Süddeutsche Zeitung

Oliver Kalkofe:"Ich produziere mein eigenes Antiserum"

Seit 25 Jahren rächt er sich mit "Kalkofes Mattscheibe" für die Zumutungen im TV.

Mit 25 Stunden Kalkofes Mattscheibe feiert Tele 5 von Donnerstagabend an das 25-jährige Jubiläum der Satireshow, in der Oliver Kalkofe sich mit unnachahmlichem Körpereinsatz an den hässlichen Seiten des deutschen Fernsehens abarbeitet. Dass der Sender dafür den "Kalkfreitag" ausgerufen hat, freut Kalkofe, 53, besonders, weil er alt genug ist, sich an Zeiten zu erinnern, als im TV kaum Platz für Spaß war - und ganz bestimmt nicht am Karfreitag. Wie schnell einem aber auch heute beim Fernsehen das Lachen vergehen kann, weiß kaum jemand besser als er.

SZ: Herr Kalkofe, ein Vierteljahrhundert Mattscheibe - das ist länger, als viele Ehen halten. Wieso haben Sie so lange an Ihrer dysfunktionalen Beziehung zum deutschen Fernsehen festgehalten?

Oliver Kalkofe: Wenn du deinen Partner liebst und merkst, es geht ihm nicht gut - soll ich ihn dann verlassen und mich einem jungen Streamingdienst an den Hals werfen? Nein, ich bleibe da und kämpfe. Wir hatten doch so schöne Zeiten! Das Fernsehen ist und bleibt ein geiles Medium - auch wenn ich nicht verhehlen kann, dass ich enttäuscht bin, was daraus geworden ist, dass es einen nicht mehr ernst nimmt, nicht mehr zurückliebt.

Ist das deutsche Fernsehen es wirklich wert, ihm sein Lebenswerk zu widmen?

Zu spät! Wenn ich jetzt Nein sagen würde, könnte ich mich ja aufhängen gehen. Mein Glück ist, dass ich kein ernsthafter Kritiker bin, der verzweifelt versucht, das Fernsehen zu verbessern. Ich habe immer versucht, aus dem Schlimmen, Ärgerlichen, aus der Wut etwas Schönes zu machen, etwas Lustiges, worüber du lachen kannst. Ich produziere mit der Mattscheibe gewissermaßen mein eigenes Antiserum. Sich rächen zu dürfen für das Erlittene ist ein wunderbar befreiendes Gefühl. Der Weg dahin ist mühsam, aber wenn die Revanche gelingt, war es den Ärger wert.

W ofür? Möchten Sie missionieren?

Missionieren? Nein. Ich sehe mich eher als eine Art Detektiv oder Enthüllungsjournalist, der etwas rausfinden, aufdecken und den Leuten zeigen möchte, damit sie selbst mündig die Entscheidung treffen können, ob sie den Mist nun weitergucken wollen oder ihnen ihre Lebenszeit dafür zu kostbar ist. Wenn mir Leute sagen, sie könnten nicht mehr fernsehen, ohne immer wieder zu denken, da müsste doch jetzt der dicke Kalkofe ins Bild springen, empfinde ich das als großes Kompliment. Das möchte ich erreichen, dass Leute selbst merken, wenn sie verarscht werden.

1994 ging es bei Premiere los, nach Zwischenspielen im Ersten und bei Pro Sieben läuft die Mattscheibe seit 2012 bei Tele 5. Wie hat sich das Format verändert?

Gott sei Dank sehr. Wir kamen vom Radio zum Fernsehen und keiner wusste, wie das eigentlich geht. Also haben wir rumexperimentiert, das durfte man damals zum Glück noch. Und so stand ich in den ersten Folgen in lächerlich bunten Sakkos neben einem alten Fernseher und habe Ausschnitte kommentiert. Erst im zweiten Jahr fingen wir an mit richtigen Kostümen, mal was nachstellen. Da hat die Sendung Marc Stöcker viel zu verdanken, unserem ersten Regisseur, der die technischen Spielereien erfunden hat, die sie auch ausmachen. Er hat dafür gesorgt, dass ich in einem Sketch mehrere Figuren spielen kann, mittlerweile bis zu zwölf.

Und inhaltlich?

Vom reinen Kommentieren sind wir abgekommen und verfolgen mittlerweile eher den Ansatz, weiterzuerzählen, was uns da gezeigt wurde. Es geht heute viel mehr darum, die Hintergründe zu beleuchten und dem Medium den Spiegel vorzuhalten. Außerdem haben wir das Internet dazu genommen und beschäftigen uns auch mit Irrsinn, der im Fernsehen präsentiert wird, also beispielsweise wirren Demonstranten oder schwafelnden Politikern.

Besonders schlecht kommt Scripted Reality weg. Wenn es nun heißt, dass sich die Sender allmählich davon verabschieden, fürchten Sie dann um Nachschub?

Ich schließe mittlerweile aus, je an einem Mangel an Nachschub zu leiden. Früher hab ich das mal gedacht. Das war naiv. Es wird immer schlimmer, liebloser, zynischer. Gerade Scripted Reality ist ein Genre, das wir nie mit Freude bearbeitet haben, weil du fast immer die Falschen triffst. Das Kanonenfutter, das von den Machern vorgeschoben wird, die sich immer beklopptere Geschichten ausdenken.

Woran denken Sie?

Meine Lieblingsgeschichte: Amtsrichter Gassmann, dessen Hobby es ist, seinen Lümmel in Hot-Dog-Brötchen oder Obstkörbe zu legen und sich von notgeilen Frauen in Hotelzimmern fotografieren zu lassen. Du siehst den Wurm nicht, aber es geht die ganze Zeit um nichts anderes, im Nachmittagsprogramm. Wie willst du denn das in einem Sketch noch toppen? 2017 hat der damalige ProSieben Sat1-Chef sein Publikum "ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm" genannt. Was war Ihre erste Reaktion?

Es hat mich gefreut, dass zum ersten Mal versehentlich an die Öffentlichkeit gekommen ist, was viele Verantwortliche immer schon gedacht, aber höchstens hinter vorgehaltener Hand geäußert haben. Das war ja aus seiner Perspektive nicht mal eine Beleidigung, sondern eine Tatsachenfeststellung. Ich werde häufig gefragt, was ich tun würde, wenn ich Programmdirektor wäre.

Und das wäre?

Ich würde alle Redakteure zwingen, die von ihnen verantworteten Sendungen in kompletter Länge und an einen Stuhl gefesselt zu gucken. Und wenn sie Familie haben, müssten auch der Ehepartner und die Kinder danebensitzen. Ich schwöre Ihnen: Die Scham wäre so groß, dass sie sich danach mehr Mühe geben würden.

Ist in den 25 Jahren auch irgendwas besser geworden - außer der Bildqualität?

Das Privatfernsehen hat sich über die Jahre zu seinem Nachteil verändert, vom naiven Irrsinn hin zu zynischem Müll - aber es hat sich wenigstens verändert. Die Öffentlich-Rechtlichen, die wir alle mit der Rundfunkgebühr finanzieren, haben nie versucht, den Privaten etwas Besseres, Qualitätsvolleres entgegenzusetzen. Sie haben auf Kaffeeklatsch und Traumschiff gesetzt und das junge Publikum den Idioten überlassen. Alle Kreativität der vergangenen 30 Jahre, im Guten wie im Schlechten, ging vom Privatfernsehen aus.

Ein hartes Urteil.

Eigentlich müssten die Intendanten von ARD und ZDF jeden Abend vor Tagesschau und heute-Sendung bei ihrem Publikum um Entschuldigung bitten. Es gibt einige wenige Lichtblicke wie Babylon Berlin, aber ein Unterhaltungstalent wie Jan Böhmermann etwa fristest sein Dasein immer noch in der Nische, bei ZDF Neo, dem Tele 5 der Öffentlich-Rechtlichen. Und dann immer noch diese selbstgestrickte Wichtigkeit, das ist eine Frechheit.

Man merkt: Das Feuer lodert noch.

Tut es wirklich. Ansonsten hätte ich längst aufgehört. Der Job ist anstrengend, auch körperlich. Beim letzten Dreh stand ich am Ende kurz vor der Ohnmacht. Vier Tage eine Horrornummer nach der nächsten, und gleich am ersten Tag hatte ich mir die Stimme ruiniert, als ich einen AfD-Merkel-muss-weg-Schreihals spielte. Zu allem Überfluss kam dann noch Ross Antony bei der Royal Wedding dazu, der völlig durchgedreht ist. Und ich wollte das noch überbieten. Doch beim Spielen merkte ich: Mir wird schwindelig, ich bekomme keine Luft mehr, meine Stimme kiekst weg. Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt: Warum machst du so eine Scheiße eigentlich beruflich? Dass du vor der Kamera noch tot umkippst, weil du Ross Antony gespielt hast.

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Quelle:
SZ vom 18.04.2019
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