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Tipps:Das sind die Podcasts des Monats

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(Foto: Luis Murschetz)

Viel Komik, viel Selbstironie und eine Menge kluger Beobachtungen: unsere Empfehlungen für Mai.

Von SZ-Autoren

Clanland

rbb-online.de/radio

Die Berichterstattung über arabische Großfamilien ist oft reißerisch. Zum einen bekommt man den Eindruck, dass vom ersten Großvater bis zum letzten Cousin alle Mitglieder einer Familie auf fast militärische Art durchorganisiert sind und Verbrechen begehen. Zum anderen kommen selten diejenigen selbst zu Wort, über die unter dem Schlagwort "Clans" berichtet wird. Das Positive daran: Seit einiger Zeit melden sich immer wieder Insider aus den so genannten Clans zu Wort, um ihre Sicht zu schildern. So wie der Schauspieler und Musikproduzent Mohamed Chahrour. Dem Rap-Journalisten Marcus Staiger erzählt er, wie das ist, aus einer Familie mit einem berüchtigten Nachnamen zu kommen. Da hilft es nichts, dass der allergrößte Teil dieser Familie rein gar nichts mit kriminellen Machenschaften zu tun hat - Chahrour wurde bereits in der Schule gefragt, ob er Waffen besorgen kann ("Kann ich nicht, Diggah, ich muss um sechs Uhr zu Hause sein!"). Und ein Verwandter wurde von der Polizei angehalten, weil er in seinem Familienauto unterwegs war: Wer mit einem solchen Namen ein so normales Auto fährt, der habe doch etwas zu verbergen, fanden die Polizisten. Aber auch sonst sind Chahrours mit viel Humor vorgetragene Recherchen ein Gewinn. Er rollt die Geschichte der Familien auf, die vor dem Bürgerkrieg im Libanon flüchteten, einige Familienmitglieder sprechen überhaupt das erste Mal über ihre Erlebnisse mit Krieg und Flucht. So wird der Podcast auch zu einer anderen Art von Oral History. Verena Mayer

Fenster auf Kipp

open.spotiy.com

Die Zeit, von der eben alle gerade zu viel haben, nutzt Heinz Strunk "1) zum Schreiben, 2) mich in der Kunst der Liegestütze zu vervollkommnen", zumindest schreibt er das auf seiner Homepage. Bevor seine neuen Romane und Bühnenshows richtig rauskommen, macht er sich noch kurz im Selbstgespräch zum Opinionleader mit seinem Viertelstunden-Podcast Fenster auf Kipp (Studio Bummens). Da spricht er sich und sein Gegenüber "Heinzer" selbst, und die beiden quatschen im vertrauten Hamburger Sabbel-Ton jeden Freitag die Tagesereignisse der vergangenen Woche durch. Mit der Baseline "Und sonst so?" und "Was kommt eigentlich im Fernsehen?" machen sie den explodierenden Blödsinn allen Infotainments ganz stark. Und nur in so einer Labershow kann nur einer wie Heinz Strunk in einem Atemzug den Holocaust-Überlebenden Imre Kertész und den Nazi-Architekten Albert Speer zitieren. "Das klingt jetzt aber reichlich geschwurbelt", entgegnet sich Strunk an einer Stelle mal selbst. Genau darum geht's. Die allmähliche Verfertigung des Geschwurbels beim Reden. Marie Schmidt

Arm und pampig

deutschlandfunkkultur.de

Vier Frauen aus drei Generationen hausen in einer unbeheizten Wohnung. Der Fernseher ist kaputt, ein Internetanschluss fehlt, und zu essen gibt es nur Bananen. Den Notgroschen der Oma haben die pubertierenden Enkelinnen ausgegeben, um sich ihre Haare blau zu tönen. Richtig so, findet deren Mutter: Dann sehen Emma und Elisa wenigstens nicht aus "wie die ganzen Politpopulisten im Fernsehen". Acht absurde Miniaturen hat Mariola Brillowska sich ausgedacht, jeweils drei bis vier Minuten kurz, in denen die prekäre Existenz des Quartetts grell überzeichnet wird. Brillowska, die selbst die Mutter spielt, erfindet Figuren, die ihre durchgeknallten Ideen, wie sie der Not entkommen können, so selbstverständlich präsentieren, als wären sie das Naheliegendste. Das ist sehr lustig, obendrein sichern sich die vier Frauen ihre Würde, indem sie sich jeder sozialen Demutsgeste verweigern. Stefan Fischer

Die Titanic-Redaktionskonferenz

youtube.com

Das hier ist natürlich kein Podcast, sondern ein Hörmagazin. Als Motto des Satiremagazins Titanic gilt schließlich "das klare Ja zum Nein", so ist es auch beim Formattrend Podcast. Vordergründig. Denn in Wirklichkeit experimentiert die Titanic schon länger mit Podcasts, sendete 2018 Titanic - Das goldene Zeitalter auf Audible, und seit mittlerweile einem Jahr diesen frei zugänglichen Podcast. Moritz Hürtgen, Chefredakteur und Torsten Gaitzsch sprechen dort einmal im Monat, jeweils knapp vor der Veröffentlichung der neuen Titanic-Ausgabe, über "Interna, Aktionen, Leserzuschriften, Geheimnisse, Promi-Geheimnisse und die Geschichte des endgültigen Satiremagazins". Für den Podcast muss man kein Connaisseur der deutschen Satire sein, im Gegenteil öffnet er auch Anfängern die Pforten zum sonst nicht immer ganz so zugänglichen Humor der Titanic. Zum Abgackern ist der Podcast eher nicht, er ist oft angenehm unironisch und interessant, zum Beispiel in der Folge, in der man mehr über Polizeischutz und Abo-Rekorde in der Zeit nach 2015 erfährt, nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris. Aurelie von Blazekovic

sz.de/podcast-tipps

© SZ/tyc
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50 Jahre ´Dalli Dalli"

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Statt 50 Jahre alte Sendungen wie "Dalli Dalli" auszustrahlen, sollten ARD und ZDF dringend ihr Programm reformieren. Denn nicht bloß Netflix lockt die Zuschauer, auch andere Sender rüsten auf.

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