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Polnisches Radio:Ein Lied über die Privilegien des allmächtigen Kaczyński

Nach 10. Jahrestag des Flugzeugabsturzes von Smolensk

Jarosław Kaczyński trägt zwar Maske - aber nicht alle Restriktionen betreffen den faktischen Regierungschef in Polen. Zum 10. Jahrestag des Flugzeugabsturzes von Smolensk durfte er trotz Voll-Quarantäne ein Denkmal besuchen.

(Foto: dpa)

Ein regierungskritisches Lied zur Corona-Krise gewinnt die Hörerabstimmung bei einer Radio-Hitparade in Polen. Die Senderleitung erklärt die Wahl daraufhin für gefälscht.

Von Florian Hassel, Warschau

Es war ein ehrenvoller Platz Zwei für die Rolling Stones und ihren Corona-Song "Living in A Ghost Town". Der Sieg in der Hitparade des polnischen Radiosenders Trójka aber ging am vergangenen Freitagabend an den Musiker Kazik. Der hatte in seinem neuen Lied "Dein Schmerz ist besser als meiner" ebenfalls die Corona-Zeit zum Thema gemacht, genauer gesagt: den 10. April.

An jenem Tag stand Polen unter Voll-Quarantäne, selbst Wälder und Friedhöfe waren geschlossen. Außer für Jarosław Kaczyński, Polens nahezu allmächtigen faktischen Regierungschef. Am 10. April öffneten sich - mutmaßlich rechtswidrig - die Tore von gleich vier Friedhöfen, damit der Mächtige die Gräber von Angehörigen besuchen konnte.

Oder, wie es Sänger Kazik (Kazimierz Staszewski) beschrieb, ohne Kaczyński beim Namen zu nennen: "Die Friedhöfe sind geschlossen...[DOCH] die Tore öffnen sich, ich traue meinen Augen nicht... Dein Schmerz ist besser als meiner".

Die Senderleitung behauptete, die Abstimmung sei gefälscht

Die Trójka-Hitparade, seit 1982 auf Sendung, ist ein nationales Radioheiligtum. Der Sieg des Anti-Kaczyński-Lieds in einer Abstimmung durch Tausende Radiofans aber ließ bei den Verantwortlichen die Alarmglocken schrillen. Noch in der Nacht, so legen es bekanntgewordene SMS-Nachrichten nahe, drängte Trójka-Chef Tomasz Kowalczewski den Musikchef Piotr Metz, "etwas mit diesem Kazik zu unternehmen" und dafür zu sorgen, dass "das Lied, über das wir gesprochen haben, nicht mehr auf dem Sender ist". In einer öffentlichen Stellungnahme behauptete die Senderleitung erst, der Anti-Kaczyński-Hit habe gar nicht zur Abstimmung gestanden; später hieß es dann, die Abstimmung sei gefälscht worden.

Der Moderator der Hitparade, Marek Niedźwiecki, kündigte nach 35 Jahren an der Spitze der Sendung empört. Zehn weitere Trójka-Journalisten sind ihm seither gefolgt. Sie befinden sich in illustrer Gesellschaft: Seit die PiS Ende 2015 die Regierung übernahm, hat sie das Staatsfernsehen TVP und das polnische Radio auf Parteilinie gebracht. Allein bei der Trójka, lange ein Reservat der Aufmüpfigen, wurden schon bis April 2020 mindestens 44 Journalisten gefeuert oder kündigten, überschlugen Demonstranten.

Führende Regierungspolitiker stellten sich hinter den Trójka-Direktor, was empörte Reaktionen noch befeuerte. Prominente Musiker wie Artur Rojek oder die Gruppe Organek erklärten ihren Boykott der Trójka. Die Agentur Mystic Production, die neben polnischen Künstlern auch internationale Acts wie Deep Purple oder Nick Cave vertritt, verbot dem Sender, Lieder ihrer Künstler zu spielen.

Der Sänger dürfte zufrieden sein

Oppositionschef Borys Budka nutzte eine morgendliche Live-Sendung in der Trójka, um gegen den Niedergang des Senders und Zensur zu protestieren, auch Polens Bürgerrechtskommissar Adam Bodnar zeigte sich besorgt. Der von der Opposition kontrollierte Senat, das Oberhaus des Parlaments, bestellte für Donnerstag die Radiochefs und Medienkontrolleure ein.

Wenigstens Sänger Kazik und seine Plattenfirma dürften mit dem anstehenden Verkauf zufrieden sein: Auf Youtube wurde der Anti-Kaczyński-Hit schon acht Millionen Mal aufgerufen.

© SZ vom 22.05.2020/jobr
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