Podcast Reinfall zum Mitfiebern

Bitte alle herhören! Der Film Schtonk aus dem Jahr 1992 erzählt von der Sensationsgier, die auch zum Skandal führte.

(Foto: imago)

Gefälschte Hitler-Tagebücher: In einer Audioreihe will der "Stern" den größten Flop seiner Geschichte aufarbeiten. Wirklich?

Von Stefan Fischer

"Conny, was is' los?" - "Aaaah", grunzt Conny in den Telefonhörer. Mehr ist dann nicht mehr zu hören von den beiden. Aber die wenigen Sekunden genügen, um die Fortsetzung des Gesprächs zu erahnen. Großspurig ist der Tonfall der beiden Kerle, das hört man schon aus den wenigen Silben heraus. Gerd Heidemann und Konrad "Conny" Kujau werden sich also sicherlich gegenseitig einmal mehr beweisen, was für tolle Hechte sie sind. Werden sich weiter an den Kladden berauschen, die der Künstler Kujau dem Journalisten Heidemann feilbietet - und die der Reporter des Stern schließlich im April 1983 der Weltöffentlichkeit als die Tagebücher Adolf Hitlers vor die Kameraobjektive halten wird.

Es waren nicht Hitlers Tagebücher. Es waren plumpe Fälschungen. Der Ruf des Stern war ruiniert.

Der Herausgeber des Magazins, Henri Nannen, hat getobt. Es gibt einen Mitschnitt dieses verbalen Exzesses auf einer Mitarbeiterversammlung, auch der ist zu hören in dem Podcast Faking Hitler - Die wahre Geschichte der gefälschten Hitler-Tagebücher, den der Stern fortan in zehn Episoden immer donnerstags in ureigener Sache veröffentlicht. Der Autor und Sprecher des Podcasts, der freie Journalist Malte Herwig, dem Nilz Bokelberg zur Seite steht (verantwortlich fürs Drehbuch, was schön nach Film und Glamour und rotem Teppich klingt), kommentiert Nannens Schimpfkanonade mit einem "Ach!". "Ach! Hätte Nannen nur früher drauf gekuckt. Dem Stern wäre vielleicht vieles erspart geblieben. Ganz sicher viele Millionen D-Mark."

Im Ernst? Soll dies das größte Problem in dem Skandal gewesen sein: Dass der Stern Geld verschwendet hat, welches er damals ohnehin noch reichlich verdient hat? Ein weitaus gravierenderes Problem wäre doch zum Beispiel, dass der Gründer, langjährige Chefredakteur und damalige Herausgeber Nannen die wichtigste Recherche in der Geschichte des Magazins angeblich, so beschreibt es der Podcast, erst zur Kenntnis genommen hat, als die ersten Ausgaben der fatalen Nummer aus der Druckerei kamen. Aber das scheint aus Sicht des Stern nicht Teil der "wahren Geschichte" über die gefälschten Hitler-Tagebücher zu sein. Jedenfalls nicht in der ersten Episode mit dem Titel "Die Entdeckung der Tagebücher".

Beim Stern scheint man zu einer selbstironischen Haltung gefunden zu haben im Umgang mit den angeblichen Hitler-Tagebüchern. Das war schon bei der Feier zum 70. Geburtstag des Magazins im vergangenen September zu beobachten, als die Schöpfungen des Fälschers Konrad Kujau in Hamburg ausgestellt worden sind wie bei einem Fußballverein die Pokale. Und das ist bei dem Podcast nun wieder so: Wenn auch die Geschichte mit den Tagebüchern nichts war, so ist wenigstens die Geschichte über diesen Reinfall eine tolle Nummer! Mit dieser Haltung wird in Faking Hitler erzählt.

"Wow", sagt der Sprecher. Schon was Besonderes, der Geburt des Presseskandals zuzuhören

Gerd Heidemann, der renommierte Reporter, der hier als hartnäckig und distanzlos charakterisiert wird, hat seine Telefonate mit Kujau, den er als Conny Fischer kennenlernte, mit einem Tonbandgerät mitgeschnitten. Diese Aufnahmen sind das Kernstück des Podcasts. Herwig präsentiert stolz das erste dieser Gespräche, die Heidemann mit Kujau geführt hat. Es offenbart einen gewieften Fälscher und einen aufgrund seiner Gier nach einer Sensation leichtgläubigen Journalisten.

"Wow", sagt Herwig im Podcast, nachdem die beiden aufgelegt hatten. Es sei schon etwas Besonderes, der Geburtsstunde von Deutschlands größtem Presseskandal zuhören zu können. Später behauptet er, dass man "geradezu mitfiebern muss" mit Kujaus "atemlos aufgeregten" Geschichten, die er unentwegt auftische.

Ob es üblich ist bei solchen Recherchen, Telefonate aufzuzeichnen, in wessen Besitz die Tonbänder all die Jahre waren - nach Angaben des Stern-Verlags Gruner + Jahr stammen sie aus Heidemanns Privatarchiv - und mit welchem Interesse sie jetzt erstmals veröffentlicht werden: All das wird in der Auftaktfolge des Podcasts nicht problematisiert.

Die einzige von Malte Herwig aktuell befragte Person, die in der Auftaktepisode auftaucht, ist jedenfalls: Gerd Heidemann. "Lustig, nett, harmlos" habe Kujau beim ersten Aufeinandertreffen gewirkt, sagt Heidemann: "Das ist ja das, worüber ich mich immer noch ein bisschen ärger': Dass ich auf den so reingefallen bin." Wenn's weiter nichts ist.