Hörspiel "Orwells Remington":Vertippt

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Hörspiel "Orwells Remington": Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

David Zane Mairowitz und Philine Velhagen suchen in ihrem Hörspiel nach George Orwells verschollener Schreibmaschine. Nicht nur die fliegt ihnen dabei buchstäblich um die Ohren.

Von Stefan Fischer

Man hört es allenthalben: Was gemeinhin als künstliche Intelligenz bezeichnet wird, sei gar keine künstliche Intelligenz. Wer so argumentiert und sich im Recht wähnt, weil eben jede Software lediglich nach vorgegebenen Mustern vorgehe und nicht frei denken könne, der kennt die Schreibmaschine von George Orwell nicht. Ein analoges Gerät, eine Remington, auf der der Schriftsteller unter anderem im Jahr 1948 seinen literarischen Welthit "1984" verfasst hat.

Diese Reiseschreibmaschine steht im Mittelpunkt des irrwitzigen Hörspiel Orwells Remington. Schon die Dramaturgie ist außergewöhnlich: Die Folgen eins und drei hat David Zane Mairowitz geschrieben und inszeniert, die Folgen zwei und vier Philine Velhagen. Die beiden erzählen verschiedene Geschichten mit unterschiedlichem Personal. Und eine ganze Weile hat man den Eindruck, bei dieser Remington würde es sich in dem einen wie dem anderen Erzählstrang um einen McGuffin Hitchcock'scher Prägung handeln. Um etwas also, das die Handlung überhaupt erst in Gang setzt, sich schließlich aber als vollkommen irrelevant herausstellt.

Ein Erzähler verbündet sich mit den beiden Frauen Orwells, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen

Nein, diese Schreibmaschine ist nicht nebensächlich, sondern entpuppt sich als Höllending mit eigenem Willen. Auf ihr kann nur geschrieben werden, was sie möchte. Hat sie bereits George Orwell auf diese Weise dominiert, oder steckt der Geist des Schriftstellers in ihr? Der Erzähler der Mairowitz-Episoden, der als Fabulierer und als Mairowitz' Contrabewusstsein jede Menge Porzellan zerschlägt, versucht sich an einer Domestizierung der Remington. Velhagen verbündet sich derweil mit den beiden Frauen Orwells, um ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - als Autorinnen und Verlegerinnen, die sie seien, und nicht, wie bislang immer dargestellt, als bloße Schreibkräfte und - in einem Fall - Schriftsteller-Witwe.

Die Schreibmaschine beißt und kratzt und schlägt derweil aus. Weder eine Hemingway'sche Kraftprotzerei noch der verschwurbelte Feminismus verfangen bei ihr. Und immer wieder geht es um die Frage, wie viel aus "1984" in dieser Angelegenheit steckt. Wie viele Fake News, wie viel Doppeldenk und Neusprech zum Tragen kommen. Eine Tangente des Hörspiels führt denn auch in die aktuelle Querdenkerszene. Aber deren Vertreter begreifen nichts, auch nicht, was es mit einer Konstruktion von Wirklichkeit im besten Fall auf sich haben kann.

Orwells Remington, WDR 3, 29. November bis 2. Dezember 2021, täglich 19.04 Uhr.

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