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"Polizeiruf" aus Brandenburg:Religiös vereifert

Polizeiruf 110: Heilig sollt ihr sein

Verstrahlt und bedroht: der Prophet (T. Gronau, mit K. S. Kahre).

(Foto: Arnim Thomaß/rbb)

Im leider völlig überfrachteten Fall "Heilig sollt ihr sein!" vom RBB wird eine Spätabtreibung verhindert und ein Prophet mit Zahnbürste bedroht. Noch Fragen?

Von Holger Gertz

Im modernen Kriminalfilm ist das Oberthema der Geschichte oft auch gerade Thema im Leben des Kommissars. Beispiel: Jemand ermittelt in der Junkie-Szene, dann stellt er fest, dass auch die eigene Tochter soeben mit Rauschgift in Kontakt gekommen ist. Oder, Tatort Saarbrücken vor ein paar Wochen: Der Plot handelt von einem Geheimnis in einer zerklüfteten Familie, parallel tritt das Geheimnis in der zerklüfteten Familie des einen Kommissars in Erscheinung. Womöglich ist es leichter, Haupt- und Nebengeschichte in Beziehung zu setzen, wenn man eine Story sozusagen doppelt erzählt. Allerdings funktionierte es auch mal anders: Kommissar Keller (Erik Ode) durchleuchtete öfter die Hippieszene - aber in seinem privaten Kommissarsleben hatte er mit Hippies null zu tun.

Am Ende taucht das Muttermal sogar wieder auf

Der Polizeiruf "Heilig soll ihr sein!" vom RBB (Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Hendrik Hölzemann) erzählt nun die Geschichte des jungen, religiös verstrahlten Jonas Fleischauer (Tom Gronau). Im Krankenhaus von Frankfurt/Oder sorgt er dafür, dass - vorsichtig gesagt - die Spätabtreibung einer jungen Frau nicht wie geplant über die Bühne geht, stattdessen liegt da bald ein Baby im Brutkasten, mit einem Muttermal hinterm Ohr. Das Muttermal taucht am Ende sogar wieder auf. Dieser Jonas also sieht sich als moderner, streamender Prophet Elias, so fängt die Geschichte an, und parallel wird dann aus dem Leben des Ermittlers Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) erzählt, dessen Mutter Krebs hat und sagt: "Gott straft mich für meine Härte." Der Kommissar hat also beruflich und privat mit religiöser Eiferei zu tun, diese Dopplerzählung überfrachtet den sowieso überfrachteten Film. Am Ende schleppt Raczek seine arme Mutter sogar mit zum Showdown, wo ihr wundersamerweise ermöglicht wird, den Propheten zu bitten: "Mach mich gesund!" Der Prophet kann aber grad nichts für sie tun, er wird mit einer Zahnbürste bedroht.

Ein Wunder kann immer mal geschehen, hier sind es zu viele. Dass der Prophet seine Kamera in der Abtreibungsklinik in Gang setzen kann, ist ein weiteres, er darf aber auch in der Pathologie herumspazieren, sämtliche Türen öffnen sich ihm, der da sagt: "Ich heiße Elias, und Gott hat mich angesehen." Der Ermittler Raczek dagegen verschwindet einfach, und als er wieder da ist, stellt Kollegin Olga Lenski (Maria Simon) die Frage: "Sind sie eigentlich komplett bescheuert geworden?" Ihre Fassungslosigkeit ist nachvollziehbar, in einer sonst sehr aus der Fassung geratenen Story.

Polizeiruf. Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

© SZ vom 02.05.2020/cag
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