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"Physical" bei Apple+:Die Stimme in ihrem Kopf

Physical Apple TV+

Mit Aerobic beginnt Sheilas Befreiung: Rose Byrne in "Physical".

(Foto: Apple TV+)

In der Serie "Physical" dürfen die Zuschauer am elenden Innenleben einer Aerobic-Fanatikerin teilhaben. Ein großes Vergnügen.

Von Dominik Fürst

Drei Cheeseburger, drei große Portionen Pommes, ein Schoko-Milchshake: Mit diesem Menü zelebriert Sheila Rubin ihre Demütigung, wenn alles zu viel wird. Sie holt das Essen am Drive-in-Schalter, fährt in ein Motel, schließt sich im Zimmer ein, und beginnt sich vollzustopfen. Danach geht sie zum Kotzen ins Badezimmer. Die Stimme im Kopf sagt ihr, sie sei fett und nutzlos.

Sheila, verheiratet und vermutlich Ende 30, kann sich selbst nicht besonders gut leiden. Das wird schnell deutlich in der sehr gelungenen Serie Physical bei Apple+. Nicht unbedingt, weil man anderen Menschen so gerne beim Leiden zusieht. Aber wenn es so famos dargestellt wird wie hier Sheila von der australischen Schauspielerin Rose Byrne - der Verzweiflung nah, dabei aber irgendwie sehr echt und also komisch - dann findet man den Witz auch problemlos im Elend. Hilfreich sind die inneren Monologe der Protagonistin, an denen die Zuschauer teilhaben. "Steh auf, du faules Miststück", sagt sich Sheila am frühen Morgen, bevor sie aus dem Bett kommt, um ihrer kleinen Tochter Frühstück zu machen. Und das ist noch harmlos.

Physical spielt im kalifornischen San Diego in den frühen 80er-Jahren und vereint eigentlich zu viele Genres in sich. Die Serie ist ein Nostalgie-Event im Stil von Stranger Things oder Glow: Sheila trägt Dauerwelle, entwickelt eine nahezu obszöne Leidenschaft für Aerobic, und in einer Szene wird sie vom Verkäufer im Technik-Laden aufgefordert, sich auf eine Seite im "Krieg der Formate" zu stellen: Betamax oder VHS? Die Serie ist in Teilen Politsatire, weil Sheilas Mann (Rory Scovel), ein gescheiterter Uni-Professor mit zu stark ausgeprägtem Faible für seine Studentinnen, eine Karriere als Lokalpolitiker anstrebt. Sein einziges Wahlkampfthema ist der Strand, "safe the wave" sein Motto. Und dann erzählt Physical auch noch mit originellen Mitteln eine Emanzipationsgeschichte. In der ersten Szene der Serie versuchen Sheila und ihr Mann noch, mit einem Dreier Schwung in ihr Eheleben zu bringen. Natürlich scheitern sie. Erst als Sheila in der Shopping Mall ein Aerobic-Studio entdeckt, beginnt ihre Befreiung.

Sexuelle Perversionen von Nebenfiguren, von deren Existenz man noch nicht einmal wusste, werden ganz beiläufig, aber ernsthaft behandelt. Ein strenggläubiger Politiker (auch toll: Paul Sparks), der in einer "spirituellen Krise" steckt, erfährt beim Aufeinandertreffen mit Sheila seine persönliche Befreiung. Und selten wurde in einer Serie so viel masturbiert.

Aber Physical hebt etwas anderes von anderen Serien ab. Wie die Zuschauer am Innenleben der Hauptfigur teilhaben können, mag ein banaler Trick sein, aber er funktioniert. Wenn Sheila all die Dinge durch den Kopf gehen, die sie eigentlich sagen möchte, bevor sie am Ende doch wieder die brave Antwort ausspricht, dann kennt man das nur zu gut. Und natürlich dienen die nervöse innere Stimme und der ganze Selbsthass nicht nur den billigen Lachern, dahinter versteckt sich ein Trauma. Zuzuschauen, wie Sheila sich langsam daraus befreit, ist dennoch ein großes Vergnügen.

Physical, bei Apple+

© SZ/cag
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