin Kohr so glaubwürdig wie die niederbayerische Sekretärin Susi, vor kurzem stand sie für die Netflix-Serie Skylines in Frankfurt vor der Kamera, und auch auf kein Genre. "Manche Besetzer sehen mich eher in den komödiantischen Rollen, andere haben keine Ahnung, dass ich auch Komödie kann", sagt sie. "So kann es gern bleiben." Potthoff ist vielseitig, aber mit Tiefe. Dabei hat sie sich lange nicht als "echte Schauspielerin" empfunden und bis Ende 20 Medizinstudentin als Beruf angegeben. Potthoff zögert auch bei dem Thema nicht. "Jeder kann sagen: Ich bin Schauspieler. Wenn man noch nicht Fuß gefasst hat, ist man deshalb unsicher", sagt sie. "Mittlerweile denke ich, jetzt bin ich's wohl."

Sarah Kohr: Das verschwundene Mädchen, ZDF, 20.15 Uhr.