Polizeiruf 110 Wenn was runtertickt, sorgt das immer für Dramatik

Gegen den Countdown: Matthias Matschke als Dirk Köhler.

(Foto: Frédéric Batier/MDR)

Deshalb ist beim "Polizeiruf" aus Magdeburg stets ein Countdown eingeblendet, der einen Wettlauf mit der Zeit simuliert. Für sich hat der Entführungsfall nämlich keinerlei Spannung.

TV-Kritik von Holger Gertz

Der Magdeburger Polizeiruf "Dünnes Eis" erzählt eine Geschichte aus dem Leben der kleinen Leute, der Kims und Michelles. Eine Entführung am Anfang, die Ermittler ermitteln in alle Richtungen, sie treten ein in einen Wettlauf mit der Zeit: klassisches Spielmaterial also für einen klassischen Krimi, den sich jene Kunden wünschen, denen der Sonntagabend inzwischen zu experimentell geworden ist.

Die Geschichte von Regisseur Jochen Alexander Freydank und gleich mehreren Autoren ist auf Nachvollziehbarkeit getrimmt, am Bildrand eingeblendet jeweils der aktuelle Countdown, "30 Minuten bis zur Übergabe". Wenn was runtertickt, sorgt das immer für Dramatik, und überhaupt ist Freydank darum bemüht, seiner Story eine Spannung aufzumalen, die sie von allein nicht hergibt. Es wird zum Beispiel sehr viel gerannt in diesem Polizeiruf. Es werden allerdings in den bodennahen Plot auch immer wieder Wendungen eingearbeitet, die so sehr unglaubwürdig sind. Bei der Geldübergabe - Bedingung: keine Polizei! - stehen im Panorama Polizisten in Polizeiklamotten rum und trinken Kaffee, weil sie angeblich nicht eingeweiht gewesen sind. Deswegen muss das dann alles sehr dramatisch abgebrochen werden.

"Ist därrr Stromzähler wiedärrr kapuuutt?"

In anderen Momenten treibt der Zufall die Handlung recht fadenscheinig weiter, oder die Bilder sind brachial gegeneinandermontiert. Hier bedroht das Teppichmesser die Entführte. Schnitt. Da teilt das Obstmesser im Haus der Mutter der Entführten einen Apfel in kleine Stücke. Denn es liegt ja alles ganz nah beieinander, das Sinistre und das Heimelige. Und jeder könnte der Täter sein, auch der Deutschrusse in der Nachbarschaft, der schon so scheppernd spricht: "Ist därrr Stromzähler wiedärrr kapuuutt?"

Ein sehr konventioneller Polizeiruf, der so gar keine zweite Ebene hat und deshalb auch gern etwas kürzer hätte sein dürfen. Sogar die immer sehenswerten Claudia Michelsen und Matthias Matschke - als Ermittler Doreen Brasch und Dirk Köhler - wirken irgendwie verschenkt.

Matthias Brandt "Polizisten finden fast immer doof, was wir machen"

Matthias Brandt im Interview

"Polizisten finden fast immer doof, was wir machen"

Matthias Brandt hat seinen Abschied als TV-Kommissar eingereicht. Ein Gespräch über Freiheiten beim "Polizeiruf", überschätzte Zauberworte und Hanns von Meuffels' Leben danach.   Interview von Holger Gertz und Katharina Riehl

Polizeiruf 110, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.