Podcast-Tipps im Juni:Miese Missachtung

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Podcast-Tipps im Juni: Illustration: Luis Murschetz

Illustration: Luis Murschetz

(Foto: Luis Murschetz)

Recherchen über Rassismus, Ausgrenzung und zu problematischen Whatsapp-Gruppen: vier Podcast-Empfehlungen.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Schwarz Rot Blut

ardaudiothek.de

18 Minuten lang wurde Kiomars Javadi 1987 in einem Tübinger Supermarkt auf den Boden gedrückt, bis er erstickt ist. Sein Sterben dauerte doppelt so lange wie das von George Floyd, dessen Tod vor zwei Jahren auf der ganzen Welt Bestürzung auslöste. Auch der Iraner Javadi wurde Opfer von rassistischer Gewalt. Anders als Floyd ist er jedoch nur wenigen ein Begriff. Der Podcast von Cosmo, des interkulturellen Programms des WDR, rollt rassistisch oder antisemitisch motivierte Tötungsdelikte in Deutschland auf, die offiziell nicht als solche klassifiziert worden sind. Weder von den Ermittlungsbehörden noch von den Gerichten. In jeder der sieben Folgen spricht die Moderatorin Marianna Deinyan mit Kolleginnen und Kollegen, die zum jeweiligen Fall recherchiert haben. Es wird persönlich, etwa als die selbst aus Iran nach Tübingen geflohene Journalistin Gilda Sahebi von einem Gespräch mit ihrem Onkel erzählt: Er kannte Javadi. Angehörige fordern teilweise noch Jahrzehnte nach den Taten, dass die rassistischen Motive endlich anerkannt werden. Ein möglicher Grund für diese Missachtung, so Sué González Hauck vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung: "Struktureller Rassismus ist Rassismus ohne Rassisten." Aber mit Tätern. Clara Meyer

Die Jagd

wdr.de

Schulklassen und Familien haben eine, Kollegen und Verbündete im Geiste haben sie auch, und natürlich auch die Bundestagsfraktion der AfD: eine Whatsapp-Gruppe. Quasselgruppe heißt sie, und den Journalisten Katja Riedel und Sebastian Pittelkow von WDR und NDR wurden ihre Inhalte zugespielt, 40 000 Nachrichten. In Die Jagd, der Titel spielt auf Alexander Gaulands "Wir werden sie jagen" an, machen sie öffentlich, was im Inneren der AfD, im "digitalen Hinterzimmer", wie es im Podcast heißt, geschrieben wird - zu entscheidenden Momenten der jüngeren Parteigeschichte und im Fraktionsalltag. "Fällt es so schwer, einmal nicht über das Dritte Reich zu reden?", hieß es in der Quasselgruppe etwa im Frühjahr 2020, als der Verfassungsschutz den rechten AfD-Flügel als extremistisch einordnete. Offenbar wird im Chat auch die Banalität des zwischenmenschlichen Austauschs, von Geburtstagsgrüßen bis zum Mobbing der Abgeordneten Joana Cotar mit ihrer früheren Tätigkeit als Feng-Shui-Beraterin. Am bezeichnendsten sind oft die Interviews mit Figuren aus der Quasselgruppe, die Riedel und Pittelkow einschieben. Dort begründet etwa Hansjörg Müller, dass er 2019 bei einer Wahlkampfveranstaltung die erste Strophe des "Deutschlandlieds" mitsang, so: "Ich habe mich dafür entschieden, mich lieber in die rechte Ecke schieben zu lassen, als als Weichei bezeichnet zu werden." Aurelie von Blazekovic

Code Switch

npr.org

Der New Yorker Bezirk Queens ist einer der diversesten Orte der Welt, sodass die klassischen Kategorien zur Beschreibung von Herkunft und Identität dort längst nicht mehr ausreichen. Eine besonders spannende Folge des US-Podcasts schildert, wie das sehr heterogene Mit- und Nebeneinander auf die Selbstwahrnehmung der Einzelnen zurückstrahlt. So erzählt ein Indo-Guyaner von seiner Erfahrung an einer neuen Schule. Er wurde gefragt: "Mit wem identifizierst du dich, schwarz oder weiß? Latino, Asiat?" Indo-Guyaner war keine bekannte Option. Damit steht der Mann nicht allein. Die USA sind eine Nation etlicher Minoritäten. Die meisten von ihnen werden nicht adäquat repräsentiert, leiden unter strukturellem, teils auch offen zur Schau getragenem Rassismus. Code Switch bietet diesen Minoritäten einen Safe Space, um ihre Geschichten zu erzählen. Das Phänomen des Code Switching bedeutet hier, zwischen Sprachen und Slangs zu wechseln, dadurch Schubladen verlassen und die eigene Stimme entdecken zu können. Eva Goldbach

Deso - Der Rapper, der zum IS ging

funk.net

Es erklärt nur sehr bedingt etwas und rechtfertigt gar nichts. Doch wenn in diesem Podcast immer wieder einmal notwendigerweise von Rassismus die Rede ist, dann ist Denis Cuspert nicht ausschließlich ein Täter. Der Berliner hatte selbst lange und oft unter rassistischer Ausgrenzung zu leiden. Die Journalistin Azadê Peşmen erzählt die Geschichte des Mannes, der nach (und während) einer kriminellen Karriere unter dem Namen Deso Dogg als Rapper eine bescheidene Berühmtheit erlangt hatte, ehe er sich in einen salafistischen Prediger verwandelte und schließlich dem Islamischen Staat die Treue schwor. Cuspert hat zu Terroranschlägen in Deutschland aufgerufen und er hat am syrischen Bürgerkrieg teilgenommen, in dem er 2018 umgekommen ist. Peşmen spricht mit Cusperts Bruder, mit früheren Weggefährten, mit Journalisten, einer Psychologin und Verfassungsschützern, um nachvollziehbar zu machen, wie ein Mensch, der in Deutschland geboren und sozialisiert ist, sich derart radikalisiert, dass er zum Terroristen wird. Was nur dann möglich ist, wenn jemand zugleich zu einem extremen Rassisten wird, der Andersdenkende und -lebende kategorisch ablehnt. Stefan Fischer

sz.de/podcast-tipps

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