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Plasberg zu Fußball:Nichts gegen Bayern München, aber ...

Die Gäste von Frank Plasberg waren (von links): Marcel Reif, Willi Lemke, Betty Heidler, Edmund Stoiber und Axel Balkausky

(Foto: WDR/Thomas Kierok)

In der Sendung "Hart aber fair" geht es um Fußball und Kommerz. Das hätte eine kluge Debatte werden können. Nur nicht mit diesen Gästen.

TV-Kritik von Thomas Hummel

Darf in der Fußballbranche eigentlich keiner mehr was gegen den FC Bayern sagen, ohne danach beide Hände zu heben und zu beteuern: "Bitte jetzt nicht falsch verstehen: Das ist jetzt nichts gegen euch."? Dabei sitzt an diesem Montagabend nicht einmal der schneidige Macher Uli Hoeneß oder der kühle Fußballökonom Karl-Heinz Rummenigge am Tisch in der ARD-Sendung "Hart aber fair". Sondern nur Edmund Stoiber, Aufsichtsratsmitglied des ruhmreichen Klubs und eigentlich Ex-Schlau-Daherredner in Talkshows. Doch selbst an den Stoiber trauen sie sich kaum heran. Das war phasenweise richtig traurig anzusehen.

Die Redaktion von "Hart aber fair" hatte sich dazu entschlossen, mal kein politisches Thema wie Donald Trump, die Krise der SPD oder den Krieg in Syrien debattieren zu lassen. Sie wählte das Thema Fußball: "Der Fußball und das Geld - macht der Kommerz den Sport kaputt?"

Das Thema Fußball ist immer ein Risiko. Weil im Fußball einerseits jeder mitreden kann - andererseits aber nur ganz wenige wirklich was zu sagen haben. Schon gar nicht, wenn es um die Frage geht, ob der enorme Kommerz den Fußball kaputt machen könnte.

Entweder fiel der Redaktion einfach niemand ein, der dazu hätte fachkundig Stellung nehmen können. Oder sie wählte absichtlich diese fünf Diskutanten, die höchstens an der Oberfläche herumkratzten. Und manchmal noch nicht mal das.

Es ist ja zunehmend ein Kulturkampf, der im deutschen Fußball ausgetragen wird. Hier die Verbände und Vereine, von denen einige mit Geld zugeschüttet werden von TV-Sendern, Sponsoren und sonstigen Geldgebern.

Dort die Zuschauer und Fans, die den Volkssport von einst beschwören:

  • Die beklagen, dass die Bundesliga langweilig sei, weil der FC Bayern so viel mehr Geld hat als alle anderen.
  • Die teilweise glauben, dass ihnen das Spiel gehöre, weil es ohne Fans kein Spiel geben könne.
  • Die mit Furor die Sängerin Helene Fischer auspfeifen, weil sie der Deutsche Fußball-Bund in der Halbzeit des Pokalfinals im Stadion auftreten lässt.
  • Die dagegen sind, dass Fußballspiele über die ganze Woche verteilt werden, weil arbeitende Menschen eigentlich nur am Wochenende ins Stadion gehen können.
  • Und die es gar nicht gerne sehen, dass Brausefirmen aus Österreich, Immobilienmillionäre aus Abu Dhabi oder Softwarehersteller aus Hoffenheim mit ihrem Geld Vereine pimpen und altehrwürdige Klubs stattdessen in der Versenkung verschwinden.

Das alles ließe sich klug debattieren - wenn denn jemand eingeladen worden wäre, der die Sicht der Fans vertritt. Der zudem Ahnung hat von der Materie. Und der erklären kann, warum Unbehagen und Unmut unter Hardcore-Fans im Stadion aber auch unter den Zuschauern zu Hause auf dem Sofa spürbar zunehmen.

Gründe gibt es genug: Etwa die irrwitzigen Summen, die in dem Sport zirkulieren. Samt den Millionen, die in Steueroasen verschwinden. Oder in den Taschen von Spielerberatern landen, die oft genug junge Fußballer wie Handelsobjekte um die Welt schicken.

Ein paar Blicke in das neulich erschienene Buch "Football Leaks" der beiden Spiegel-Journalisten Rafael Buschmann und Michael Wulzinger hätten gereicht, um die Verkommenheit und den Goldrausch in diesem unglaublich florierenden und kaum kontrollierten Business zu erkennen. Doch nichts davon war offensichtlich bis zu "Hart aber fair" durchgedrungen.

Die lichtesten Momente hat die Sendung, als der Ex-Fußball-Kommentator Marcel Reif spricht. "Viele Fans wollen nicht wahrhaben, dass das Kapitalismus pur ist", sagt er. Oder: "Der Fußball, der uns allen gehört hat - die Zeiten sind vorbei." Die Zuschauer sollten nicht weiter für dumm verkauft werden, sonst reagierten viele wie seine Söhne: Sie schauen "American Baseball", das sei wenigstens ehrlicher Kommerz.

Die Hammerwerferin ist wohl in der falschen Sendung

Ansonsten sagt zum Beispiel ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky in den ersten 22 Minuten mal gar nichts. Vom Rest bleibt hängen, dass in dieser ARD-Sendung die Macher auf die taz zurückgreifen müssen, um die Frage zu beantworten, wie viel die ARD im kommenden Jahr für die Bundesliga-Senderechte ausgibt: Es sind laut taz 130 Millionen Euro.

Der ARD-Mann Balkausky erklärt nun also in der ARD, dass er diese Zahl der taz nicht bestätigen werde. Balkausky legt da jene Offenheit an den Tag, die auch Angestellte von Fußballklubs zeigen, wenn sie zu Ablösesummen und Gehältern befragt werden.

In der Mitte am Tisch sitzt Betty Heidler, eine sehr erfolgreiche 33 Jahre alte Hammerwerferin. Da es allerdings um Fußball geht, ist die Annahme wohl nicht ganz falsch, dass sie schlicht in die falsche Sendung geschickt wurde. Als auch noch Balkausky ein Zahlenfeuerwerk vor ihr entzündet, wie viele Sendeminuten die ARD in den kommenden Jahren mit Nicht-Fußball-Sportarten zu übertragen gedenke, da bleibt ihr nur zu sagen: "Und die Kanuten, wann werden die denn mal gezeigt?"

Und dann ist da noch Willi Lemke, der Ex-Manager von Werder Bremen und Ex-Feind von Uli Hoeneß. Er war ja schon immer ein Gegner des Münchner FC Allmächtig und zürnt, dass der Klub von den TV-Einnahmen der Bundesliga einen viel zu großen Anteil bekäme. Und langweilig, soooo langweilig sei die Bundesliga heute.

Stoiber funkelt ihn da aus dem Augenwinkel an, als predige Lemke gerade den Sozialismus. Bis Lemke sich irgendwann wie oben beschrieben fängt: "Das ist natürlich nichts gegen euch."

Die Meinung der Fans wird lediglich per Videoschnipsel eingespielt. Vor dem Relegationsspiel in Braunschweig (gegen Wolfsburg) hatten einige Braunschweig-Anhänger auffallend moderat kritisiert, dass so kleine Klubs wie ihre Eintracht gegen die Großen keine Chance mehr hätten. Nicht so wie 1967, als ein Verein wie der ihre noch Deutscher Meister werden konnte.

Wenn das die Bosse des DFB, der Uefa oder der Fifa gesehen hätten. Oder die Multimillionärs-Spielerberater Jorge Mendes und Mino Raiola. Sie hätten sich vor Lachen vermutlich kaum eingekriegt über diese putzigen Typen mit den gelben Schals. Wen interessiert in der großen, reichen Fußballwelt Eintracht Braunschweig?

Gegen Ende der Sendung provoziert Moderator Frank Plasberg doch noch eine ehrliche, eine unbequeme Antwort. Und die kommt ausgerechnet von Edmund Stoiber. Ob so ein Verein wie Bayern München eigentlich noch Fans brauche? "Die Frage ist berechtigt", antwortete da der Aufsichtsrat. Er versuchte, sich noch aus dem Schlamassel zu winden: "Die Frage müssen sie aber dann auch Manchester United stellen." Nein, diesmal galt die Frage allein dem FC Bayern.

© SZ.de/kler
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