Podcast über Rahel Varnhagen:Lebenshunger

Podcast über Rahel Varnhagen: Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Berlinerin Rahel Levin Varnhagen war eine der wichtigsten Frauenfiguren des 19. Jahrhunderts. Eine lebhafte zehnteilige Hörspielserie flaniert neugierig durch ihre Epoche.

Von Stefan Fischer

Betrachtet man es vom Ende her, dann hat Rahel Levin Varnhagen ein ereignisreiches und erfülltes, ja: ein fulminantes Leben geführt. Ihre Startchancen waren einerseits nicht schlecht, da sie aus einer begüterten Familie stammte: Der Vater war Bankier und als solcher beim preußischen König Friedrich II. ein gut gelittener Mann. Andererseits war Rahel Varnhagen, geborene Levin, aus damaliger gesellschaftlicher Sicht mit zwei gravierenden Makeln behaftet - als Frau und als Jüdin.

Christine Nagel stellt das in den Auftaktfolgen ihrer zehnteiligen, vom RBB als Podcast konzipierten Hörspielserie Rahel, damit Sie mich kennen deutlich heraus. Zu Beginn lernt man das Berliner Elternhaus kennen als gesellschaftlichen Treffpunkt in der Nähe des Gendarmenmarktes. Eltern wie Kinder sind gebildet und liberal. Doch ihre Grenzen werden ihnen klar aufgezeigt: Als Juden sind sie keine vollwertigen Mitglieder der Stadtgesellschaft. In der zweiten Folge geht es um Rahel Levins Bildungshunger, den sie durch privates Engagement stillen muss. Als Frau darf sie nicht studieren.

Der Anspruch der jungen Rahel ans Leben ist immens und wird außerhalb der Familie und des Freundeskreises irritiert zur Kenntnis genommen. Dass die Berlinerin zu einer prägenden Frauenfigur ihrer Epoche werden sollte, war beileibe keine Selbstverständlichkeit - schon deshalb nicht, weil diese Rolle im frühen 19. Jahrhundert in Preußen grundsätzlich nicht vorgesehen war.

Das Hörspiel ist nicht nur Biografie, sondern auch Milieu- und Epochenbeschreibung

Rahel, damit Sie mich kennen erzählt dieses außergewöhnliche Leben. Basis von Christine Nagels Hörspiel - die Autorin hat selbst auch Regie geführt - sind die vielen Briefe, die Varnhagen geschrieben hat. Nagel inszeniert die Briefwechsel teilweise als Dialoge, die Szenen werden dadurch unmittelbarer. Die Hauptrolle ist gleich dreifach besetzt, mit Dagmar Manzel, ihrer Tochter Klara Manzel und mit Inka Löwendorf. Max von Pufendorf spielt Rahels späteren Mann Karl August Varnhagen von Ense, Winnie Böwe ihre beste Freundin und lebenswichtiges Korrektiv Pauline Wiesel. Devid Striesow ist als Friedrich von Gentz zu hören, Felix Goeser als Wilhelm von Humboldt, schließlich Linda Blümchen als Erzählerin.

Ein großes Ensemble, denn der Podcast ist nicht nur Biografie - er ist auch Milieu- und Epochenbeschreibung. Rahel Varnhagen hat inmitten vieler kluger Männer, zu denen sie in teils freundschaftlichem, teils distanziertem Verhältnis stand - etwa Friedrich Schleiermacher, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schlegel, den Mendelssohns, Clemens Brentano -, aus der Ferne die Französische Revolution miterlebt, aus der Nähe die Napoleonischen Kriege und am eigenen Leib die Restauration der konservativen Ordnung ebenso wie ein Anschwellen des Antisemitismus. Christine Nagel hat daraus eine wendungsreiche literarische Erzählung gemacht, hart an der Realität entlang.

Rahel, damit Sie mich kennen, zehn Folgen, ARD-Audiothek.

© SZ
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