Olli Dittrich Komm, blas' mir mal die Wolken fort

Im Finale seines "TV-Zyklus" gibt Olli Dittrich die Sängerin und Schauspielerin Trixie Dörfel. Gegen die Schlagerbranche kommt die Liebe und Härte seiner Parodien allerdings kaum an.

Von Cornelius Pollmer

Wenn auf schlechtes Fernsehen gute Parodien folgen, ist für alle gesorgt. In besonderer Erinnerung steht das Jahr 1999, als Helmut Dietl fürs Kino die große Fernsehsatire Late Show herstellte. Thomas Gottschalk unterhielt sich darin mit Veronica Ferres in einer Talkshow über das gemeinsame Medium und sagte schließlich, seine Lieblingssendung seien eindeutig "Tierfilme". "Die sind so menschlich!", sekundierte Ferres und viel schöner konnte es ja kaum noch werden.

Zum Ensemble des Films gehörte neben Gottschalk und Ferres der Komiker Olli Dittrich. Als vornamenloser Lakai "Wollner" blies er Gottschalk durch einen Strohhalm Koks in die Nase, und all das zu erwähnen ist nicht ganz unwesentlich, um die Welt des Fernsehens im Jahr 2017 zu vermessen. Gottschalk hat inzwischen einige Karrierekatastrophen überstanden und produziert sehr lustigen Unfug bei Twitter. Dittrich wiederum ist inzwischen mehr Konzeptkünstler als Komiker. Und das Fernsehen? Hat sich zwar irgendwie verändert, bietet aber immer noch hervorragende Anlässe, gute Parodien zu produzieren. Und Olli Dittrich selbst hat die beste dieser Parodien zu verantworten.

Wir sehen die Schlagersängerin und Schauspielerin Trixie Dörfel im Kreise jener beiden Lieben, die jede ihrer fünf Ehen überdauert haben: Waschbären und Rotwein. Dass sie an Weihnachten „alleine, nicht einsam“ sein werde, ist eine der leichter zu erkennenden Lügen ihres Lebens.

(Foto: Beba Lindhorst/WDR)

Acht Folgen umfasst sein Zyklus über das deutsche Fernsehen. Mit Liebe wie Härte, auch in den Details, hatte Dittrich schon das Phänomen Beckenbauer erspielt sowie strukturellen Irrsinn in Formaten wie dem Frühstücksfernsehen herausgearbeitet. Besondere Zuwendung erfuhren dabei kategoriale Typenfiguren wie die Schlagersängerin und Fernsehschauspielerin Trixie Dörfel, mit der das Publikum in einer frühen Folge des Zyklus Bekanntschaft machen durfte. "Trixie Dörfel - 5 Ehen mit 3 Männern", stand verheißungsvoll in der Bauchbinde jener Talkshow, in der Dörfel etwa erzählte, dass ihr von den vielen Auszeichnungen im Laufe der Karriere der "goldene Löffel der Stadt Bad Hersfeld" als eine der besonders wichtigen erscheine.

Dieser Dörfel hat Dittrich nun den achten und letzten Teil seiner Oktalogie gewidmet. In der fiktiven Reihe "So feiern die Stars" besucht die echte Stefanie Hertel Trixie Dörfel in der allüberall geweißten und trotzdem beklemmenden Hölle eines Scheidungshauses, das Dörfel nach der Trennung von Peter Pudel weiter bewohnt, "meinem zweiten und vierten Ehemann". Mit diesem stehe sie im Übrigen noch in gutem Kontakt, gerade habe er ihr wieder "ein Kasterl" Nieswurz-Kräuter "frisch aus den Anden" geschickt, wie jedes Jahr. "Ein ganz ein besonderer Tee", sagt die Dörfel, "wahn-sin-nig gesund" sei er, und der Kamera entgeht natürlich nicht, wie sie ihre Worte begleitend fünf gehäufte Löffel Zucker in die Tasse schaufelt.

Im letzten Teil des TV-Zyklus taucht „Schorsch Aigner – Der Mann, der Franz Beckenbauer war“ wieder auf – als, kein Witz, „Ghostpainter“ von Christine Neubauer.

(Foto: Beba Lindhorst/WDR)

Eine Szene wie diese ist wesentlich für den Zyklus. Pointen gibt es fast nie direkt, oft sucht Dittrich sie überhaupt nicht - und lässt seinen fein gearbeiteten Figuren so den Platz, den sie brauchen und zu nutzen verstehen. Tragik und Komik der Dörfel etwa bilden auf diese Weise ein dramatisch gutes Gemisch. Der aufmerksame Zuschauer darf sich vergnügen, zugleich bleibt ihm "a bissel a bitterer Nachgeschmack", ganz wie beim Nieswurz.

Dass Trixie Wonderland - Weihnachten mit Trixie Dörfel am Ende dennoch nicht als beste Folge des Zyklus in Erinnerung bleiben wird, liegt schlicht daran, dass das Ziel dieser Abarbeitung ein zu leichtes ist. Die Branche des volkstümlichen Schlagers ist durchparodiert und scheint zugleich unparodierbar zu sein, das geht einem gleich zu Beginn auf. Über Stefanie Hertel ist da zu erfahren, sie habe vor dem Weihnachtsbesuch bei Trixie Dörfel schon "Pfingsten mit Mario Adorf" und das "Erntedankfest mit Jutta Speidel" fürs Fernsehen ertragen. Man hält das alles - auch darin besteht die Güte dieser Parodien - sofort und unbedingt für real möglich, nicht zuletzt, weil Stefanie Hertel mit exakt derselben gleichförmigen Simulation von Neugier durch die Parodie führt wie sonst durch ihre real-ernsten Formate. Das echte Fernsehen und seine Parodie, sie mischen sich hier noch einmal so, wie es einem großen Finale würdig ist. Am Ende sitzt Dörfel auf der Couch, in der Karaffe vor ihr funkelt Rotwein für drei. Die Kamera schwebt davon, und Dörfel lügt ihr entgegen, sie sei Weihnachten "allein, aber nicht einsam".

Ein echter früher Hit der echten Stefanie Hertel hieß übrigens "Komm' blas mir mal die Wolken fort" und es heißt darin, "Musikanten sind immer gut drauf. Frohsinn im Herzen, Spaß an der Freud, dafür hab'n wir immer Zeit."

Trixie Wonderland - Weihnachten mit Trixie Dörfel, Das Erste, 22.55 Uhr.