Pay-TV-Sender TNT produziert eigene TV-Serie:Ohne Filter

Amerikanische Bezahlsender verdanken ihren Erfolg TV-Serien wie "Sex and the City" oder "Mad Men". Auf dem deutschen Pay-TV-Markt fehlten derartige Produktionen bislang. TNT will das mit "Add a Friend" ändern. Die erste fiktionale Eigenproduktion des Senders erzählt von Liebe, Intrige, Fahrerflucht und Geld - und soll für gute Quoten sorgen.

Katharina Riehl

Frankfurt ist zehn mal sechs Meter groß und wenn es Nacht wird, kommt das Licht von hinten. Zweimal sind die Türme von Frankfurt als Fotodruck auf eine Plane gedruckt, einmal bei Tag, einmal bei Nacht. Die Kamera sieht jeweils die Seite der Plane, die von den Scheinwerfern angestrahlt werden, im Banker-Büro des Schauspielers Friedrich Mücke gibt es deshalb Tageszeiten.

TM & © Turner Broadcasting System. Foto: Chris Hirschhäuser.

Felix (Ken Duken) hatte einen Unfall und kann das Bett nicht verlassen.Trotzdem sind seine Freunde zu Gast. Felix hat einen Laptop mit Internetzugang.

(Foto: Turner Broadcasting System / Chris Hirschhäuser)

In den Bavaria Filmstudios wurden vor wenigen Tagen die Dreharbeiten zu einer besonderen Fernsehserie beendet. Die Firma Wiedemann und Berg, die als dazugerufener Produzent am Oscar-Gewinn 2007 für das DDR-Drama Das Leben der anderen beteiligt war, fabrizierte für den zum Fernsehunternehmen Turner gehörenden Pay-TV-Sender TNT Serie zehn Episoden von Add a friend. Es ist die erste fiktionale Eigenproduktion des Senders.

Die amerikanischen Bezahlsender wie HBO oder AMC verdanken ihren Erfolg großenteils ihren Serien, die exklusiv für ihre Abonnenten produziert werden. HBO hatte Sex and the City oder die Sopranos, AMC Mad Men oder Breaking Bad.

Im deutschen Pay-TV beteiligte sich zwar vor einigen Jahren Premiere mal an der HBO- und BBC-Serie Rome, auch gewinnen Eigenproduktionen im Show- und Unterhaltungsbereich dort an Bedeutung. Das Fehlen einer exklusiven deutschsprachigen Serie galt lange als das größte Defizit der deutschen Bezahlkanäle.

Neben dem Frankfurter Büroraum mit dem flauschigen Teppich auf dem Boden und der von George Clooney beworbenen Kaffeemaschine auf dem Sideboard liegt Ken Duken im Krankenbett.

Ken Duken wurde mit Kino-Filmen wieSchlaraffenland und Eine andere Liga bekannt, arbeitet aber auch fürs Fernsehen - kürzlich trat er im Tatort auf, im BBC-und ARD-Schiffsdrama Laconia spielte er die Hauptrolle. Sein TNT-Serien-Freund Friedrich Mücke hatte 2010 mit Friendship! einen ersten Kinoerfolg. Für eine erste Pay-TV-Serie sind sie beide eine sehr ordentliche Besetzung.

Dialoge via Video-Telefonie

Ken Duken also liegt in einem Krankenhausbett. Felix, seine Figur, hatte einen Unfall und wird zehn Folgen lang kaum aus dem Bett herauskommen. Die anderen Personen - seinen Freund, den Banker, oder seine auf Mallorca lebende Mutter (gespielt von Gisela Schneeberger) - trifft er im Internet, im sozialen Netzwerk Google+. Die Dialoge sind Gespräche über Video-Telefonie, etwa die Hälfte der Szenen werden deshalb mit einer Webcam gefilmt.

Einen "zeitgeistigen Weg" nennt Produzent Quirin Berg diese Erzählidee: "Turner wollte natürlich auch inhaltlich etwas machen, was so noch nie dagewesen ist, was nicht schon hundertmal gelaufen ist."

Auch die deutsche Pay-Serie hat nur dann eine Bedeutung fürs Bezahlfernsehen, wenn sie anders und auf Dauer besser sind als die Angebote der frei empfangbaren Sender. Nur eine Budgetfrage ist das sicherlich nicht, aber auch.

Ohne den "Prime-Time-Filter" habe man für TNT arbeiten können, sagt Berg - der Sender konkretisiert, es sei "eine direktere Sprache, etwas mehr Körper" möglich gewesen. Außerdem, so Berg, sei Add a friend deutlich horizontaler erzählt, "als es im Free-TV meist möglich ist". Bögen könnten so über mehrere Folgen beziehungsweise die ganze Staffel erzählt werden, und die Episoden mehr auf einander aufbauen.

Kein Riesenbudget

Die Free-TV-Sender, das meint er damit, müssen mehr darauf achten, dass die einzelnen Folgen auch unchronologisch wiederholt und verstanden werden können.

Wie viel Geld Turner für Add a friend ausgegeben hat, ist weder vom Sender noch der Produktionsfirma zu erfahren. Die zehn Episoden à 25 Minuten sind an 21 Drehtagen entstanden, der ganz große Luxus ist das sicherlich nicht.

Die deutsche Turner-Unterhaltungschefin Anke Greifeneder sagt: "Wir verfügen zwar auf jeden Fall nicht über Riesenbudgets wie HBO, aber wir setzen auch auf kreative Freiheit." Das Serien-Projekt lasse sich nur schwer mit den HBO-Produktionen vergleichen.

HBO gehört wie Turner zum amerikanischen Konzern Time Warner und hat in den USA 28 Millionen zahlende Kunden. TNT Serie hat dem Sender zufolge 4,6 Millionen Abonnenten auf allen Vertriebsplattformen wie Sky oder der Telekom, das sind andere Voraussetzungen.

Hannes Heyelmann, Geschäftsführer der deutschen Turner-Niederlassung, behauptet aber, der Markt sei "in Bewegung". Das mag richtig sein, Projekte wie der 2011 gestartete 24-Stunden-Sender Sky Sport News sprechen dafür, es gibt ein paar eigenproduzierte Sendungen wie die von Désirée Nick moderierten Comedy Starters.

Ausstrahlung im Herbst

Als Sky vor wenigen Tagen vermeldete, mehr als drei Millionen Abonnenten zu haben, wurde das als quasi magische Grenzüberschreitung verkauft. Einen Pay-Boom kann man daraus aber nicht ableiten.

Viel sehen kann man von Add a friend noch nicht, ein paar Minuten lang nur ist der Trailer, den Wiedemann & Berg zusammengeschnitten hat. Er zeigt den bettlägerigen Ken Duken und den ziemlich schnieken Friedrich Mücke.

Von Liebe, Intrige, Fahrerflucht und Geld ist die Rede - und wenn geredet wird, sieht man Gesichter auf Laptop-Bildschirmen. Rhythmus, Ton und Bilder in diesem kleinen, durchaus lustigen Ausschnitt erinnern an amerikanische Sitcoms (aber ohne eingespielte Lacher) - und so etwas in der Art könnte es ja auch werden.

Im Herbst soll Add a friend ausgestrahlt werden. Ob die Serie danach fortgesetzt wird, das wird auch im Pay-TV vom Erfolg abhängen - auch wenn Erfolg hier wohl nicht nur mit Quoten gemessen wird.

Turner erhofft sich Aufmerksamkeit für den Sender, zwar erfasse man inzwischen auch mit Hilfe der GfK die Zuschaueranteile. Die qualitative Auswertung sei grundsätzlich aber "sicher wichtiger". Man werde darauf schauen, wie die Serie auf dem Lizenzmarkt ankommt, ob sie Preise gewinnt, wie die Plattform-Partner darauf reagieren. Im Grunde also, ob sie am Ende vielleicht doch ein kleines bisschen mit einer HBO-Produktion verglichen werden kann.

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