Süddeutsche Zeitung

Pressefreiheit in Marokko:Nach dem Verhör die soziale Vernichtung

Der Investigativ-Journalist Omar Radi wird von den marokkanischen Behören schon lange drangsaliert. Eine Webseite stellt ihn nun als "Spion" bloß und veröffentlicht unter anderem seine Kontodetails.

Von Moritz Baumstieger

Sie hätten die Nacht mit Gelächter und Gesang verbracht, schreibt Omar Radi nach seiner Freilassung. Seinem Kollegen Imad Stitou habe der unfreiwillige Aufenthalt in Untersuchungshaft die Gelegenheit gegeben, sich mit Marokkos Strafprozessordnung vertraut zu machen. Schließlich, so scherzt Radi, sei Stitou in Sachen Gefängnis ja noch ein Azubi.

Omar Radi selbst, ein 33-jähriger Investigativ-Journalist aus der Hauptstadt Rabat, der zu Themen wie Korruption und Machtmissbrauch recherchiert und dabei auch vor dem Königshof nicht halt macht, hat seine Gesellenprüfung als Häftling hingegen längst hinter sich: Ende 2019 verhafteten ihn Marokkos Behörden wegen eines Monate alten Tweets, in dem er die Unabhängigkeit eines Richters in einem politischen Verfahren angezweifelt hatte. Das sich nach außen reformorientiert gebende Königreich verfolgt Kritiker zunehmend hart und unnachgiebig.

Am Sonntag wurden Radi und sein Kollege erneut festgenommen

Radi verbrachte damals fünf Tage in Haft und wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, gegen die er Berufung einlegte. In den vergangenen Tagen erreichte ihn der lange Arm der Staatsmacht dann erneut: Ende Juni bestellte ihn die Nationale Brigade der Justizpolizei ein, eine elitäre Ermittlungseinheit, etwa mit dem FBI in den USA vergleichbar. Die Beamten ließen Radi erst zwei Stunden warten, verhörten ihn dann vier.

Vergangenen Donnerstag wiederholten sie die Prozedur, am Sonntag dann nahmen sie Radi und seinen Kollegen Imad Stitou fest und behielten die beiden Journalisten über Nacht in Haft. Die Vorwürfe wiegen dieses Mal ungleich schwerer. Marokkos Behörden beschuldigen Radi, im Dienste fremder Nachrichtendienste zu stehen und führen Zahlungseingänge von ausländischen Absendern auf seinem Konto als Beweise an - ganz so, als würden Agenten im Jahre 2020 per Banküberweisung entlohnt.

Organisationen wie Amnesty International und Reporter ohne Grenzen, die für Menschenrechte und Pressefreiheit eintreten, erklären die Obsession der Behörden für Omar Radi hingegen eher mit einem anderen Motiv: Ende Juni hatte die Süddeutsche Zeitung gemeinsam mit dem Rechercheverbund "Forbidden Stories" berichtet, dass Radis Smartphone offenbar über längere Zeit mit Überwachungssoftware ausgespäht wurde. IT-Spezialisten von Amnesty International hatten Spuren des Programms "Pegasus" der israelischen Firma NSO auf Radis Handy entdeckt.

Die Software kann Geräte infiltrieren, ohne dass der Benutzer dafür auf einen Link klicken muss oder ein infiziertes Dokument öffnet - es reicht völlig aus, wenn er sich in der Reichweite einer manipulierten Funkzelle befindet. Der Hersteller der Software betont zwar, dass sein Produkt rein zur Terrorismus- und Verbrechensbekämpfung entwickelt wurde, immer wieder jedoch wurden in der Vergangenheit Oppositionelle und Aktivisten mit "Pegasus" ausgespäht.

Über die Infrastruktur für solche Spähattacken verfügen in der Regel vor allem staatliche Stellen und Geheimdienste, Marokkos Behörden weisen jedoch alle Vorwürfe zurück. NSO, der israelische Hersteller, zeigte sich auf eine Anfrage des "Forbidden Stories"-Verbundes "zutiefst beunruhigt", dementierte jedoch nicht, dass Radis Telefon mit seiner Software gehackt worden sein könnte.

Informationen, die so von Radis Telefon abgesaugt wurden, landeten jedoch offenbar nicht nur in den Ermittlungsakten der Behörden - sondern auch bei den Betreibern einer Klatsch-Internetseite. ChoufTV produziert in der Regel keine politischen Nachrichten, sondern kurze Clips, die Missgeschicke von normalen Bürgern oder Fehltritte von Prominenten zeigen, die sich in den sozialen Medien teilen lassen.

In ruhigeren Momenten versucht Radi, die Kampagnen nicht zu nah an sich heranzulassen

Seit einigen Wochen jedoch widmet sich die Seite regelmäßig dem "Spion" Omar Radi, stellte etwa seine Kontodetails und Chats mit einem US-Wissenschaftler bloß. Mittlerweile veröffentlicht die Seite jedoch nicht nur Informationen, die ihr zugespielt wurden. Am Wochenende lauerte Radi und Stitou ein Kameramann in einem Kneipenviertel von Casablanca auf und filmte sie.

Diese Art der Schmierkampagne nennt man in Marokko "Barbouze", nach einem französischen Wort für Geheimagent. Unterstützer von Radi vermuten, dass die Behörden mit durchgestochenem Material Radi und andere Journalisten einschüchtern wollen, indem sie parallel zur juristischen Auseinandersetzung die soziale Vernichtung unbequemer Stimmen vorantreiben. Tatsächlich bringen die Veröffentlichungen von ChoufTV Radi mit all jenen Tabuthemen in Verbindung, mit denen sich im mehrheitlich konservativen Marokko der Ruf einer Person ruinieren lässt: Alkoholkonsum und außereheliche Beziehungen, Vaterlandsverrat durch Zusammenarbeit mit Ausländern, Andeutungen von Homosexualität.

In ruhigeren Momenten versucht Radi zwar, auch diese Art Kampagne gegen sich mit Humor zu nehmen und nicht zu nah an sich heran zu lassen. Doch im Umgang mit Klatschreportern, die ihm nachts in Casablanca auflauern, ist auch er noch ein Azubi. Als der Kameramann von ChoufTV ihm auflauerte, reagierte er erst einmal ungehalten - worauf eine angeblich rein zufällig anwesende Polizeistreife ihn und seinen Kollegen Stitou festnahmen.

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SZ vom 08.07.2020/coko
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