Süddeutsche Zeitung

Porträt:Ansichten eines Anstifters

Der Berliner Produzent Thomas Kufus erweitert seit Jahren die üblichen Grenzen des Fernsehens. Mit Vergnügen. Und mit vollem Risiko.

Von Claudia Tieschky

Es ist ein Sommermorgen, und alle paar Minuten scheppert die Münchner Straßenbahn vor dem Café hart um die Kurve, als Thomas Kufus von dieser Idee erzählt. Das Kreischen passt zu dem, was der zum Filmfest angereiste Berliner Produzent vorträgt: eine steile Idee. 80 Kamerateams sollen einen 24 Stunden langen Dokumentarfilm an unterschiedlichen Orten in Berlin drehen. 80-mal 24 Stunden Alltag - unterschiedlichen Alltag zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das alles, fährt Kufus fort, käme dann ein Jahr später zur jeweils gleichen Stunde im Fernsehen, 24 Stunden lang. Utopisch, denkt man - wer würde das senden, wer wollte das sehen? Kufus scheinen solche Bedenken nicht weiter aus der Ruhe zu bringen. Er sieht aus, als ob er innerlich ein Liedchen summt.

Fernsehen ist eine "riesengroße gefräßige Maschine". Und die braucht Futter. Wunderbar

Das war 2008, im Juni. Am 5. September 2009 wurde 24 h Berlin vom RBB und Arte den ganzen Tag lang ausgestrahlt und ist heute Fernsehgeschichte. Das ist der erste, der einfache Teil der Geschichte.

Aber an diesem Morgen in München ist es noch nicht so weit. Das Schicksal gewährt noch für eine Weile milde Temperaturen und Ahnungslosigkeit. Kufus ahnt nicht, dass ihn diese Idee ein paar Jahre später über Berlin hinausführen wird, sehr weit hinaus, bis nach Jerusalem. Er denkt beim Scheppern der Bahn nicht daran, wie es wäre, seine Firma Zero One Film an der Lehrter Straße nahe dem Berliner Hauptbahnhof - alter Baumbestand, Kopfsteinpflaster - monatelang nur aus der Ferne zu führen. Zu diesem Zeitpunkt seines Lebens hat Thomas Kufus gemeinsam mit seinem Geschäfts- und Kreativpartner Volker Heise wohlbeachtete Dokumentarfilme produziert und unterhaltsame Fernsehware, darunter neue Staffeln einer Serie mit der Köchin Sarah Wiener. Was ihm nun bevorsteht, ist der Anfang von etwas ganz anderem, etwas Großem. Der Anfang von etwas, das ihn beinahe ruinieren wird. Das wichtigste Projekt seines Lebens. Aber davon später, wir greifen vor.

Grenzen sind dazu da, dass man sich an sie hält. Aber langweilig sind sie auch. Im Kino der Bonner Bundesrepublik gibt es eine berühmte Szene. Da rast der noch sehr junge Hanns Zischler in einem VW Käfer wie ein Irrer einen staubigen Feldweg hinunter auf ein Flussufer zu und fährt ungebremst ins Wasser. Vorsichtig, vernünftig, erwachsen ist das nicht, doch der Zuschauer erlebt eine befreiende Verblüffung.

Der Film kam 1976 in die Kinos, er heißt Im Lauf der Zeit, Wim Wenders hat ihn gedreht. Thomas Kufus war 18, als er ihn im Kino sah, und danach wusste er, dass er Filme machen will. Filme wie Wer wenn nicht wir von Andres Veiel über das Liebespaar Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Oder Zeit der Helden, bei dem sich 2013 ein Sender weit über das übliche Maß hinaus festlegte: Eine Woche lang zeigte der SWR jeden Abend Szenen aus der Einfamilienhaussiedlung, in der sich Julia Jäger und Oliver Stokowski als Ehepaar fragen, ob es das jetzt schon war, mit Leben und so. Preisgekrönte Filme, ganz anders als Wenders, aber auch Filme, die verblüffen und befreien.

An jenem Morgen in München hatte Kufus auch von einem Projekt berichtet, das jetzt, Jahre später, am 27. Mai ins ARD-Fernsehen kommt. Der Film heißt Die Folgen der Tat. Vor fast vierzig Jahren, am 30. Juli 1977, erschießen die RAF-Terroristen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt den Vorstandschef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in seinem Haus. Zugang verschaffen kann ihnen die Hamburger Bürgerstochter Susanne Albrecht, denn die Pontos und die Albrechts sind befreundet. Die Familie Albrecht lebt damit bis heute wie mit einem Stigma. Mehrfach dachte Kufus, das Material müsste unter Verschluss bleiben, weil sich ein Teil der Albrecht-Familie gegen eine Veröffentlichung sträubte. Was die Tat aus der Familie Albrecht gemacht hat, davon erzählt dieser Film, davon erzählt Julia Albrecht, die jüngere Tochter, die zusammen mit Dagmar Gallenmüller Regie führte. Ihr Film wird Aufsehen erregen.

Kufus produziert Kino, aber genauso überzeugt ist er ein Verfechter des Fernsehens. Zero One ließ Menschen für das TV leben wie im vorigen Jahrhundert (Schwarzwaldhaus) oder dokumentierte den Arbeitsalltag auf der Geburtsstation des Virchow-Klinikums. Vieles, was andere nachmachten, gab es bei Zero One zum ersten Mal. Die zulässige Obergrenze für kreative Abweichungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat Thomas Kufus nicht erst bei 24h Berlin großzügig ignoriert. Er stiftet dieses Fernsehen zu etwas an, was es vielleicht gar nicht wollte, mit Sicherheit nicht kannte. Und er kommt damit durch. Wenn man ihn fragt, warum er sich nicht aufreibt am deutschen Fernsehen wie so viele andere, dann erklärt er, dass man dort viel mehr ausprobieren könne als im Kino. Da sei viel mehr Platz, "die brauchen so viel Programm, das ist wie eine riesengroße gefräßige Maschine." Dabei gilt doch das Kino als der Ort, an dem wahre Kunst stattfindet, oder? Ihm geht es aber, sagt er, nicht nur um wahre Kunst, sondern auch um gute Kunst.

Die zulässige Obergrenze ignoriert der Produzent Kufus manchmal auch in seinem Leben. Das passiert beim Versuch, den Erfolg von 24 h Berlin mit 70 Drehteams für Jerusalem zu wiederholen. Kufus und Volker Heise wollen eigentlich nur als Berater dabei sein, der BR ist beteiligt, Arte, eine Reihe internationaler Sender. Und wieder geht es um diesen einen Tag, diesmal im September 2012, an dem alles in Echtzeit gedreht werden muss: Ein Drittel der Filmteams wird israelisch, ein Drittel palästinensisch, ein Drittel europäisch sein. Aber Jerusalem ist nicht Berlin. Kurz bevor der Tag da ist, tauchen Drohungen auf, die palästinensischen Teams werden zum Ausstieg gedrängt, das Projekt, so der Vorwurf, zeige das geteilte Jerusalem als Normalität, das sei inakzeptabel. Schließlich muss der Drehtag abgesagt werden.

Jerusalem ändert alles. Ein Dreivierteljahr lebt Kufus von da an praktisch in der Stadt, wohnt im Hotel, sucht die richtigen Gesprächspartner, um das Projekt zu retten. Die Firma in Berlin hält er als Pendler am Laufen. Alle Beteiligten geben noch einmal Geld in das Projekt, die Sender BR und Arte hätten verstanden, "dass hier etwas passiert ist, ohne dass der Produzent und sein Team absehbare Fehler gemacht hatten". Der 12. April 2013 wird als neuer Drehtag festgesetzt. Kurz bevor es so weit ist, ruft eine anonyme Gruppe, die sich "Die Jugend von Jerusalem" nennt, erneut zum Boykott auf. Es ist die Katastrophe, auch finanziell. "Das Wort Insolvenz", sagt Kufus, "habe ich mir selbst gar nicht zugeflüstert. Aber die Firma stand auf der Kippe."

Produzenten sind Möglichmacher, auch inhaltlich. So sieht er das.

Es gibt ein Making-of von 24 h Jerusalem. Man sieht, wie Kufus bis zur Erschöpfung mit Mittelsleuten redet, um Kontakt zu den Boykotteuren zu finden. Man sieht, wie er mit Behörden verhandelt, sogar ein Schreiben des Generalsekretärs der PLO hält er am Ende in Händen. Man sieht, wie er mühsam die Wut bändigt, weil er ahnt, dass man ihn erneut auflaufen lässt. Dann treffen die Drehteams im Hotel Ambassador ein, dem Hauptquartier der Produktion. Es ist der Vorabend des Drehs, keiner weiß, was am Morgen geschehen wird. Andres Veiel ist da, Dani Levy und Maria Schrader, Hans-Christian Schmid. Kufus ist mehr grün als grau im Gesicht, und das liegt nicht nur an der ungünstigen Deckenbeleuchtung im vollen Saal. Hatte er eine Alternative? "Es gab noch eine Möglichkeit, aber eine sehr wilde. Jeder nimmt seine Handykamera und dreht damit. Das war Plan B." 24 h Jerusalem gelingt, in letzter Minute.

Im Sommer 2014, ein paar Wochen nach der Ausstrahlung, sitzt Kufus zur Filmfestzeit im selben lauten Münchner Café. Es ist alles da, was man sich wünschen kann, Sonne, Straßenbahn, Pipapo - und wieder so ein unglaubliches Projekt, Jonathan Littell dreht seinen ersten Film, es geht um Kindersoldaten in Afrika. Ja genau, Littell, Autor des gefeierten, umstrittenen Skandalbuchs Die Wohlgesinnten. Aber etwas von der Leichtigkeit ist gerade verschwunden, die Kufus doch immer umgab. Hinter ihm liegt "die härteste Zeit meines Lebens".

Braucht ein Produzent unbedingt die Bereitschaft zum Extremen? Er sagt: "Ich finde: Ja. Im Klischee sind Produzenten diejenigen, die auf den Geldsäcken sitzen und verteilen. Sie sehen, hier steht kein einziger Geldsack, auch nicht unterm Tisch. Produzenten sind Möglichmacher, und zwar nicht nur materiell, sondern auch inhaltlich." Es gebe eben Projekte, die ließen einen relativ ruhig schlafen. Und es gibt die anderen. "Da liegt man jede Nacht mit weit aufgerissenen Augen im Bett".

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Quelle:
SZ vom 06.05.2015
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