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Olympia:Der Reflex liegt nahe, die Welt in Gut und Böse einzuteilen

Jeder einzelne Reporter muss mit der olympischen Schizophrenie klarkommen, und der Reflex liegt nahe, die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Böse: das IOC, Verbände, Funktionäre. Gut: Athletinnen und Athleten, zumindest, solange sie nicht des Dopings überführt sind und gegen Funktionäre wettern. Allerdings brechen diese Grenzen immer wieder zusammen, nicht nur, wenn ein Nicht-Doper zum Doper wird. Zum Beispiel bei den Straßenradrennen in Rio. Sie zählten zu den faszinierendsten Übertragungen. Als Zuschauer wurde einem schier schwindelig bei der finalen Abfahrt. Als die Führenden dann stürzten, die Niederländerin Annemiek van Vleuten sogar in lebensgefährlicher Weise, wandelte sich die Bewunderung des Reporters für die Fahrer in Empörung über die Veranstalter. Wie konnte man so eine halsbrecherische Strecke auswählen? Von den Athleten kein Wort der Kritik - im Gegenteil: Die Gestürzten hatten einfach zu viel riskiert.

In Wahrheit sitzen sie eben alle in einem Boot: IOC, Sportverbände, Athleten und Fernsehen. Auch der deutsche olympische Sport lebt nicht zuletzt von den Abermillionen, die das IOC von Sponsoren und TV-Anstalten einsammelt und dann verteilt. Das Fernsehen gibt Geld und bietet bei Olympia Athleten eine Bühne, für die sich ansonsten vier Jahre lang kaum jemand interessiert. Manchmal sind es sogar einzelne Reporter, die eine Sportart repräsentieren, etwa der Reit-Experte Carsten Sostmeier. Er musste sich in Rio entschuldigen, nachdem er einer Vielseitigkeitsreiterin unterstellt hatte, sie habe "einen braunen Strich in der Hose". In der Dressur aber war er wieder ganz bei sich. Wer diesen Hohepriester der Reiterei ("Weihegold, streck dich zu Gold mit deiner Isabell im Sattel!") nicht ernst nimmt, kann sich zumindest gut mit ihm amüsieren.

Über die Quoten entscheidet letztlich das Abschneiden der Deutschen

Nach den Spielen von Rio müssen ARD und ZDF entscheiden, ob sie im olympischen Spiel bleiben wollen. Die europäischen Fernsehrechte liegen erst einmal bei der amerikanischen Discovery Communication mit ihrer Tochter Eurosport. Für den olympischen Sport in Deutschland wäre es jedenfalls ein großer Schaden, sollte er aus dem öffentlich-rechtlichen Rahmen fliegen. ARD und ZDF, so viel steht fest, verfügen über ein Heer hoch kompetenter Kommentatoren. Deren Wettkampfberichte werden zusammengebunden durch Studiomoderationen, Porträts und Interviews, die in ihrer Seifenopernhaftigkeit häufig ermüden.

Aber vermutlich muss das so sein, um die Zuschauer 16 Stunden lang täglich bei der Stange zu halten. Über die Quoten entscheidet letztlich das Abschneiden der Deutschen. Dem Turner Fabian Hambüchen sahen am Dienstag im Schnitt 7,38 Millionen Zuschauer zu, als er Gold am Reck gewann. Sogar 8,52 Millionen - Rekord! - waren es, als die Beachvolleyballerinnen Ludwig und Walkenhorst zwei Brasilianerinnen besiegten.

Typisch, Frauen in knappen Trikots bringen Quote, mag man nun sagen. Wie überhaupt die moralische Empörung über die Auswüchse Olympias nirgendwo so stark ist wie in Deutschland - eine Gegenreaktion auf die Überhöhung Olympias als Hort des Schönen und Guten, im Gegensatz zum schnöden Profifußball. Vielleicht sollte man Olympia aber lieber betrachten als gute Fernsehunterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Dann lassen sich auch die Widersprüche besser aushalten.

© SZ vom 18.08.2016/sars

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