Was ist "Politico"?:Transatlantisch

Was ist "Politico"?: "Politico"-Herausgeber Robert Allbritton.

"Politico"-Herausgeber Robert Allbritton.

(Foto: Politico)

Dass die Skandale bei Axel Springer in den USA für Gesprächsstoff sorgen, hat auch damit zu tun, dass der Konzern dort gerade eine Zeitung gekauft hat. Und zwar nicht irgendeine. Was ist "Politico"?

Von Clara Meyer

Irgendwann am Montagabend haben sich die Nachrichten aus dem Springer-Konzern überschlagen. Bei den Enthüllungen um den inzwischen rausgeworfenen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt spielte auch die amerikanische Berichterstattung eine Rolle, die New York Times erzählte von Sex, Lügen, Machtmissbrauch, von den "sneaky" Methoden des Konzernvorstands und Reichelt-Chefs Mathias Döpfner. Und immer wieder fiel dabei der Name Politico. Die Zeitung, deren Kauf Springer dann am Dienstag abschloss, macht die Missstände beim Springer-Boulevardblatt auch in den USA relevant. Auch, weil mit diesem Zukauf nach dem Erwerb des Nachrichtenportals Insider 2015 der Einfluss Springers in den USA weiter steigt. Um zu verstehen, wie sehr, muss man die Frage stellen: Was genau ist Politico?

Gegründet wurde die Zeitung 2007 in Washington, D.C., im Herzen der US-Politik, anders als viele amerikanische Medien sollte Politico nicht einem bestimmten politischen Lager zuzurechnen sein, dazu beitragen sollten auch verdiente Journalisten mit einem integren Ruf. Nach eigenen Angaben entstehen in einem durchschnittlichen Monat 3000 Geschichten, außerdem werden 2500 Newsletter verschickt. Politico hat dabei eine Online-Reichweite von monatlich 54 Millionen Nutzern. Inhaltlich liegt der Fokus auf ausführlichen politischen Hintergrundrecherchen, bildet also eher ein Gegengewicht zur üblichen Netzberichterstattung. Dazu erscheint ein Gossip-artiger Blog über aktuelle Ereignisse aus dem Weißen Haus. Man wollte "die Mächtigen informieren", und das funktioniert: Der hauseigene Newsletter "Playbook" hat den Ruf, ein Must-Read für die Abgeordneten zu sein.

2014 entstand ein Joint Venture mit dem Berliner Springer-Verlag mit Büros in Brüssel, Paris, London und Berlin, seit 2015 erscheint eine europäische Politico-Ausgabe. 700 Mitarbeitende zählt die Medienmarke mittlerweile weltweit, wie das Unternehmen mitteilt, mehr als die Hälfte davon arbeiten als Redakteurinnen oder Redakteure.

Auch in Europa liegt das Augenmerk der Berichterstattung auf politischen Hintergrundberichten. "Wir verbinden und stärken Fachleute durch unparteiischen Journalismus und belangbare Informationen über die europäische Politik", beschreibt sich Politico Europe selbst.

Im August ging dann das Unternehmen für eine "Rekordsumme", wie der Axel-Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner mitteilte, über den Tisch: Politico-Herausgeber Robert Allbritton unterschrieb die Papiere zum vollständigen Verkauf an Axel Springer.

Der Deal beinhalte nicht nur Politico Europe, bei dem der deutsche Konzern laut eigener Angabe bereits eine fünfzigprozentige Beteiligung hielt, sondern auch das amerikanische Mutterschiff und das digitale Tochterunternehmen Protocol, dessen Berichterstattung technologische Entwicklungen abdeckt. Alle drei Marken würden weiterhin getrennt von den anderen Axel-Springer-Marken bleiben, gibt der Käufer auf seiner Webseite an. Die Leitung würde wie gehabt in den USA bleiben, auch der Herausgeber behalte seine Position.

Am Dienstagabend nun gab Springer bekannt, man habe die Transaktion "nach Erhalt aller erforderlichen behördlichen Genehmigungen und gemäß den Bedingungen der bereits am 26. August 2021 angekündigten Vereinbarung erfolgreich abgeschlossen."

Am Dienstag nach den Enthüllungen über den neuen Käufer aus Deutschland, dem Tag nach dem großen Bericht der New York Times, hat Politico nicht über den Fall berichtet. Auch das ist ja eine Entscheidung.

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Bild - Julian Reichelt

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