bedeckt München 15°

Opernball:Glitzer, Glamour, Landtagswahl

Pk Semperoper

Exportiert den Opernball: Hans-Joachim Frey.

(Foto: Oliver Killig/dpa)

Russland bekommt den Dresdner Semperopernball, der MDR überträgt - kurz vor der Landtagswahl. Mit Politik soll das nichts zu tun haben.

Mit kulturellen Exporten hat sich die Stadt Dresden zuletzt nicht gerade hervorgetan, dies aber ändert sich an diesem Samstag. Der seit 13 Jahren wiederbelebte Semperopernball eröffnet eine Art Franchise in Sankt Petersburg und der MDR überträgt zweieinhalb Stunden davon zur besten Sendezeit nach Deutschland (20.15 Uhr). Angekündigt wird die Übertragung als "Kulturbrücke" und "große Ballnacht" und so sieht es naturgemäß auch Hans-Joachim Frey, Initiator der russischen Filiale und "Künstlerischer Gesamtleiter" des Dresdner Balls. Es sei schon immer sein Traum gewesen, die Veranstaltung ins Ausland zu bringen, sagt Frey, und Sankt Petersburg sei dafür in besonderer Weise geeignet, wegen seiner barocken Kulissen und der langen Balltradition. Zudem verweist Hans-Joachim Frey auf die seit 1961 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Dresden und dem damaligen Leningrad.

Die politisch angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sieht er dabei nicht als hinderlich. Frey: "Ich glaube, dass es immer gut ist, über die Kultur gemeinsam etwas zu machen, weil die Kultur keine politischen Grenzen kennt". Ein Projekt wie der Ball sei "per se unpolitisch", er könne zwar politisch interpretiert werden, "sollte es aber nicht".

Wladimir Putin bekam 2009 bei der Veranstaltung in Dresden einen Orden

Politisch interpretiert wurde das Dresdner Original in der Vergangenheit schon häufiger und insbesondere 2009, als der damalige Ministerpräsident Russlands und jetzige Präsident Wladimir Putin einen St.-Georgs-Orden erhielt. Auch jetzt in Petersburg sollen Auszeichnungen vergeben werden, an Juri Timerkanow etwa, den Chefdirigenten der Sankt Petersburger Philharmoniker, und an die ehemalige Eiskunstläuferin Katarina Witt. Einen Orden erhalten zudem der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, der zugleich Freys Onkel ist, und der ehemalige Ministerpräsident Brandenburgs, Matthias Platzeck (SPD). Platzeck wird den Preis stellvertretend als Vorsitzender des Deutsch-Russischen Forums in Empfang nehmen. Neben ihm seien noch Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und der Gouverneur Sankt Petersburgs als Politiker eingeladen, "das war's dann aber auch schon", sagt Frey.

Beim Blick in den Kalender, fällt auf, dass der Ball nicht nur in Zeiten politischer Spannungen zwischen Deutschland und Russland terminiert worden ist - sondern exakt am Vorabend der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, wo der Wahlkampf auch mit der Forderung nach einem Ende der Sanktionen gegen Russland bestritten wird. Dies fordert die AfD und auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wirbt seit einiger Zeit dafür. Und nicht allein, weil die deutsche und europäische Russlandpolitik im Osten von vielen besonders kritisch gesehen wird, verwundert die zeitliche Nähe zwischen Ball und Wahl.

"Für mich hat ein Spektakel für die ,Reichen und Schönen' wenig mit einem deutsch-russischen Kulturaustausch zu tun", sagt die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Sächsischen Landtag, Claudia Maicher. Warum der MDR diesen Ball am Abend vor der Wahl so lange übertrage, sei ihr schleierhaft. Zudem sei Ballchef Frey dafür bekannt, "völlig unkritisch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin umzugehen". Erhard Grundl, ebenfalls Grüner und kulturpolitischer Sprecher seiner Fraktion im Bundestag, sieht den Ball als vertane Chance. "Hier hätte man Menschen auszeichnen können, die sich für künstlerische Freiheit in Russland stark machen", sagt Grundl. Es müsse ja nicht gleich Pussy Riot sein, die Protestgruppe also. Grundsätzlich aber könne ein solches Format ein gutes Beispiel für Völkerverständigung sein, von der politischen Dimension sei es aber nicht zu trennen.

Anders sieht das die CDU-Bundestagsabgeordnete und medienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Fraktion, Elisabeth Motschmann. Sie spricht wie Frey von einem "kulturellen Brückenschlag". In Zeiten, in denen Russland nicht mehr zu G7-Gipfeln eingeladen werde, "wollen wir ja auch nicht alle Gesprächskanäle abbrechen." Künstler sollten nicht unter politischen Spannungen zu leiden haben.

Selbst wenn man dies annimmt, bleibt die Frage nach der zeitlichen Nähe zwischen dem Ball und den Landtagswahlen. Bei dem Termin, sagt Hans-Joachim Frey, habe man es mit "einer unglaublichen Verkettung von Umständen" zu tun. Seit eineinhalb Jahren stehe das Datum des Balls in Sankt Petersburg fest - die in Sachsen regierende schwarz-rote Koalition einigte sich hingegen erst Ende August vergangenen Jahres auf den Termin für die Wahl. Wäre dieses Aufeinandertreffen zu ahnen gewesen, sagt Frey, "hätten wir den Termin niemals auf diesen Samstag gelegt."

Kritik an der Übertragung des Balls ins deutsche Fernsehen weist der MDR indes zurück. Natürlich habe man die aktuelle politische Situation im Blick, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Aber gerade in Zeiten politischer Spannungen sei es dem Sender wichtig, "Brücken zu schlagen". Musik und Kultur könnten wichtige Bausteine sein. Auch von der Kritik daran, dass der Ball zeitversetzt übertragen wird, will man nichts wissen: Das liege daran, dass es zwischen Petersburg und Deutschland eine einstündige Zeitverschiebung gebe. Außerdem seien die Ländermagazine und die Nachrichtensendung MDR Aktuell am Vorabend "unverzichtbare und feststehende Programmbestandteile". Zudem widerspricht der MDR der Kritik, im Umfeld der Übertragung liefen nur leichte Unterhaltung zum Thema Russland und keine harten journalistischen Formate. Es gebe auch Sendungen, die die Demonstrationen in Moskau oder die EU-Sanktionen gegen Russland thematisierten.

Und was passiert, wenn es einen sogenannten Zwischenfall gibt? Wenn etwas Vergleichbares passiert wie 2018, als Aktivisten von Pussy Riot beim Finale der Fußball-WM als Polizisten verkleidet auf das Spielfeld stürmten? Mit der Aktion hatten sie auf Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land aufmerksam machen wollen. Auf die Frage, für welche korrigierenden Eingriffe die Redaktion den zeitlichen Verzug der Übertragung nutzen könne, teilt der MDR mit: "Wir zeigen die Höhepunkte eines besonderen Klassik-Entertainment-Events. Diese wird die Redaktion entsprechend auswählen." In die Kategorie Höhepunkt dürfte eine Störaktion vermutlich nicht fallen.