Nachlese zum "Polizeiruf 110" aus Magdeburg Alles ist zerrüttet

Vor persönlichen Problemen bleiben in "Abwärts" auch Brasch und Drexler nicht verschont.

(Foto: MDR/Oliver Feist)

In diesem Magdeburger Fall beherrschen Aggression und Verwirrung die Handlung. Wer überzeugt trotzdem in "Abwärts"? Die Nachlese zum "Polizeiruf" - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Von Carolin Gasteiger

Darum geht es:

Ein junger Mann liegt tot in der Straßenbahn, der 15-jährige Lukas wird vermisst. Kommissar Drexler zieht bei den Vernehmungen seinen alten Bekannten, Sozialarbeiter Peter Ruhler, zu Rat. Doch der wird schnell selbst zum Verdächtigen. Und der Fall entwickelt sich zur unaufhaltsamen Abwärtsspirale.

Lesen Sie hier die ausführliche Krimi-Rezension:

Redlich bemüht

"Abwärts" heißt der zweite "Polizeiruf 110" aus Magdeburg, am Niveau des ersten Films ändert sich aber leider wenig. Die großartigen Schauspieler Claudia Michelsen und Slyvester Groth ermitteln in einem höchstens artigen Krimi. Von Katharina Riehl mehr ...

Bezeichnender Dialog:

Kommissar Drexler und sein Kollege Mautz verhören einen ehemaligen Bundeswehrsoldaten und Ex-Kameraden von Peter Ruhler. Wiedemann hatte mit Ruhler zusammen im afghanischen Kunduz einen Autounfall und sitzt seitdem im Rollstuhl. In einer Turnhalle, in der sein Sohn an der Wand klettert, erzählt er von dem Unfall.

Wiedemann: Haben Sie schon mal ein totes Kind gesehen?

Drexler: Was für ein totes Kind?

Wiedemann: Was? Haben die Ihnen das nicht gesagt?

Drexler: Nein.

Wiedemann: Peter hat bei dem Unfall einen kleinen Jungen überfahren. Einen Albaner, acht Jahre alt. Peter ist zu ihm hingerannt, ich konnte ja nicht mehr aussteigen. Da war eine Ziege, die hat dem Jungen da so an der Hand ... Die Ziege hat überlebt.

Beste Szene:

In diesem Fall ist die Aggressionsschwelle aller Beteiligten sehr niedrig, inklusive der Kommissare. Nettigkeiten oder gar körperliche Zuwendung sucht man vergeblich, eher wird beschimpft, geschlagen und geschossen. Aber kurz bevor der Bus abfährt, der Lukas zu seiner Mutter bringt, wird der Junge von seinen Gefühlen überwältigt. Er hält den Busfahrer an, die Türen nochmal zu öffnen, stürzt raus und fällt Peter Ruhler, seinem Beschützer, um den Hals. Beide fangen an zu weinen. Ein kurzer, aber intensiver Moment - der berührendste im ganzen Film.

Die Erkenntnis:

Tristesse, von Anfang bis Ende. Und das bezieht sich nicht nur auf den Inhalt. Dem Film fehlt der eigene Charme, denn der MDR hat nicht nur auf Themen gesetzt, die alle schon mal da waren, sondern auch auf eine schon bekannte Kommissarskonstellation. Flotte, vorlaute, leidenschaftliche Kommissarin trifft auf schrulligen, eigenbrötlerischen Kommissar: Das kennen wir doch schon aus dem Frankfurter Tatort, wo Nina Kunzendorf und Joachim Król sich bis vor kurzem in bester Manier fetzten. In diese Kerbe schlagen nun auch Michelsen und Groth, die mehr Freiheiten zweifelsohne verdient hätten. Wie gesagt: trist. Und dann spielt der Fall auch noch im Winter.

Die besten Zuschauerkommentare:

Top:

Sylvester Groth alias Kommissar Drexler ermittelt auf seine ganz eigene Art. Da braucht es weder viele Worte noch prägnante Mimik. Ein Zucken der Augenbrauen und das Gegenüber weiß Bescheid. In all den verworrenen Handlungssträngen ist Groth alias Drexler mit seiner Schrulligkeit und den subtilen Spitzen die einzige Konstante. Und immer wieder gut.

Flop:

"Abwärts" spielt erzählerisch auf zu vielen Baustellen. In 90 Minuten packen die Macher Tram-Schläger, Eifersucht, zerrüttete Familien, Computerkriminalität, einen traumatisierten Ex-Soldaten und auch noch eine ungewollte Schwangerschaft. Dazu kommt das ebenso zerrüttete Privatleben der Kommissare: Der rechtsradikale Sohn der Kommissarin sitzt im Knast, Drexlers 26-jährige Tochter wird von ihrem Freund geschlagen und flüchtet zu ihrem Vater. Eigentlich wollte der MDR die persönlichen Angelegenheiten der Ermittler außen vor lassen. Das wäre besser gewesen, denn in "Abwärts" ist es der Ausweglosigkeit einfach zu viel.