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Missstände bei der Deutschen Welle:"Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis von Führung"

Peter Limbourg

Intendant Peter Limbourg will sein Haus wieder zur Ruhe bringen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

In der Arabisch-Redaktion der Deutschen Welle rumort es, die Mitarbeiter beklagen Machtmissbrauch und übergriffiges Verhalten. Intendant Peter Limbourg hat die Missstände untersuchen lassen.

Interview von Carolin Gasteiger

In der Deutschen Welle rumort es. Im Sommer 2019 wurden Vorwürfe sexuellen Missbrauchs und der Vergewaltigung gegen einen Moderator publik, der Sender trennte sich daraufhin von ihm. Nach Mobbingvorwürfen verließ ein Beschuldigter die Sportredaktion. Und schließlich folgten mehrere Beschwerden von Mitarbeitern über eine zweifelhafte Führungskultur auf allen Ebenen des Senders, es ist von "Fällen von übergriffigem Verhalten" und Machtmissbrauch die Rede. Viele der Klagen kommen aus der Redaktion, die für den arabischen Raum zuständig ist. Nun wurden die Missstände dort genau untersucht. Intendant Peter Limbourg will daraus Lehren für die Zukunft ziehen.

SZ: Mit der externen Untersuchung wollten Sie die Verwerfungen in der Arabisch-Redaktion aufarbeiten. Ist das gelungen?

Peter Limbourg: Ja. Vor allem wird es viele Mitarbeiter, die das schon lange umtreibt, erleichtern. An der Aufarbeitung durch die externen Betrachter hat sich ja mehr als die Hälfte der Mitglieder der Arabisch-Redaktion beteiligt. Entscheidend ist, welche Schlüsse wir aus dem Bericht ziehen und dass wir richtig handeln. Und was ich besonders wichtig finde, dass der Vorwurf ausgeräumt wurde, es gäbe strukturellen Machtmissbrauch in der Deutschen Welle. Und dass wir auch kein "Sumpf" sind, wie der Guardian das behauptet hat.

Mit der Aussage "Die Deutsche Welle ist ein Sumpf" hatte der Guardian Anfang des Jahres eine anonyme Mitarbeiterin zitiert. In dem Artikel wurden auch die Probleme in der Arabisch-Redaktion thematisiert. Der Vorwurf des strukturellen Machtmissbrauchs war aber auf den Sender allgemein gemünzt.

Die Arabisch-Redaktion war damals ein größerer Bereich, aus dem viele Beschwerden kamen. Aus dem Grund ist es mir wichtig, dass der Vorwurf des strukturellen Machtmissbrauchs auf den ganzen Sender bezogen klar verneint werden konnte.

In Ihrem Haus rumort es ja schon länger. Warum holen Sie sich erst jetzt, da es um die Arabisch-Redaktion geht, externe Hilfe?

Bei der Arabisch-Redaktion war es sinnvoll, weil es extrem komplex ist und viele Aussagen gegeneinanderstehen. Selbst wenn ich viele Einblicke habe, ist es doch besser, jemand schaut von außen drauf und nimmt sich Zeit, das auszuwerten. Ulrike Hiller und Frank Thewes (Mitglieder im Rundfunkrat, Anm. d. Red.) haben mehr als 60 Gespräche geführt, das ist enorm aufwändig.

In dem Abschlussbericht wird unter anderem "Mehr Anerkennung und gegenseitige Wertschätzung" empfohlen. Mit Verlaub - das sollte doch selbstverständlich sein. Was herrschen denn für Zustände bei Ihnen?

Ich glaube, dass wir insgesamt in der Deutschen Welle sehr wertschätzend miteinander umgehen. Es gibt hier zwei zentrale Faktoren. Auf der Kollegenebene haben wir es in der Arabisch-Redaktion mit einer kleinen destruktiven Minderheit zu tun. Das sind wenige Mitarbeiter, die sich leider so verhalten, dass ein respektvoller Umgang miteinander fast unmöglich ist. Aus welchen Gründen sie dies tun, darüber möchte ich nicht spekulieren. Der zweite Punkt betrifft das Wachstum und die Digitalisierung, bei denen sich die Arabisch-Redaktion sehr schnell entwickelt hat. Sie besteht inzwischen aus ungefähr 130 festen und freien Mitarbeitern. Wahrscheinlich sind manche da nicht richtig mitgekommen oder mitgenommen worden.

Angeblich haben aber auch unterschiedliche Gesinnungen für Unruhe gesorgt.

Man darf eines nicht außer Acht lassen: In dieser Redaktion spiegeln sich die Konflikte des arabischen Sprachraums. Wir sprechen von unterschiedlichen Biografien, unterschiedlichen Zugehörigkeitsgefühlen, ob religiös oder ethnisch, insgesamt also einer großen Diversität. Die ist aber auch manchmal schwer unter einen Hut zu bringen. Wenn die Situation in der Region so ist, wie sie ist, mit dem Krieg in Syrien etwa oder den Auseinandersetzungen am Golf, dann reicht manchmal schon eine Bemerkung, und es kommt zum Streit.

Streit ist aber kein Mobbing. Sie haben sich in der Vergangenheit schon von zwei Mitarbeitern getrennt. Kommt es jetzt zu weiteren Rauswürfen?

Wir müssen konstruktiv miteinander arbeiten können. In der Privatwirtschaft kann man sich schneller trennen. Aber im Öffentlich-Rechtlichen gibt es mehr Schutzmechanismen. Wir müssen vor allem versuchen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ohne Sorgen vor Drangsalierungen bei uns arbeiten können. Dafür werden wir das Notwendige tun.

Zumal Sie auch Mitarbeiter haben, die nur in Deutschland bleiben können, wenn sie weiter für die Deutsche Welle arbeiten.

Das ist nicht bei allen so. Aber wir müssen damit sehr sorgfältig umgehen und aufpassen, dass dieser Faktor nicht ausgenutzt wird.

Worin liegt die größte Herausforderung?

Wir brauchen in dieser Redaktion ein gemeinsames Verständnis von Führung. Und zwar im Dialog mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Arabisch-Redaktion. Wir haben in der Vergangenheit bereits viel investiert, in Führungsschulungen, Diversity-Management und eine Dienstvereinbarung über ein Konfliktmanagement. Da dürfen wir jetzt nicht nachlassen.

© SZ/hy

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