TV-Runde bei Anne Will:Wenn Scholz auf Kanzler umschaltet

Anne Will; Anne Will mit Robert Habeck und Olaf Scholz

Anne Will mit Olaf Scholz und Robert Habeck.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs/NDR/Wolfgang Borrs)

Hat sich die FDP bei den Sondierungen durchgesetzt? Mit dieser Frage piesackt Anne Will Olaf Scholz und Robert Habeck, den das sichtlich nervt. Aber dann lässt Scholz kurz den künftigen Kanzler aufblitzen.

Von Peter Fahrenholz

Talkrunden im Fernsehen, die sich mit der mutmaßlichen neuen Ampel-Regierung befassen, haben es im Moment schwer. Die Protagonisten der Gespräche, die jetzt Koalitionsverhandlungen sind, halten nach wie vor so dicht, wie man es der gemeinhin geschwätzigen Politikerkaste gar nicht zugetraut hätte. Niemand weiß, ob im Verlauf der Gespräche mal jemand einen der anderen angeblafft hat, genervt die Augen verdreht hat, wenn er sich Sachen anhören musste, die er schon immer für falsch gehalten hat. Oder gar ein Glas Orangensaft auf den Tisch geknallt hat wie Friedrich Merz beim Gerangel um die Wahl des Unionsfraktionschefs.

Also muss man sich damit behelfen, das zwölfseitige Sondierungspapier abzufieseln wie einen alten Knochen. Wo ist es zu wessen Gunsten hart ausgefallen oder zu wessen Ungunsten vage geblieben? Die gängige Lesart dabei ist, dass sich die FDP in ihren Kernanliegen durchgesetzt hat, während die beiden anderen entweder Abstriche machen oder sich mit weichen Formulierungen zufriedengeben mussten. Wie zum Beispiel damit, dass der Kohleausstieg "idealerweise" auch schon früher kommen könne.

Auch Anne Will lässt sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen, den vermutlichen neuen Kanzler Olaf Scholz und seinen vermutlichen Vizekanzler Robert Habeck mit dieser Frage zu piesacken. Beide reagieren darauf auf ziemlich unterschiedliche Weise. Habeck ist bei Wills Frage, warum denn Lindners Porsche nicht mit einem Tempolimit gestoppt worden sei, sichtlich angefasst und sagt, dass ihn "dieses Spielchen ganz fürchterlich nervt".

Olaf Scholz hingegen antwortet auf die Frage, wie sehr ihn das Gerede vom Sieg der FDP nerve: "Gar nicht." Scholz verfügt in solchen Situationen über eine Art naturgegebenen Vorteil. Er hat nicht nur seine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle, sondern kann ansatzlos in den Scholzomat schalten. Also trägt Scholz nochmals vor, was er alles im Wahlkampf auf den Marktplätzen gesagt habe und dass sich vieles davon auch in dem Sondierungspapier wiederfinde.

Allerdings lässt Will nicht locker, wozu auch die anderen Gäste beitragen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert zeigt sich enttäuscht von den Beschlüssen zum Klimaschutz, woraufhin Habeck abwehrend mit den Händen wedelt und der FAZ-Journalist Rainer Hank, ein selbst für FAZ-Verhältnisse neoliberaler Hardliner, vergnügt feststellt, von einem Ausbau des Sozialstaats finde sich "fast nix" in dem Sondierungspapier, ganz im Gegensatz zu früheren Regierungen, an denen die SPD beteiligt gewesen sei. Scholz zeigt an dieser Stelle sein berühmtes mokantes Lächeln, das CSU-Chef Markus Söder mal als schlumpfig bezeichnet hat. Aber dabei wird es nicht bleiben, wie sich schon wenig später zeigt.

Sozusagen zum Aufwärmen entgegnet Scholz auf Wills Frage, wie FDP-Chef Lindner es denn geschafft habe, SPD und Grünen das alles abzuhandeln, noch ohne sonderliche Schärfe im Ton, es sei "schon okay, dass Sie hier Ihre Obsession verfolgen". Aber dann geht Scholz urplötzlich in die Offensive. Er lässt gewissermaßen den künftigen Kanzler aufblitzen und man ahnt in diesem Moment, dass den Scholz-Satz, wer bei ihm Führung bestelle, bekomme sie auch, in den kommenden vier Jahre noch viele spüren werden.

Scholz nutzt die Attacke von Hank, dass der Klimaschutz ja nur international zu lösen sei und eine, wie er sich ausdrückt, "regional-national-provinzielle Engführung" gar nichts bringe, zu einem Gegenangriff und hält dem FAZ-Mann ein energisches Kolleg, wie wichtig es für den weltweiten Klimaschutz werde, wenn Deutschland klimaneutrale Technologien entwickle, die dann auch von anderen Ländern genutzt werden könnten.

Der Politikwissenschaftlerin Ursula Münch bleibt es vorbehalten, aus dem von Anne Will entfachten Hype um den angeblichen FDP-Sieg etwas die Luft herauszulassen. Bis jetzt gebe es ja nur ein Sondierungspapier, man könne doch nicht so tun, als ob die Verhandlungen schon abgeschlossen seien. Habeck greift diesen Gedanken am Schluss der Sendung auf und beteuert, über die Ressorts und ihre möglichen Zuschnitte sei noch überhaupt nicht gesprochen worden, auch nicht darüber, wer Finanzminister werden solle.

Scholz greift in die Diskussion, die sich daraus entwickelt, überhaupt nicht ein, sondern sitzt jetzt wieder mit seiner stoischen Scholz-Miene da. Er gilt als gewiefter und harter Verhandler, warum sollte er in einer Talkrunde dieses heikle Feld betreten?

fahrenholz

Peter Fahrenholz wünscht sich, dass Talkshows nicht immer dieselben Gäste einladen. Denn politische Diskussionen brauchen spannende Argumente statt altbekannter Standpunkte.

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