Zum Tod von Peter Rüchel Das Feuer in ihm ist nie erloschen

Schon seine E-Mail-Adresse lautete "peterpalast" - Peter Rüchel war seiner Sendung auch im Alter verschrieben.

(Foto: dpa)

Peter Rüchel hat mit seiner Sendung "Rockpalast" das Fernsehen verändert. Zum Tode eines wahren Fans.

Nachruf von Hans Hoff

Als Peter Rüchel vor anderthalb Jahren zu einem Konzert in Wermelskirchen eingeladen wurde, hatte er eine freundliche Absage parat. Er könne nicht, weil er doch nach Wien müsse. "Dort spielt Little Steven in der Staatsoper. Ich bin eingeladen", schrieb er, und es klang sowohl ein bisschen Stolz wie auch der alte Enthusiasmus des ewigen Fans durch. Weil sein persönlicher Freund Little Steven doch aus dem engen Umfeld von Bruce Springsteen stammt, und Springsteen ist halt die große unerledigte Geschichte von Peter Rüchel geblieben. Wie gerne hätte er den "Boss" gehabt für seinen "Rockpalast". Wie oft ist er ihm als WDR-Redakteur nachgereist, um am Ende doch wieder mit leeren Händen dazustehen. Das wurmte ihn, der mit seinen Rocknächten das Fernsehen der 70er Jahre entscheidend verändert hat.

Wie sehr Rüchel auch im Alter mit seinem Lebensprojekt "Rockpalast" verbunden war, konnte man leicht an seiner E-Mail-Adresse ablesen. Die begann mit "peterpalast". Dieser Mann war halt alles in einer Person, Gründer, Chef und Bewahrer des "Rockpalast", der noch heute eine im Nachtprogramm versteckte Marke im WDR ist.

Besuchte man Rüchel in seiner Wohnung in Leverkusen, dann gab es Kaffee in seinem Arbeitszimmer, das vollgestopft war mit Platten, mit der Musik, die der junge Rüchel Mitte der 70er für so bedeutend hielt, dass er sich zu der Idee verstieg, man müsse den jungen Menschen, die sich für Rockmusik interessierten, doch etwas mehr bieten als nur das biedere Regelprogramm. Um die spinnerten Ausmaße dieser Idee würdigen zu können, sollte man wissen, dass in jenen Tagen Musik eine rare Ware war, von der heutigen Verfügbarkeit an jedem Ort zu jeder Zeit weit entfernt. Und große Live-Konzerte sowieso.

Deshalb rechnete sich Rüchel keine großen Chancen aus, als er mit seinem Vorschlag einer live übertragenen Rocknacht zu seinem Vorgesetzten marschierte. Er hatte sich getäuscht. "Wissen Sie, Peter, das ist eine sehr gute Idee", sagte der Chef und machte mal eben 500 000 Mark locker. Rüchel hat von diesem legendären Treffen immer gerne erzählt, weil die Anekdote nicht nur den großen Wendepunkt in seinem Leben markierte, sondern weil sie auch deutlich machte, wie unkonventionell man damals im WDR arbeitete.

Am späten Abend des 23. Juli 1977 trat dann Rory Gallagher auf die Bühne der Essener Grugahalle und schrammelte 90 Minuten lang auf seiner Stratocaster herum, dass es eine echte Wucht war. Danach traten dann noch Little Feat und Roger McGuinn vor die Kameras. Erst früh am Morgen des Folgetages kehrte dann in deutschen Wohnzimmern wieder Ruhe ein, denn die per Eurovision auch in andere Länder gesandten Rocknächte waren von Beginn an Großereignisse, zu denen man Freunde einlud, mit denen man eine rockige Nacht verbrachte.

Die Liste der Stars, die in den "Rockpalast" einzogen, liest sich wie das Who is Who der Rockgeschichte. Doch die Namen waren weniger besonders als der Umstand, dass in diesen Nächten völlig unberechenbares Programm live über den Sender ging.

Wenn Rüchel davon erzählte, vom gelegentlichen Chaos hinter den Kulissen, dann war das selten eine Angelegenheit für Minuten, dann konnte man getrost Stunden einplanen und sich berieseln lassen von all den Geschichten, in denen die Großen des Rockgeschäfts alle ihre Rollen hatten, in denen sie groß sein durften, weil Rüchel sich stets kleiner machte als es seiner Bedeutung zukam.

Nach seinem Abschied vom WDR kümmerte sich Rüchel noch eine Weile um die Aufarbeitung der "Rockpalast"-Geschichte, blieb er der glühende Rockfan, der er Zeit seines Lebens war. Auch wenn ihm rund um den 40. Jahrestag der ersten Rockpalast-Nacht vor zwei Jahren das Gehen schon zunehmend schwerer wurde, gab es nie einen Zweifel, was er tun würde, falls er nochmal zu einem Little-Steven-Konzert nach Wien eingeladen würde. Das Feuer in ihm ist nie erloschen. Gegangen ist jetzt nur sein Körper. Am Mittwoch ist Peter Rüchel im Alter von 81 Jahren gestorben. Sein Geist lebt weiter.