Politischer Journalismus Quatsch und Katastrophen

Sophie von der Tann (l.), Max Osenstätter und Helene Reiner teilen auf Instagram den News-WG-Alltag und erklären Nachrichten.

(Foto: Max Hofstetter/BR)

Instagram gilt nicht gerade als der ideale Ort für Nachrichten. Der Bayerische Rundfunk probiert es trotzdem: ein Besuch bei der News-WG.

Von Aurelie von Blazekovic

Max Osenstätter schiebt einen Sack voller Altglas über den Boden und ruft aus der Küche: "Ich muss heute ja gar kein Chaos herrichten." Die Unordnung passt praktischerweise zur Szene, die hier gleich gedreht wird. "Weißt du, was du sagen musst?", fragt er Helene Reiner, die sich hinter seiner Schulter positioniert hat. Er hebt ein iPhone in Selfie-Ausrichtung hoch über sich, dann geht es los: Helene Reiner brüllt "Notstand in der News-WG!" und haut auf einen rot-blinkenden und tütenden Alarmknopf, beide lachen. Max Osenstätter sieht in die Kamera und klärt auf: "Also wir haben nicht wirklich den Notstand ausgerufen, aber Donald Trump hat den Notstand in den USA erklärt." 15 Sekunden Aufnahme, dann nimmt er den Arm herunter. "Hat das so gepasst?" Auf der Ledercouch im Wohnzimmer sieht Redakteurin Ann-Kathrin Wetter den Clip am Handy nochmal an, diesmal passt alles.

Ein paar Stunden vorher sitzen in der Wohnung im Münchner Glockenbachviertel zwischen Couch, Esstisch und Zimmerpflanzen verteilt fünf Mittzwanziger mit Macbooks auf dem Schoß, das Team hinter der News-WG. Max Osenstätter, 24, und Helene Reiner, 28, sind ihre Bewohner. Sozusagen. Denn eine normale WG ist das nicht, dafür sehen hier schon die Möbel ein wenig zu hochwertig aus. Hier werden Nachrichten gemacht. Die News-WG ist ein Nachrichtenformat des Bayerischen Rundfunks auf dem Fotonetzwerk Instagram.

Osenstätter, Reiner und die Redaktion hinter der Kamera bereiten dort jeden Tag das politische Geschehen auf. Aus der Selfie-Perspektive gefilmt und verständlich erklärt, dazu ein bisschen Quatsch und Einblicke in das WG-Leben von Max und Helene (BR hin oder her, bei der News-WG gibt es nur Vornamen). Das Konzept ist auf Instagram ziemlich einzigartig, für den BR ein umso gewagteres Projekt. Zwar versucht sich auch der WDR mit dem Format "Mädelsabende" auf Instagram, aber dort geht es plattformtypischer um "Beziehungen, Zukunft und Pizza".

Instagram ist eigentlich ein Refugium des Zeitvertreibs, wo sich wenig weltpolitisches Geschehen, dafür viel Selbstdarstellung findet. Influencer posten schöne Bilder und geben mehr oder weniger von ihrem Privatleben preis. Die App ist eher Lifestyle-Magazin als Nachrichtensendung. In den sogenannten Instagram-Stories lassen sich mehrere Fotos und Videoclips mit je 15 Sekunden Maximallänge zu einer Story zusammensetzen. Diese Funktion nutzt die News-WG um persönlich erzählte Nachrichtenbeiträge zu machen. Der News-WG folgen inzwischen knapp 30 000 Menschen, im Februar wurde das Projekt mit dem "Goldenen Blogger" für den besten Instagram-Account des Jahres ausgezeichnet.

Die Wohnung ist Büro und Studio in einem, und WG ist sie eben auch. Draußen am Balkon stapeln sich Bierkästen, irgendwann fragt jemand, von wem jetzt eigentlich die Puddings im Kühlschrank sind. Schlafzimmer, in denen übernachtet wird, gibt es auch, Osenstätter und Reiner haben aber noch "einen privaten Rückzugsort, damit wir nicht immer hier sein müssen", sagt Reiner. Was der News-WG und dem BR wichtig festzuhalten ist: "Das ist kein Büro, keine Kulisse, das ist eine echte WG."

Im Wohnzimmer bereitet Redakteurin Ann-Kathrin Wetter mit den beiden Hosts den Dreh der Story vor, die noch am gleichen Abend gepostet wird. Die Arbeitsatmosphäre ist leger, aber der Tag bis zur Produktion, also dem Filmen und Posten der Videoclips als Instagram-Story, besteht aus normaler journalistischer Arbeit: Recherche, Anrufe bei Behörden, Texte schreiben. In Socken und Hausschuhen, mal am Esstisch, mal vom Sofa, oder auch im Bett. "Wir fragen uns manchmal, wie normale Leute arbeiten, die sich nicht zwischendurch mal ins Bett legen können", sagt Redakteurin Ann-Kathrin Wetter und lacht.

Die Idee, Nachrichten von Journalisten, die WG-Mitbewohner sind, erklären zu lassen, kam aus einem Projekt aus dem BR-Volontariat von Helene Reiner, Redakteurin Ann-Kathrin Wetter und Sophie von der Tann. Sophie von der Tann war auch als News-WG-Host vor der Kamera, ist aber inzwischen für eine Korrespondentenstelle im BR-Hauptstadtstudio nach Berlin gezogen und liefert von dort aus ab und zu Themen aus dem Bundestag. "Unsere Fernbeziehungs-Mitbewohnerin", wie Helene Reiner sie nennt. Max Osenstätter ist im Januar für sie eingesprungen, der Neue in der WG. Jeden Tag produziert und postet die News-WG eine Story zu einem Thema mit "politischer Dimension": Bienen-Volksbegehren, Hebammenmangel, Mikroplastik. Heute: der US-Notstand. Um den erklären, wollen Osenstätter und Reiner einen Sketch aufführen. Helene gibt den Trump, der die Finanzmittel einfriert, weil er seine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen will. Nur friert sie die Mittel der WG ein, weil sie einen Staubsaugerroboter kaufen will. Und Max verkörpert die Demokraten im US-Kongress und regt sich über die sture Helene, also Trump, auf. "Du Schmollkopf", ruft er beim Dreh in der Küche - halt Stopp, Handy runter: "nicht Schmollkopf, sonst nennen wir ja Trump einen Schmollkopf", meint die Redakteurin. Noch mal. Nach jedem Clip beugen sich mindestens drei Leute über das Handy "Soll ich noch mehr overacten?" - "Ne, passt". Zwischendurch viel Gelächter, denn klar, das Improvisationstheater ist ein bisschen albern, aber es ist genau das, was die News-WG mit "politische Themen in den Alltag der WG reinholen" meint. Etwas Abstraktes, Kompliziertes so darstellen, dass es für ein Publikum ohne Vorwissen verständlich ist und Spaß macht. "Alle 15 Sekunden kann der Zuschauer entscheiden, nicht mehr weiterzuschauen", sagt Redakteurin Wetter. Bei jeder Geschichte müsse man daher die Balance zwischen Spaß und Information finden.

Und weil es Instagram ist, bedeutet Spaß auch ein bisschen zu influencen, sich den "Stilmitteln des Mediums zu bedienen". Mit entsättigten Fotos von Max beim Kaffeetrinken, von Helene beim Nachdenken auf dem Bett. Mehr Privatheit gibt es aber nicht. Follower, die wissen wollen, ob Max Single ist, oder von welcher Marke die Jacke ist, die Helene trägt, bekommen ein freundliches "sagen wir nicht".

Außerdem ist der Anspruch der WG natürlich ein journalistischer. Bei ihnen würden die Zuschauer ein Thema oft zum ersten Mal überhaupt verstehen, meint Redakteurin Ann-Kathrin Wetter. Verständlich erklären ist viel Arbeit, es vergehen zwei Stunden, bis die elf Clips gedreht sind. Dann muss alles noch auf Instagram gepostet und mit Erklärtexten versehen werden - nochmal zwei Stunden Fummelei am Smartphone. Außerdem beteiligen sich die Follower der News-WG in Kommentaren und Privatnachrichten stark. Um die Nachfragen zu beantworten, täglich über hundert Nachrichten, gibt es eine Community-Managerin. "Die Leute denken immer, ach, so bisschen Instagram ist schnell gemacht", sagt sie. Bei einer Story, in der Osenstätter auf der Münchner Sicherheitskonferenz Ursula von der Leyen interviewt hat, durften die Follower davor entscheiden, ob er Jeans oder Anzughose anziehen soll. "Das könnte man belächeln und albern finden, aber es nimmt die Hürde, sich inhaltlich zu beteiligen, seine Meinung zu politischen Themen kundzutun", sagt Wetter.

Beim Drehen ist Osenstätter inzwischen beim informativen Teil der Story angekommen. Er erzählt, dass es in den letzten 40 Jahren 59 Mal vorgekommen ist, dass ein US-Präsident den Notstand ausgerufen hat, dass 16 Bundesstaaten Trump vor dem Bundesgerichtshof in San Francisco angeklagt haben. Der ewige Kampf: So viel Inhalt wie möglich in die zwei, drei Sätze packen, die sich in 15 Sekunden in die Handykamera sagen lassen. Schnell genug, ohne Versprecher, ohne, dass ein Redakteur im Hintergrund zu sehen ist. "Max, mach mal deine Haare frecher", ruft Wetter vom Sofa.

Der letzte Clip soll dann nochmal lustig sein, die Sache mit Trump und dem Kongress ist erklärt. Max und Helene improvisieren einen kleinen Streit darüber, wer denn für den Saustall in der Küche verantwortlich sei. Max ruft: "Wer räumt das jetzt auf? Redaktion!", Gelächter in der WG. Er, Helene und Ann-Kathrin Wetter beugen sich ein letztes Mal über das Handy.