Podcast über deutschen Rechtsextremismus:Von New York nach Offenbach

Prozess gegen Franco A.

Der Angeklagte Franco A. im Oberlandesgericht Frankfurt.

(Foto: Thomas Lohnes/dpa)

Ein Podcast der "New York Times" beschäftigt sich mit Rechtsextremismus in Deutschland. Aus der Ferne wirkt vieles noch wahnsinniger.

Von Aurelie von Blazekovic

Offenbach ist eine gesellschaftlich sehr diverse Stadt, eine der diversesten Deutschlands. Das erfahren Hörerinnen und Hörer in Day X, einem fünfteiligen Podcast der New York Times, der ganz in Deutschland spielt, genauer gesagt im deutschen Rechtsextremismus. Es geht um rechte Chatgruppen in den Sicherheitsbehörden, um eine versteckte Waffe am Wiener Flughafen, um den NSU und sein Erbe. Ausgang der Geschichte ist Franco A., der Bundeswehrsoldat, der ein Jahr lang ein Doppelexistenz als syrischer Flüchtling führte, und dem derzeit in Frankfurt der Prozess gemacht wird. Ihm wird vorgeworfen, dass er Terroranschläge auf Politiker plante und die Taten dem von ihm erfundenen Syrer anlasten wollte.

Katrin Bennhold, Chefin des Berliner Büros der New York Times, konnte ein exklusives Interview mit Franco A. führen. Sie traf ihn erst in einem Berliner Restaurant, dann lud Franco A. sie und zwei Podcast-Produzenten der New York Times in das Haus in Offenbach ein, in dem er aufgewachsen ist. Er ließ sich dort auch im gerammelt vollen "Prepper"-Keller zwischen seinen Bundeswehr-Uniformen fotografieren. Das Gespräch mit Franco A. erschien schon vor einigen Monaten als Artikel, im Podcast hört man den mutmaßlichen Rechtsextremisten aus der Bundeswehr nun im Originalton.

Franco A. spricht im Podcast nur im Konjunktiv, Bennhold liefert die Fakten

Day X erzählt in insgesamt fünf Folgen die Geschichte des neuen deutschen Rechtsextremismus. Titelgebend sind die rechten Chatgruppen, in denen Mitglieder der Sicherheitsbehörden von einem Tag X fantasierten, von einem Kollaps der sozialen Ordnung in Deutschland. Franco A. hört man in Day X herumlavieren, seine Handlungen als harmlos und missverstanden darstellen, Katrin Bennhold liefert stets den Realitätsabgleich. Franco A. spricht auch nur im Konjunktiv: Hätte er Anetta Kahane, der jüdischen Vorsitzenden der Amadeu-Antonio-Stiftung, in Berlin nachgestellt, hätte er nur mit ihr reden wollen.

Wie geht ein Land mit der Geschichte Deutschlands, so die größere Frage des Podcasts, mit den Gefahren des Rechtsextremismus um?

Zumal diese Gefahr, wie der NSU und seine zahlreichen Morde und Mordversuche, seine Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle zeigten, nicht nur jahrelang übersehen wurde, sondern, wie nun die Chatgruppen und der Fall Franco A. beweisen, auch aus dem Innersten deutscher Sicherheitsbehörden kommt. "This is a cancer", sagt im Podcast Stephan J. Kramer, der bis 2014 Generalsekretär des Zentralrats der Juden war und nun Chef des Thüringer Verfassungsschutzes ist. Der Rechtsextremismus und sein Gedankengut seien in Deutschland wie ein Krebsgeschwür verwurzelt.

Zu Wort kommen in Day X unter anderem auch Claudia Roth und Anetta Kahane, die beide auf der Feindesliste von Franco A. standen. Außerdem die Anwältin der NSU-Opfer Seda Başay-Yildiz, ein ehemaliger Lehrer von Franco A., ein Taxifahrer aus Offenbach. Mit dem Blick aus der Ferne der New York Times und der Übersetzung ins Englische wirkt vieles, was man aus der hiesigen Berichterstattung schon weiß, noch wahnsinniger, noch bestürzender.

Day X, New York Times, Spotify, Apple Podcasts.

© SZ/cag
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