Pierre Krause bei der ARD:Fast eine Karriere

Lesezeit: 4 min

Pierre M. Krause ist kein Typ für Pausen oder Tabus. Wahrscheinlich deshalb ist der Moderator in den Nischen des ARD-Programms verschwunden und dort ziemlich schwer zu finden.

Hans Hoff

Eigentlich hätte es mit der Laufbahn von Pierre M. Krause im Herbst 2009 steil nach oben gehen müssen. Damals bekam der früh gescheiterte Bankkaufmann den Deutschen Fernsehpreis, weil er in der zweiteiligen RTL-Show TVHelden gemeinsam mit Caroline Korneli und Jan Böhmermann das deutsche Medien- und Gemeinwesen schwer lustig auf die Schippe genommen hatte.

pierre krause

Im Nachtprogramm versteckt: Pierre Marcel Krause, einer der jüngsten Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Programm.

(Foto: SWR/Melanie Grande)

Zugleich wurde bekannt, dass Krause fortan Mitarbeiter der Harald-Schmidt-Show sei. Einer größeren Bekanntheit stand also nichts im Wege. Man hätte auch meinen können, dass sie so einen wie Krause in der offiziell stets nach Verjüngung lechzenden ARD doch händeringend suchen müssten.

Schließlich ist er mit 34 Jahren für öffentlich-rechtliche Verhältnisse immer noch halbwegs jung. Er ist nicht auf den Mund gefallen, und er weiß, wie man mit einer auf ihn gerichteten Kamera umgeht. Wohl genau deshalb versteckt ihn die ARD im Digitalkanal Einsplus und im nächtlichen SWR Fernsehen.

Im Südwesten der Republik ist Pierre Marcel Krause trotzdem ein Begriff. Bei all jenen, die an einem Freitag nach der gewohnten Dosis Biederkeit aus Versehen schon mal das Dritte des SWR eingeschaltet gelassen haben und sich dann um Mitternacht plötzlich mit einer veritablen Zappelshow von klassischen Jugendfernsehausmaßen konfrontiert sahen.

SWR3 Latenight heißt die halbe Stunde, in der Krause an einem Schreibtisch prominente Gäste empfängt, schon mal für die Quote "fünf Sekunden Titten" zeigt und Einspieler wie "CSI: Baden-Baden" oder "Mein Opa disst deine Mudda" vorführt.

Der Moderator scheint für alles zuständig bei der Show, die an diesem Freitag immerhin schon zum 300. Mal ausgestrahlt wird. Er ist sich für nichts zu schade. Er spricht mit Gästen, zieht SM-Fummel an, präsentiert sehr bewusst die schlechtesten Wortwitze und zappelt auf eine Art herum, dass man ihm rasch ein Ritalin-Rezept zustecken möchte.

Nun ist einer wie Krause mit dem bisschen Wochenendanarchie alles andere als ausgelastet, weshalb man ihm beim SWR, wo auch Formate des bislang einer breiten Öffentlichkeit weitgehend verborgen gebliebenen Kanals Einsplus verwaltet werden, gleich noch ein Projekt angedient hat. Das heißt im hausinternen Slang "EgumL", was die aktenordnergerechte Kurzform für Es geht um mein Leben sein soll.

Dahinter steht eine 30-minütige Mischung aus Alberei und Pädagogik, aus Wissen und Witzen. In einer fiktiven Wohngemeinschaft mit Freund, Hund und einem Recherche-Inder namens Ranga stellt sich Krause durchaus ernste Fragen und spürt diesen dann auf seine sehr spezielle Art nach. In der ersten Staffel ging es um Haustiere, um Reklame und um den Tod.

Sechs Folgen Es geht um mein Leben liefen 2010 und waren so erfolgreich, dass der SWR zehn neue Folgen in Auftrag gegeben hat - wieder für Einsplus.

Das Versprechen, die Sendung nach der Erstausstrahlung im Digitalen auch ins SWR-Dritte zu übernehmen, ist bislang irgendwie unter den Tisch gefallen. "Ich fordere das ständig ein", sagt Krause und gibt sich auf seine Art optimistisch: "In spätestens vier bis 16 Jahren fällt da eine Entscheidung."

Making-Of mit Friedrich Küppersbusch

Er weiß um die Verhältnisse, wenn er seinen Sender charakterisiert. "Das SWR Fernsehen ist nicht für unvergleichlichen Mut bekannt", diagnostiziert er und setzt ganz kurz sein typisches breites Krause-Grinsen auf.

Still zu sein, fällt ihm schwer. Das fällt auf, wenn man ihn persönlich erlebt. Krause ist kein Typ für Pausen. Ihm fehlt die Ruhe oder auch der Mut, eine Situation einfach mal wirken zu lassen. Er muss alles zuquatschen. Als habe er Angst vor der Leere hinter seinem Tun.

Man kann nur mutmaßen, dass Krause auch deshalb nicht mehr zum Team von Harald Schmidt zählt. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Kollegen Jan Böhmermann, der Schweigen als gezieltes Stilmittel einsetzt, um die Absurdität bestimmter Szenen zu verdeutlichen.

Fragt man Krause nach Schmidt, sagt er, man stehe immer noch in regem Kontakt und tausche regelmäßig SMS aus. Krause sagt das so, wie er vieles sagt. Und man weiß nicht: War das nun Wahrheit oder Wahnsinn? In Schmidts offizieller Mitarbeiter-Liste wird er auf jeden Fall nicht mehr geführt.

Dafür darf er sich nun vom kommenden Dienstag an in der digitalen Nische einrichten, mit zehn neuen EgumL-Folgen. Die sind, nimmt man die erste Staffel und die erste Folge der zweiten als Maßstab, durchweg sehenswert. Es ist ein Produkt, das die öffentlich-rechtliche Ernsthaftigkeit mit der gelebten Anarchie eines nie müden TV-Clowns kombiniert und durchaus Erkenntnisse liefert.

Man kann hier ernsthaft etwas erfahren: über Schönheit und Benimm, über Fernsehen und Esoterik. Mal trifft man auf seriöse Evolutionsbiologen, mal auf den Friseur Udo Walz, mal auf den Hobbythek-Zottel Jean Pütz, mal auf Friedrich Küppersbusch.

Letzterer, selbst ein ehemaliger TV-Talker (Zak), ist mit seiner Firma Probono Produzent von Krauses kleiner Reihe und als solcher an diesem Sonntag schon mal in einem 15-minütigen Making-Of zu sehen. Da spricht der eigentlich fernsehscheu gewordene Küppersbusch nach langem wieder in eine Kamera und sagt, dass die neue Reihe schön geworden sei. Viel mehr nicht.

Der Auftritt macht deutlich, dass diese Bühne, mag sie noch so klein sein, nur einem gehören soll: Pierre M. Krause. Der hat die Hoffnung auf die ganz große Karriere offenbar schon ad acta gelegt und sich auf viele weitere Jahre im öffentlich-rechtlichen Abseits eingerichtet: "Im SWR Fernsehen bin ich auch noch in 20 Jahren jung." Da hat er leider recht.

SWR3 Latenight, SWR, Nacht auf Samstag 0.00 Uhr;

Es geht um mein Leben: Making Of, SWR, Sonntag, 9. Januar, 23.45 Uhr;

Es geht um mein Leben, Einsplus, Dienstag, 11. Januar, 21.45 Uhr.

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