Polizeiruf Magdeburg:Psychologische Hilfe? Will sie nicht

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Polizeiruf Magdeburg: Viele Wahrheiten, wenig Gewissheiten: Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen, hier mit Kai Müller) muss auch beim Offensichtlichen sehr genau hinschauen.

Viele Wahrheiten, wenig Gewissheiten: Kriminalhauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen, hier mit Kai Müller) muss auch beim Offensichtlichen sehr genau hinschauen.

(Foto: Conny Klein/dpa)

Ein Mann tötet im Zorn einen Fremden, weiß aber überhaupt nicht, warum. Ein Spiel um Traumata, Kidnapping und viele Wahrheiten beginnt. Klingt vogelwild, ist aber ein stimmiges Meisterwerk.

Von Claudia Fromme

Die Krimis fahren wieder in die Ferien. Bis Ende August wird es keinen frischen Tatort oder Polizeiruf geben, so als würden alle interessierten Menschen wochenlang auf eine einsame Insel fahren und ihren Verstand ausschalten, dabei aber gerne weiter Gebühren zahlen. Da hätte man nun konsequenterweise einen flauschigen Tatort aus Münster programmieren können, um halbseicht in die Sommerpause zu gleiten. Gut, dass es anders gelaufen ist und im Polizeiruf aus Magdeburg ein empfindsamer Mensch mit einem Nothammer aus dem Zug einem tumben Menschen den Kopf einschlägt.

Der Krimi heißt "Black Box" und im Kopf von Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ist es genauso durcheinander wie in dem von Adam Dahl (Eloi Christ). Der saß gerade noch gut gelaunt mit seinem Freund Tomi im Zug, als ihn ein Unbekannter, der telefonierend in ihr Abteil steigt, rasend macht und er ihn im Rausch tötet. Warum? Das weiß er nicht. "Irgendwas passiert hier drin", sagt er verzweifelt. "Da ist ein Loch in meinem Kopf." Der Täter steht also sofort fest, aber darum geht es Brasch nicht. Sie will wissen, warum er so ausgerastet ist, was sein Motiv ist. Vielleicht auch, weil sie ihr eigenes Päckchen zu tragen hat. Soeben hat sie vor Gericht gegen ein Verbrecherpaar ausgesagt, das Frauen in seinem Keller malträtiert hat, Brasch war eine von ihnen. Psychologische Hilfe? Will sie nicht, schafft sie allein, glaubt sie, wie sie sich auch sonst durchbeißt. In ihrem fünfzehnten Fall in Magdeburg hat sie sich endgültig als Alleinermittlerin positioniert, ein erfrischender Gegenpol zum ausufernden Teamwork im Tatort.

Hauptkommissarin Brasch hat allen Grund, sich mit Belastungsstörungen zu befassen

Brasch will nicht in ihre eigene Seele schauen - und muss sich doch mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Erinnerungen befassen, denn genau darum geht es bei Adam. Dass einer so ganz ohne erkennbares Motiv eine Person vernichten will, ist allein schon ein starkes Thema in diesem Krimi, bei dem Zora Holtfreter Regie geführt und Ute Wieland das Buch geschrieben hat. Aber der Polizeiruf zieht noch viele weitere Ebenen ein. Adam Dahls Eltern sind ein ehemaliger LKA-Direktor und eine renommierte Psychologin, die sich - selbstredend - mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Erinnerungen befasst. Sie grätschen unlauter in die Ermittlungsarbeit, lassen Scheine knistern, und am Ende geht es auch um Kidnapping, Prostituierte und falsche Identitäten.

Das mutet vogelwild an, aber dann ist die Geschichte so stimmig konstruiert und das Spiel von Claudia Michelsen so stark, dass man den Krimi auch in der Sommerpause nicht vergessen wird.

Polizeiruf, Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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