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Politik-Journalimus:Verschwörung zum Besseren

ALS Gala am Montag 22 09 2014 in Berlin mit Manfred Bissinger und Gerhard Schröder

Zwei, die sich immer gut verstanden haben. Das war 2014 bei einer Gala der Hilfe für ALS-kranke Menschen so. Und so war es auch am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung von Manfred Bissingers Biografie „Meinungsmacher“. Für Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (l.) war es eine Ehre als Lobredner aufzutreten.

(Foto: Wiegand Wagner/imago)

Das Leben des Publizisten Manfred Bissinger wird nun in einer Biografie gewürdigt. Bei der Vorstellung lässt er mit Ex-Bundeskanzler Schröder die Medien-Seilschaften früherer Zeiten wiederauferstehen.

Wie ein Märchen aus uralten Zeiten klingt es, wenn Manfred Bissinger erzählt, dass er nicht als Redakteur ins Feuilleton des Kölner Stadt-Anzeigers durfte, weil er kein Abitur hatte. Blieb für den journalistischen Ehrgeiz nur der Weg in die tiefste Provinz, ins beschauliche Bad Wörishofen und zu der Zeitschrift Vieh- und Fleischwirtschaft, bei der er bald einen Leitartikel mit der vielversprechenden Überschrift "Schweinehälften in der EWG" schreiben konnte. Die weitere Karriere bis in die Chefredaktion des Stern war damit nicht mehr zu verhindern.

Bissinger, der nächstes Jahr achtzig wird, hat die goldene Zeit des deutschen Journalismus nicht nur miterlebt, sondern mitgestaltet. Er war Reporter beim Fernsehmagazin Panorama, wurde der Kronprinz von Henri Nannen, flog raus, weil der Stern, ein vorzeiten erstaunlich kritisches Magazin, deutsche Unternehmer, darunter den Bertelsmann-Chef und Stern-Mitbesitzer, als Steuerflüchtlinge entlarvt hatte, war zwischendurch Sprecher des Hamburger Senats. Er leitete konkret, wo er die Akten von Hans Langemann, der ein eigenes, die Welt vom Vatikan bis Vietnam umspannendes Spionagenetz aufgezogen hatte, veröffentlichte und damit den BND als Bewahranstalt von größenwahnsinnigen Agenten bloßstellen konnte, wurde Chefredakteur von Natur und Merian, bis er 1993 sein eigenes Blatt in die Hand bekam, die meinungsstarke Wochenzeitung Die Woche.

Wie das alles zuging, erzählen Hermann Schmidt und Miriam Bernhardt in ihrer "biografischen Spurensuche", die den "Meinungsmacher" Bissinger entschlossen in den Titel hebt (erschienen im neuen Verlag Berg & Feierabend, 24,90 Euro). Kein Firmensenior könnte sich eine beflissenere Festschrift wünschen, die mit Ruhmreden nicht geizt und Stilblüten keineswegs verschmäht. Das Werk, das am Mittwoch in der Hamburger Landesvertretung in Berlin vorgestellt wurde, wäre jedoch nichts ohne seinen Gegenstand, für den als zusätzliche Attraktion ein weiterer Politik-Veteran gewonnen werden konnte, nämlich Gerhard Schröder. Als "ehemaliger Bundeskanzler" sei es eine Ehre für ihn, als Lobredner für seinen Freund aufzutreten. Das war keine Selbsterhöhung, denn es war schließlich Bissinger, der Schröder in der Woche hingebungsvoll ins Kanzleramt geschrieben hat.

Bissinger gibt zu: Mit seiner abgrundtiefen Liebe zu Schröder war es nicht immer ganz leicht

Auch das klingt wie ein Märchen und ist doch die lautere Wahrheit. Mit seiner "abgrundtiefen Liebe zu ihm", das gibt Bissinger zu, war es in der eigenen Redaktion selbst für den Chef nicht immer ganz leicht. Der Angebetete hatte seinerseits kein Problem damit, wenn sich ein Journalist und insbesondere der Meinungsmacher Bissinger, "mit mir gemein" machte. 1998 war das Unternehmen vollendet: fast dreißig Jahre nachdem von Hamburg aus der ersten sozialliberalen Koalition zum Sieg verholfen worden war, schaffte es Schröder mit einer rot-grünen ins Kanzleramt.

Mit dem ersten Sieg ist der Meinungs- und Kanzlermacher Bissinger sogar in die Nachkriegsgeschichte eingegangen. Bissinger und seine Freunde verfolgten ein zutiefst vernünftiges Projekt: "Wir waren fest davon überzeugt, dass Deutschland nicht länger von der CDU regiert werden sollte", und so beansprucht er für sich, von 1967 an zusammen mit dem Stern-Gründer Henri Nannen die deutschnationale FDP auf den rechten Weg an die Seite der als links verdächtigten SPD geführt zu haben. Die neue Ost- und Entspannungspolitik wurde unter anderem begleitet von einer treuen Unterstützertruppe, die mit dem eingespielten Revanchismus der Nachkriegsjahre nichts mehr zu tun haben wollte.

Der große Gegner hieß damals Axel Springer, der in seinen Zeitungen wie keiner sonst Meinung und Politik machte. Auch dagegen machte Bissinger Politik, indem Themen und Kampagnen mit Werner Friedmann, dem Chefredakteur der Abendzeitung, verabredet wurden. Es gab also, wie an diesem luftigen Mittag in der Hamburger Landesvertretung beiläufig enthüllt wurde, nicht nur die "Hamburger Kumpanei" der linksliberalen Verleger Gerd Bucerius und Rudolf Augstein, sondern eine weitreichende Verschwörung zum Besseren, womöglich sogar zu mehr Demokratie und in jedem Fall zu einem ehemaligen Emigranten als Bundeskanzler.

Auch diese Art Journalismus gibt es nicht mehr. Schröder äußert seine Abscheu vor dem "Dreck", der heute übers Internet und besonders gern an Politiker ausgeteilt werde. Nicht weiter überraschend rechnet er sich noch zur analogen Generation, gibt aber dann zu, dass auch er seinerzeit gern so direkt zum Volk gesprochen hätte, wie das heute mit unzensierten Tweets möglich ist. Zwei, drei Minuten nach der Tageschau dem Volk erklären, wie die Dinge liegen, so habe er sich das vorgestellt. "Aber das haben die mir nicht gegeben."

So wird, moderiert von Katja Kraus, heiter hin und her geplänkelt und die gute alte Zeit der jeweiligen Machtteilhabe beschworen. Nur einmal zuckt der Ex-Kanzler zusammen, und einen Moment droht sogar der ständig beschworenen Freundschaft Gefahr. Bissinger erinnert daran, dass er auch Angela Merkel groß herausgebracht habe. Schröder scheint zu erbleichen. "Die hat mich doch abgelöst", protestiert er, während er, was er nicht sagt, seinen Lebensunterhalt seither mühsam mit Aufsichtsratsmandaten verdienen muss. Bissinger besteht aber darauf. "Angie, wer sonst?", titelte die Woche 1999 und bestimmte sie damit zur Nachfolgerin des in der Spendenaffäre aufgeflogenen CDU-Vorsitzenden Kohl.

Schnell kann sich Schröder wieder beruhigen. Zu Merkels ehemaligen Konkurrenten, den "Jungen Wilden" in der CDU - Roland Koch, Günther Oettinger, Christian Wulff-, fällt dem ehemaligen Gorleben-Demonstranten Schröder nur ein: "Unglaublich wilde Gestalten", was ihm Szenenapplaus einbringt. Er kann es noch wie früher.

Peer Steinbrück, der gerade mit dem Kabarettisten Florian Schroeder unterwegs ist, macht es vor: Auch nach dem Ende der Politik muss nicht aller Tage Abend sein. Viel Geld allein macht doch nicht glücklich, aber bestimmt die eine oder andere Spitze gegen Angela Merkel und ihre designierte Nachfolgerin. Die beiden Veteranen Schröder & Bissinger sollten mit ihrem Programm auf Tournee gehen. Deutschland braucht solche Meinungsmacher.