Ottfried Fischer gewinnt gegen "Bild":"Die verklagen Dich!"

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Einblick in das "Geschäft": Ottfried Fischer fühlte sich von der "Bild"-Zeitung bedroht - und zog vor Gericht. Seine Agentin sieht das anders. Mittlerweile gehen sie getrennte Wege.

Nicolas Richter u. Christian Rost

Ottfried Fischer hat sich gewehrt, und er hat zumindest die erste Runde gewonnen. Natürlich hat es einen Preis: dass er nun vor Gericht erscheinen musste als Zeuge und Nebenkläger, dass nun endgültig das ganze Land über seine unglückliche Affäre mit Prostituierten redet. Aber Fischer wirkte am Ende, als sei er im Reinen mit sich, als habe er ein Exempel statuiert. Er, der schwarze Riese, bekannt als Pfarrer Braun, hat sich mit dem roten Riesen in Deutschland, der Bild-Zeitung, angelegt. Aus seiner Sicht hat er dem Boulevard Grenzen gesetzt, spät, aber immerhin. Aus seiner Sicht hat er allen, die sich von dem Blatt drangsaliert fühlen, gezeigt, dass es sich zu kämpfen lohnt.

Prozessauftakt gegen Betrueger von Ottfried Fischer

Nebenkläger Ottfried Fischer (links) mit seinem Anwalt Christoph Knauer (2. v. li.) im Amtsgericht beim Prozess gegen Bild-Journalisten.

(Foto: dapd)

Er hatte ja nichts mehr zu verlieren. Bild hatte ihn längst vorgeführt mit seinem bis dahin nicht öffentlich bekannten Rotlichtproblem. Anschließend soll der Bild-Redakteur sich bei Fischers Agentin gemeldet haben, er soll gesagt haben, ihm sei ein sehr kompromittierender Film zugespielt worden, der Fischer mit den Huren zeige. Die Agentin hat Fischer dann überredet, exklusiv mit Bild zu reden über die Affäre.

Falls nämlich der Film irgendwie veröffentlicht würde, wäre Fischers Karriere beschädigt, es wäre vorbei mit Pfarrer Braun und dem Werbevertrag. Der Schauspieler ließ sich darauf ein, das Interview ist dann ein selten peinlicher Seelen-Striptease geworden, wobei man bei mutmaßlichem Striptease unter Zwang auch nichts anderes erwarten kann. Viele haben sich damals gefragt, warum Fischer sich so etwas antut.

Der Bild-Redakteur ist an diesem Montag verurteilt worden wegen Nötigung und wegen "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen". Der Münchner Amtsrichter Hilmar Buch blieb zwar unter der Forderung des Staatsanwalts, der eine achtmonatige Bewährungsstrafe beantragt hatte. Doch der Reporter muss 14.400 Euro Geldstrafe (180 Tagessätze à 80 Euro) bezahlen, er wäre damit vorbestraft. Der Richter sah die Nötigung "aufgrund der Gesamtumstände als erwiesen" an. Der Reporter habe nicht nur klar den Wunsch nach einem Interview mit Fischer zum Ausdruck gebracht, sondern auch auf das in seinem Besitz befindliche Video hingewiesen. Das Gericht erkannte darin eine "konkludente Drohung".

Das Landgericht München wird dies nun überprüfen, denn der Journalist hat an diesem Dienstag Berufung eingelegt. Sein Anwalt Spyros Aroukatos kritisierte die mündliche Urteilsbegründung: "Der reine Besitz eines diskreditierenden Beweisstücks wird hier mit einer permanenten Nötigung gleichgesetzt, obwohl mein Mandant den Film weder verwenden wollte noch konnte und dies zu Fischers Agentin auch klar gesagt hat." Das Gericht habe die Presse während der Verhandlung einmal als "Gewerbe" bezeichnet, das zeige bereits, welchen Stellenwert es der Pressefreiheit beimesse.

Auch der Axel-Springer-Verlag sieht die Pressefreiheit in Gefahr. Das Münchner Urteil sei falsch und setze jede journalistische Recherche der Gefahr aus, kriminalisiert zu werden.Richtig hätte es heißen müssen, dass jetzt bestimmte Methoden von Boulevard-Reportern als kriminell eingestuft werden.

"Staatsanwaltschaft und Kripo waren heute bei mir"

Der Verlag war während der gesamten Gerichtsverhandlung präsent. Eine Springer-Juristin, die den Prozess aufmerksam verfolgte, reichte des öfteren Papiere an den Angeklagten und an dessen Verteidiger weiter. Zeugen wollen darauf die Anweisung gesehen haben, nicht zu gestehen. Ein Geständnis hätte womöglich den Staatsanwalt besänftigt, wäre aber für Bild peinlich gewesen. Der Verteidiger des 29-jährigen Angeklagten sagt, er habe eine solche Weisung per Zettel nicht gesehen und hätte sie auch niemals akzeptiert. Ottfried Fischers Anwalt Christoph Knauer dagegen nannte die Zettelpost spöttisch den "langen Arm der Bild-Zeitung".

Den spüren manche Prominente angeblich öfter. Die Moderatorin Charlotte Roche hat es einmal so beschrieben: "Die haben mich eisenhart erpresst, als ich gerade meine drei Brüder verloren hatte. Bei vielen dieser Promi-Geschichten, die in der Bild-Zeitung stehen, kannst Du davon ausgehen, dass die durch Erpressung oder Angst vor Erpressung entstanden sind. Die können sagen, wir möchten eine Geschichte mit Dir machen, Du arbeitest mit und gibst uns ein Interview, das wie freiwillig aussieht, oder Du kriegst zehn negative Schlagzeilen. Und das heißt, Du bist am Ende in Deutschland." Der Springer-Verlag hat solche Behauptungen immer vehement bestritten.

Viele Prominente haben den langen Arm von Bild als so aufdringlich empfunden, dass sie irgendwann eine klare Haltung annahmen, sich nicht benutzen zu lassen. Es ist eine Haltung mit Risiken, denn wer so handelt, der könnte von Bild ignoriert oder bloßgestellt werden. Aber inzwischen gibt es sogar schon Prominente, die sich mit Kritik an Bild profilieren, etwa als Unterstützer von Bildblog im Internet.

Fischers Agentin erklärte in ihrer Zeugenaussage, der Bild-Mann habe nicht gedroht. Man werde in diesem Geschäft immer vor irgendwelche Tatsachen gestellt und müsse dann überlegen, ob man gemeinsam etwas Positives mache oder nicht. Mit anderen Worten: Man ist selbst dafür verantwortlich, ob man das Gesäusel von Klatschreportern als drohend empfindet oder nicht.

Ottfried Fischer jedenfalls fühlte sich bedroht und wehrte sich. Nicht jeder Prominente wird bereit sein, solche Zumutungen auf sich zu nehmen, zumal ja in der nächsten Instanz eine weitere Verhandlung ansteht. Aber der Schauspieler ist diesmal entschlossen, reinen Tisch zu machen.

Nach dem Prozess in München hat er deswegen auch gleich den Vertrag mit seiner Agentin aufgehoben. Sie hat dem damaligen Bild-Redakteur im gesamten Strafverfahren keinen Vorwurf gemacht. Deals, sagte sie, seien eben durchaus üblich. Ihr Verhalten hat aus Fischers Sicht die Frage aufgeworfen, wem gegenüber sie eigentlich loyal war: Ihrem Auftraggeber Fischer oder dem Bild-Mann, den sie schon seit längerer Zeit kannte. Im Zuge der Ermittlungen schickte sie dem Journalisten eine SMS: "Staatsanwaltschaft und Kripo waren heute bei mir. Die verklagen Dich!" Aus Fischers Sicht heißt das: Im Streit mit Bild kann man nicht mal eigenen Helfern vertrauen.

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