Alexander Ahrens ist ein Mann, der viel kommuniziert, zwei Geschichten erzählt er besonders gerne. Die eine spielt bei der Abreise von einer Konferenz, da habe ihn jemand einmal gefragt, na, fahren Sie jetzt wieder zurück ins braune Herz Deutschlands? Ahrens sagt, er habe geantwortet: "Wieso, was will ich denn in Dortmund?" Verbale Notwehr. Die zweite Geschichte spielt im sächsischen Bautzen, dessen Oberbürgermeister Ahrens (SPD) seit fünf Jahren ist. Es sei - nach Unruhen und Ausschreitungen im Jahr 2015 und der vielen Berichterstattung über die Stadt - dann irgendwann tatsächlich passiert. Zwei Gäste der Stadt beschwerten sich in der örtlichen Tourismusstelle, man sehe ja überhaupt keine Nazis auf der Straße!
Mit diesen beiden Geschichten ist die Grundlage für die zehnteilige Dokumentation Bautzen skizziert, die Arte teils gerade online gestellt hat und ab Ende September auch ausstrahlen wird. Die Dreharbeiten dauerten sechs Monate und reichen zurück bis an den Anfang des Jahres 2019. Anne-Sophie Jakubetz und Mathias von der Heide (beide Regie) haben den reichlichen Platz von zehnmal 30 Minuten gut genutzt. Wo mediale Aufmerksamkeit gerade in Sachsen sonst oft spontan und in flackernden Schlaglichtern anlassbezogen zugeteilt wird, sind für diese Dokus Teams mit Ruhe und Zeit gekommen.
Sie sprechen in Episoden mit der alleinerziehenden Mutter Nancy Grohmann, die in einer Willkommensrunde aktiv ist und von arabischem Essen schwärmt - aber sie sprechen auch mit der Mutter Grohmanns, die ankündigt, bei der bevorstehenden Kommunalwahl für die AfD zu stimmen, "damit die Obersten mal auf den Zeiger kriegen". Die Filmleute sprechen mit dem Türmer Andreas Thronicker, der sagt, "es gibt so viele gute Taten in Bautzen, über die kein Mensch berichtet ... und das ist das, was mich stört", und sie sprechen mit der Bloggerin Annalena Schmidt, die sagt, "ich denke nicht, dass das Problem mediengemacht ist". Die Doku zeigt Szenen einer Diskussion in der Maria-und-Martha-Kirche, die teils eskalierte und zu einer sich entzündenden Wunde der Stadt wurde. Sie zeigt aber auch leise Szenen aus dem neuen Alltag von Familie Osman, die seit drei Jahren in Deutschland lebt. Die Mutter gibt bereits Nachhilfe in Deutsch. Der Vater sagt, für seine Kinder sei "Bautzen die Heimat, sie können sich fast nicht an Syrien erinnern". Eines der Kinder ermahnt ein anderes, als dieses am Tisch auf Arabisch losbrabbelt: "Red' Deutsch!"
Für all das nimmt sich dieser Film Zeit. Er ist sparsam kommentiert und er sucht nicht panisch nach einer Eindeutigkeit, die es in kaum einer Stadtgesellschaft gibt, jedenfalls nicht in Bautzen. Das ist interessant anzusehen - am interessanten wäre es für jene, die glauben, schon alles Nötige über diese Stadt zu wissen.
Bautzen , Arte-Mediathek, nächse Ausstrahlung, 28. September, 19.40 Uhr.