Polizeiruf 110: "Im Alter von ..." Die verbotene Folge

Die Krimiserie "Polizeiruf 110" verriet oft mehr über die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR als eigentlich erlaubt war. Das MDR feiert ihren 40. Geburtstag nun mit der Erstausstrahlung einer verbotenen Folge, die vom realen Fall eines Kindermörders inspiriert wurde - und der DDR-Führung beinahe einen handfesten Skandal bescherte.

Von Hannah Beitzer

Mörder, Vergewaltiger, Diebe, Kinderschänder - das alles sollte es eigentlich nicht mehr geben im real existierenden Sozialismus der DDR. Öffentlich sprach die Führung deswegen ungern über derartige Verbrechen. Die Ausgangsbedingungen für eine ostdeutsche Krimiserie waren in den siebziger Jahren also denkbar schlecht. Umso begeisterter schalteten die Zuschauer Westfernsehen ein - im Tatort bekamen sie Sex and Crime geliefert. Das wollten die DDR-Oberen natürlich nicht lange tolerieren - und riefen 1971 dann doch ihre eigene Krimiserie ins Leben: Polizeiruf 110.

Oberleutnant Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep, rechts) befragt in einer Szene des Polizeiruf 110 mit dem Titel Im Alter von ... Till Hochstetter (Darsteller unbekannt) nach seinem Freund Ben Gerlach. Die Folge, in der die Ermittler einen Kinderschänder jagen, durfte in der DDR nie ausgestrahlt werden.

(Foto: dpa)

Bis heute gilt der Polizeiruf im Westen der Republik als ungeliebter kleiner Bruder des ungleich populäreren Tatort. Das MDR beschwört deswegen am 40. Geburtstag der Serie vor allem den gesellschaftlichen Kontext herauf und rückt die Sendung so in ein mildes Licht. "Teilweise kommt es mir ein bisschen verkrampft vor", resümiert Regisseur Bernd Böhlich in der euphorisch betitelten WDR-Dokumentation 40 Jahre Polizeiruf 110 - eine Erfolgsstory, "aber da denke ich mir dann: Ja, Gott, so waren wir halt einfach in dieser Gesellschaft." Schauspieler Henry Hübchen, der dank langer Matte und schmierigem Blick im Polizeiruf auf die Rolle des Bösewichts abonniert war, findet: "Das kommt einem vor wie ein Kindergarten, wie etwas, das man einfach liebhaben muss, weil es so gut gemeint ist."

Ob das Projekt tatsächlich "gut gemeint" oder doch eher eine gezielte Propaganda-Veranstaltung der DDR-Regierung war - darüber kann man streiten. Über die Umsetzung wachte jedenfalls das Ministerium des Inneren; es zeigte den Machern und Darstellern gestellte Dokumentarfilme über die Polizeiarbeit - oder besser gesagt über die Polizeiarbeit, wie sie eigentlich hätte sein sollen.

Um spektakuläre Fälle sollte es dabei nicht gehen, deswegen waren Morde beim Polizeiruf 110 eher die Seltenheit. Stattdessen ging es um Devisenschmuggel, Arbeitsunfälle und Diebstähle. Auch die Bösewichte waren reichlich stereotyp angelegt: Faulenzer, Taugenichtse, Individuen fernab des gepriesenen Kollektivs. Die Botschaft: Der Sozialismus duldet keine Übeltäter. Das klingt heute, in Zeiten von Privatfernsehen und amerikanischen Actionfilmen, furchtbar langweilig. Immerhin bescherte der Polizeiruf dem deutschen Fernsehen seine erste weibliche Ermittlerin: Sigrid Göhler stellte als Leutnant Vera Arndt schon Verbrecher, lange bevor beim Tatort an eine weibliche Kommissarin auch nur zu denken war.

Dass der Polizeiruf in der DDR ein Erfolg wurde, lag außerdem weniger an seinem Actiongehalt. Es gelang der Krimiserie wie nur wenigen DDR-Produktionen, die gesellschaftlichen Verhältnisse und Probleme im real existierenden Sozialismus zu zeigen. Alkoholismus war dabei ebenso ein Thema wie die Flucht in den Westen - natürlich wurde das eine wie das andere am Schluss eines jeden Polizeirufs ordentlich bestraft.

Dennoch hatte die Freiheit Grenzen - und die wurden nie deutlicher als in der Folge Im Alter von..., die der MDR am Jubiläumsabend vor der Dokumentation ausstrahlt.

Unter dem Arbeitstitel Am hellerlichten Tag griffen die Drehbuchautoren 1974 einen realen Fall auf: den des Kinderschänders Erwin Hagedorn, der zwischen 1969 und 1971 drei kleine Jungen ermordet hatte, dann verurteilt und per Kopfschuss hingerichtet wurde. Das Drehbuch entstand noch auf Anweisung des Ministeriums des Inneren - Kripo-Offiziere zeigten den Polizeiruf-Machern einen Dokumentarfilm, in dem der Täter selbst seine Taten genau erklärt und sie sogar mit einem Plastikmesser nachstellt - nicht etwa an Puppen, sondern an den Kindern von Ministeriumsangestellten. Für den Polizeiruf 110 sollte allerdings nicht der Täter, sondern die Ermittlungsarbeit der Polizei im Mittelpunkt stehen. Auch war der Pädophile darin kein junger Mann wie Erwin Hagedorn, sondern ein älterer Herr.

Doch Am hellerlichten Tag sollte nie gesendet werden. Kurz vor der Ausstrahlung wurde das Material komplett vernichtet. Der Grund: Der westdeutsche Journalist und Tatort-Drehbuchautor Friedhelm Werremeier hatte kurz zuvor von der Hinrichtung Erwin Hagedorns erfahren - und löste einen Skandal aus. Der Täter war nämlich zum Zeitpunkt der ersten Taten noch nicht volljährig gewesen und hätte deswegen nicht hingerichtet werden dürfen. Im Westen, wo die Todesstrafe längst abgeschafft war, stießen die Enthüllungen Werremeiers auf große Resonanz - die Hinrichtung diente als weiterer Beleg für die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes. Danach wollte die Führung das Interesse am Fall Hagedorn nicht auch noch durch einen Kinderschänder-Polizeiruf steigern.

2009 tauchte dann im Deutschen Rundfunkarchiv Babelsberg ein unvertontes Kameranegativ der Folge auf. Viele der Schauspieler waren inzwischen verstorben, deswegen übernahmen aktuelle Polizeiruf-Darsteller die Synchronisierung. Und so gelingt es dem Polizeiruf 110 wenigstens an seinem 40. Geburtstag, den Tatort zu übertrumpfen: Staatlich angeordnete Vernichtung, wundersame Rettung, liebevolle Aufarbeitung, späte Ausstrahlung - eine derart krimireife Entstehungsgeschichte ist bisher keiner Tatort-Folge vergönnt gewesen.

Polizeiruf 110: Im Alter von ..., Donnerstag, 23. Juni, MDR, 20.15 Uhr und 40 Jahre Polizeiruf - Eine Erfolgsstory, 21.25 Uhr

Tolle Quoten, toughe Frau

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