Papst Franziskus in Fernsehen:"Ich wollte Metzger werden"

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Papst Franziskus in Fernsehen: Franziskus, hier bei der Generalaudienz, am Sonntagabend ausnahmsweise mal in einer Fernsehshow: Franziskus, der wohl nahbarste Papst seit Jahrtausenden.

Franziskus, hier bei der Generalaudienz, am Sonntagabend ausnahmsweise mal in einer Fernsehshow: Franziskus, der wohl nahbarste Papst seit Jahrtausenden.

(Foto: AFP)

Ein Papst in einer Talkshow? Franziskus' Live-Auftritt auf Rai 3 ist ein Novum. Seine Gegner im Vatikan werden sich in ihrer Haltung bestärkt fühlen.

Von Oliver Meiler

Sonntagabend, 20.30 Uhr, beste Sendezeit auf Rai 3, dem dritten Kanal des italienischen Fernsehens. Gleich kommt der "Santo Padre", der Heilige Vater. Ins Studio? Leibhaftig? Fabio Fazio, der populäre Moderator von "Che tempo che fa", einer Sendung auf halbem Weg zwischen Information und Entertainment, lässt die Zuschauer noch ein bisschen zappeln. Es ist auch sein Moment - ein "fatto epocale", nennt er ihn, epochal also. "Zu sagen, ich sei aufgeregt, wäre eine Untertreibung", sagt Fazio, 57 Jahre alt. Er hat schon Barack Obama interviewt und Lady Gaga, alle italienischen Politiker, Stars und Sternchen. Aber das hier, diese Begegnung mit dem "Intellektuellen des Herzens", ist natürlich eine andere Nummer. Jetzt geht's noch einmal in die Werbung.

Nun, Franziskus, der wohl nahbarste Papst der letzten paar Jahrtausende, kommt dann natürlich nicht ins Studio mit dem großen, sehr blauen Aquarium in der Mitte, das dem Moderator als Tisch dient. Der Papst ist zugeschaltet aus der Casa Santa Marta, dem Gästehaus im Vatikan, in dem er lebt. Darüber erfährt man dann auch gleich etwas mehr. Ein Duplex, sagen die Fernsehmacher in ihrem Jargon: ein Gespräch auf Distanz, zwei Einstellungen auf einem Bildschirm, eine Stunde. Es ist das erste Mal, dass ein Oberhaupt der katholischen Kirche in einer Talkshow auftritt. Im Studio gibt es viel Vorschussapplaus. Der Papst nutzt die Zeit, um seine Plastikuhr unter dem Ärmel des weißen Gewands zu verstecken. Und Fazio nimmt die Position ein, die ihm so kongenial liegt, mit fast allen seiner Gesprächspartner: Er inszeniert den Mann der Kirche, macht sich selber ganz klein, fällt ihm nie ins Wort. So wurde er berühmt, nicht als harter Interviewer.

"Ich sag dir die Wahrheit", sagt der Papst zu Fazio, "mir gefällt diese Einladung sehr." Der Ton ist gesetzt, er wird den Moderator während des gesamten Gesprächs duzen. Fazio liefert ihm Stichwörter: Migration, Krieg, Aggressivität in der Gesellschaft. Und Franziskus predigt dahin, hält sich am großen Kreuz fest, das auf seiner Brust liegt, zitiert aus seinen Enzyklika, geißelt den "Klerikalismus" als "Perversion der Kirche". Zweimal schickt er voraus: "Ich werde jetzt etwas sagen, das euch vielleicht verstören wird." Er kann das, den Bogen spannen, er ist ein Dramaturg seiner selbst.

Die Frage nach der sexualisierten Gewalt an Kindern, nach dem Bösen in der Kirche? Sie kommt nicht

Fazio fragt nach der Natur des Menschen, nach Gut und Böse, und spätestens an dieser Stelle könnte, sollte, ja müsste er fragen, wie es denn sein könne, "Santo Padre!", dass so viele Priester sich sexuell an Kindern vergangen haben und die Oberen sie deckten und versetzten und alles vertuschten. Im Anschluss hätte er dann fragen können, sollen, ja müssen, was das für seine Kirche bedeute, welche Reformen sie nötig habe. Wie lange gibt es den Zölibat noch? Und wann werden wir Frauen am Altar sehen?

Doch Fazio fragt nicht. Er ist nur sehr bewegt. Stattdessen fragt er persönliche Dinge. "Fühlen Sie sich nie alleine?" - "Haben Sie echte Freunde?" Ja, der Papst hat echte Freunde: "Wenige, aber gute." Damit er sie immer mal wieder treffen könne, habe er damals, nach seiner Wahl, beschlossen, in Santa Marta zu wohnen statt im Apostolischen Palast. "Andere Päpste lebten wie Heilige, ich habe die Kraft nicht, wie ein Heiliger zu leben." Neulich sah man Franziskus in einem Plattenladen beim Pantheon, der alten Freunden gehört. Die haben gerade den Laden renoviert, das wollte er sich ansehen. Er liebe klassische Musik und Tango, sagt er. Fazio fragt: "Tanzen Sie auch Tango?" - "Ein Porteño, der nicht Tango tanzt, ist kein Porteño." Porteño - so nennt man die Bewohner von Buenos Aires. Es ist alles sehr sympathisch. Fazio fragt den Papst, von welchem Beruf er denn geträumt habe, als er noch klein war. "Ich wollte Metzger werden", sagt Franziskus. Im Markt habe er jeweils gesehen, wie viel Geld der Metzger in seine Tasche steckte.

Infotainment mit dem Papst ist viel Entertainment und wenig Information. Die Premiere bleibt im Stadium der Plauderstunde. Franziskus' Gegner werden sich bestärkt fühlen in ihrer Meinung, dass der Pontifex viel rede und sich allzu oft unters Volk mische, wo doch das Wort eines Pontifex rar sein sollte. Rai 3? Pfui Teufel. Seine Anhänger wiederum werden ihn genau dafür noch etwas mehr lieben: für dieses Brechen von Konventionen, für seine Theologie der Kommunikation, für dieses Hinuntersteigen in die Niederungen der Primetime.

Nach einer Stunde kommen bei "Che tempo che fa" die Virologen, und das Epochale verpufft schnell im Fluss der Zeit.

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