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"Polizeiruf" aus München:Das war's dann, oder?

Kommissar Hanns von Meuffels  Matthias Brandt in "Nachdienst".

Ein reichlich deprimierender Polizeiruf: Matthias Brandt in "Nachtdienst".

(Foto: BR/die film gmbh /Hendrik Heiden)

In "Nachtdienst", dem neuen "Polizeiruf" aus München, ermittelt Kommissar von Meuffels in einem Pflegeheim und verliert einige Illusionen zum Thema "Altern in Würde".

Kolumne von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Ein Mensch kann alles richtig machen und am Ende ist doch alles falsch. "Nachtdienst" spielt fast ausschließlich in einem Pflegeheim. Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) begibt sich also an einen Ort, den kaum jemand gerne aufsucht, und er sieht hin, wo niemand genau hinsehen möchte. Er nimmt die Alten, die hier Vergessene und Verwahrloste sind, ernst, als Zeugen und auch als Opfer. Alles, was er will, ist, ein Verbrechen aufzuklären, und trotzdem löst er eine Kettenreaktion aus, an deren Schluss zwei Dutzend Tote stehen. So ist das eben mit Verdrängung: Je länger etwas unterdrückt wird, desto heftiger entlädt es sich irgendwann. Das gilt für Individuen wie für Gesellschaften.

Darum geht's:

Eigentlich will Kommissar von Meuffels nur eine Zigarette vor der Polizeiwache rauchen, da trifft er auf die Seniorin Elisabeth Strauß (Elisabeth Schwarz). Strauß redet etwas von einem Mord, reichlich wirr klingt das, offensichtlich ist sie demenzkrank. Jeder andere hätte die Frau nun zurück in ihr Pflegeheim geschickt und die Sache vergessen. Aber von Meuffels ist eben nicht wie jeder andere. Das zeigt sich schon daran, dass er es schafft, die Formulierung "Gnädigste" zu benutzen und dabei kein bisschen schmierig rüberzukommen. Von Meuffels vergisst die Sache also nicht, sondern er nimmt im Pflegeheim der gnädigen Frau Strauß Ermittlungen wegen Mordes auf. Eine Nacht lang streift er durch die Gänge, befragt Pfleger und Heimbewohner. Fast schon obsessiv wirkt seine Hartnäckigkeit, zumal lange gar nicht klar ist, ob der kurz zuvor im Heim verstorbene Herr Urban überhaupt ermordet worden ist. Am Morgen hat von Meuffels dann zwar ein Verbrechen aufgeklärt, aber auch einige Illusionen zum Thema "Altern in Würde" verloren.

Bester Dialog:

Wenn es in diesem doch reichlich deprimierenden Polizeiruf etwas Tröstliches gibt, dann ist es die Beziehung zwischen der demenzkranken Elisabeth Strauß und Kommissar von Meuffels. Zwischen den beiden herrscht eine Vertrautheit, als würden sie sich schon seit Jahrzehnten kennen. In einer Szene spielt Strauß, die nicht schlafen kann, im Gemeinschaftsraum des Pflegeheims Klavier. Auf einmal stockt sie, sie hat vergessen, wie die Partitur weitergeht. Von Meuffels spielt ihr die Tonfolge vor. Ein Mann, der seine alte Klavierlehrerin besucht, könnte man meinen. Strauß, plötzlich ganz klar im Kopf, beendet das Stück. Die Stille danach löst bei der alten Frau Gedanken über die eigene Endlichkeit aus, auf die der Kommissar mit der von-meuffelsschen Lakonie reagiert:

Elisabeth Strauß: Das war's dann, oder? (Pause) Das ist nicht fair.

Hanns von Meuffels: Nee, ist es nicht.

Flop:

Wer Fernsehen mit pädagogischem Impetus nicht leiden kann, den dürfte "Nachtdienst" erst einmal abschrecken. Denn dieser Polizeiruf reiht sich ein in das Genre des öffentlich-rechtlichen Aufklärungskrimis. Es gibt hier ein Thema, den Pflegenotstand, und dieses Thema wird sehr gewissenhaft durchdekliniert. Da sind ausgelaugte Pfleger, die unter Personalmangel leiden, verzweifelte Heimbewohner, die eher verwahrt als gepflegt werden, und überforderte Angehörige, die nicht mitbekommen, dass ihre Eltern sexuell belästigt werden. Dazwischen flackert das Neonlicht in den Fluren, man sieht Erbrochenes, Bettpfannen und Müllsäcke mit Exkrementen und die Kamera verharrt sehr lange auf soeben verstorbenen Heimbewohnern. Wer es immer noch nicht verstanden hat, dass mit der Pflege in Deutschland etwas nicht stimmt, bekommt zum Ende hin noch einen pensionierten Scharfschützen präsentiert, der Amok läuft, damit man, wie er sagt, endlich aufhöre, "alte Menschen wie Schlachtvieh zu behandeln". Es hätte diesem Polizeiruf gut getan, wenn man ihm sein Anliegen ein bisschen weniger angemerkt hätte.

Top:

"Nachtdienst" hat etwas ganz wunderbar Flirrendes an sich. Das liegt natürlich zu einem großen Teil an der freischwebenden Figur des Kommissar Hanns von Meuffels, der nie so ganz in der banalen Gegenwart zu leben scheint, mit der sich alle anderen Erdenbewohner rumplagen müssen. Aber auch sonst herrscht in diesem Polizeiruf eine zauberhafte Stimmung. Das fängt schon mit der ersten Szene an, die eigentlich die letzte ist. Man sieht von Meuffels am Totenbett der erschossenen Frau Strauß, dann spult sich der Film zurück, unsichtbare Kräfte ziehen den Kommissar aus dem Zimmer, den Flur entlang, wo der blutüberströmte Körper eines Pflegers liegt und plötzlich springt die Geschichte an den Anfang, neun Stunden vor dem Amoklauf. Diesen zarten, ein bisschen rätselhaften Ton behält "Nachtdienst" bei. Die meiste Zeit irrt von Meuffels durch die geisterhaften Gänge des Pflegeheims und torkelt von einer grotesken Begegnung zur nächsten: Ein Mann mit Strickjacke, der sich einbildet, Teil einer Putzkolonne zu sein, ein weißhaariger Kauz, der ein bisschen an Peter Simonischek in "Toni Erdmann" erinnert (sein Kommentar zu den entfernten Rufen eines Heimbewohners: "Das ist der Justus, der macht's auch nicht mehr lange"). Irgendwann begegnet sich von Meuffels selbst im Traum. Abgehalftert, mit Bademantel und fettigen Haaren, schaut er seine jüngere Version an, überlegt kurz und sagt trocken: "Du Arschloch". In seinen besten Momenten ist "Nachtdienst" genau so: ein fiebriges Kammerspiel, großartig gespielt und klug inszeniert.

Die besten Zuschauerkommentare:

© SZ.de/doer/sks
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