Porträt Auf den ersten Blick

Als Castingdirektorin nutzt Iris Baumüller ihr Talent, Talente zu entdecken. Wenn man Schauspielern ihre Rollen abnimmt, ist das nicht zuletzt ihr Verdienst.

Von Kathrin Hollmer

An einem Montag im März sucht Iris Baumüller in einem Studio in Berlin-Mitte die weibliche Hauptdarstellerin für eine historische Streamingserie. Jede Schauspielerin hat zwei Szenen vorbereitet. Details sind geheim, aber auch nicht wichtig, wie sich gleich herausstellen wird. Bevor bei einem Vorsprechen überhaupt eine Silbe gesagt wurde, hat sich Iris Baumüller in der Regel schon entschieden.

Iris Baumüller, 52, ist eine der gefragtesten Castingdirektoren in Deutschland. Sie besetzt deutsche und internationale Filme und Serien, hat unter anderem Stromberg, Club der roten Bänder und 4 Blocks gecastet. Sie arbeitet oft mit Til Schweiger und für den Tatort. Viele Kino- und Fernsehkarrieren begannen mit ihrer Starthilfe.

"Sind die Rollen richtig besetzt, hat man das Gefühl, es ist kein Spiel, sondern die Wirklichkeit."

Außer Baumüller sind noch ein Kameramann und ihr Assistent im Raum. Die Schauspielerin dehnt sich, Sekunden später hat sie Tränen in den Augen für die erste Szene. Baumüller sitzt auf einer Couch und hat die Hände im Schoß gefaltet. Die meiste Zeit sieht sie auf den Bildschirm. "Es heißt ja, die Kamera liebt dich", sagt sie dazu. Manche mehr als andere. Ab und zu guckt Baumüller hoch, "um die Energie aufzunehmen." Sie achte auf Präsenz, Text und Timing, auf Tiefe und Intensität. "Ein Schauspieler kann trainieren, ab- und zunehmen, seine Haarfarbe verändern und gut spielen - aber wenn er auch die Energie für die Rolle mitbringt, die sie zum Leben erweckt, dann glaube ich ihm."

Am Ende des Tages will sie den Regisseuren zwei von zehn Kandidatinnen vorstellen. In den kommenden Tagen stehen noch mehr Vorsprechen an. "Auf diese Rolle passen keine 50 Schauspielerinnen", sagt sie. "Aber wir brauchen ja auch nur die Eine. Die müssen wir finden."

Baumüller wurde in Ingolstadt geboren und wuchs im Rheinland auf, ihr Vater war Kameramann und drehte Nachrichtenbeiträge und Dokumentationen fürs ZDF, die Mutter war Kindergärtnerin. Als Kind reiste sie mit ihren Eltern um die Welt, lebte in London und Johannesburg. In Frankfurt studierte sie Film- und Theaterwissenschaften und schrieb nebenbei Berufsporträts für eine Stadtzeitung, begleitete unter anderem einen Detektiv. "Ich wollte immer das echte Leben porträtieren", sagt sie. Auch für Dokumentarfilm habe sie sich interessiert, und Schauspielerei habe viel damit zu tun: "Wenn die Rollen richtig besetzt sind, hat man das Gefühl, es ist kein Spiel, sondern die Wirklichkeit."

Nach dem Studium, Anfang der Neunziger, fing Baumüller an, beim Film zu jobben. Oft dachte sie, dass sie Rollen anders besetzen würde. Als sie später als Regieassistentin bei Castings dabei war, sammelte sie bereits Schauspieler in einer Kartei. 2002 eröffnete sie ihr Castingbüro Die Besetzer in Köln und suchte zunächst Darsteller für Werbefilme und Hochschulproduktionen. Ihr erster Kinofilm, Wahrheit oder Pflicht mit Katharina Schüttler, lief auf dem Max-Ophüls-Filmfestival. Danach folgten die Angebote. 2015 eröffnete sie ein zweites Büro in Berlin.

Für einen Kinofilm oder eine große Serie beginnt Baumüller ein Jahr vor Drehstart mit dem Casting. "Seit vorletztem Jahr wird in Deutschland wahnsinnig viel gedreht und der Boom hält noch an", sagt sie. Ihre Arbeit macht das schwerer, schon logistisch, um überhaupt Schauspieler zum Casting einzuladen. E-Castings, für die sich Schauspieler selbst aufzeichnen, werden immer üblicher. Das spart Zeit und Reisekosten, Baumüller sieht darin zudem eine Chance, neue Gesichter zu entdecken - "jenseits der üblichen Verdächtigen."

Bei der Recherche für ein neues Projekt wertet sie Hunderte Schauspieler aus, die sie über Ausschreibungen oder in Datenbanken findet. Oft fallen ihr Talente als Jurorin bei Filmpreisen und auf Festivals auf, wenn sie in Schauspielschulen unterrichtet oder privat, bei Theaterbesuchen, auf dem Flohmarkt, in der Zeitung oder auf Instagram. "Ich habe meine Augen überall", sagt sie. Als Baumüller 2014 einen Workshop in London gab, sah sie Ella Rumpf auf dem Flur, wie sie einer anderen Schauspielstudentin die Hände mit Henna bemalte. "Da wusste ich, sie braucht unbedingt eine Agentur und wird mal ein Shootingstar", sagt Baumüller. Oft reicht ihr schon ein Foto, um Potenzial, um Ausstrahlung zu erkennen. Einen "Impuls" spüre sie dann, sie sei euphorisiert, "wie wenn man sich verliebt, egal ob in einen Mann oder eine Frau", sagt sie. Rumpf wurde bekannt als "Tiger" im Kinofilm Tiger Girl.

Wenn Baumüller ein Drehbuch liest, hat sie schon Ideen, wer in die jeweilige Welt passt, in Neuköllner Drogenclans wie in 4 Blocks oder ins Büro einer Versicherung wie in Stromberg. Oft sammelt sie erst ohne Rollenzuschreibung und hört dabei Musik, um sich in die Stimmung zu versetzen. Für 4 Blocks recherchierte sie in der Rap-Szene und war mit dem Darsteller Sami Nasser in arabischen Cafés unterwegs. 4 Blocks zeichnet unter anderem aus, dass viele Darsteller zumindest Berührungspunkte mit dem Milieu haben.

Iris Baumüller, 52, ist eine der gefragtesten Casterinnen Deutschlands. Als sie nach dem Studium beim Film jobbte, dachte sie oft, dass sie Rollen anders besetzen würde.

(Foto: Stefanie Henn)

In der Branche wird Baumüller für ihre Besetzungen geschätzt - "gerade, wenn man nicht nur aus dem Schauspielkatalog auswählen will", sagt die Turner-Produzentin Anke Greifeneder, für die Baumüller Weinberg, 4 Blocks und Arthurs Gesetz besetzt hat. "Iris hat Mut zu überraschen und ein gutes Gespür für Menschen."

Zu Live-Castings kann sie oft auch eigene Favoriten einladen - wie vor 16 Jahren Bjarne Mädel für Stromberg. Sie hatte ihn auf der Bühne gesehen. "Ich dachte, er ist ja wie ein junger Heinz Rühmann", sagt Baumüller, "so anrührend und lustig und gleichzeitig mit einer Tiefe." Die Rolle als "Ernie" Heisterkamp war Mädels erste große Fernsehrolle.

Deutschen Filmen und Serien wird oft vorgeworfen, dass immer die gleichen Schauspieler in den gleichen Rollen zu sehen sind. Bekannte Namen versprechen Quoten und Kinobesucher - auf Kosten der Vielfalt. "Ich frage oft, warum muss die Figur ein Arzt oder ein Rapper sein, keine Ärztin oder Rapperin", sagt Baumüller. "Warum hat der Mitarbeiter im Arbeitsamt nicht Migrationshintergrund?" Im Kinofilm Die Goldfische über eine Behinderten-WG spielt Luisa Wöllisch, eine Schauspielerin mit Trisomie 21, eine Hauptrolle, als einzige Darstellerin hat sie auch in der Realität eine Behinderung. "Wir haben für den Film Menschen mit Behinderungen und Schauspieler gecastet", sagt Baumüller dazu. "Wir haben uns letztendlich für die besten Schauspieler entschieden."

Seit kurzem bemerkt Baumüller einen regelrechten Hype um Vielfalt. In Ausschreibungen steht, dass Agenturen Darsteller "ohne Rücksicht auf Behinderung, Rasse, Alter, Hautfarbe, nationale Herkunft, ethnische Herkunft" vorschlagen sollen. "Egal wo ich hingehe, ins Café, ins Arbeitsamt, da ist ja Vielfalt", sagt sie. Iris Baumüller versucht schon lange, dies auch im Fernsehen sichtbar zu machen - wenn man sie denn lässt.