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Österreich:"Ein großes Missverständnis"

Markus Wilhelm, 1956 in Sölden im Ötztal geboren, ist Publizist, Aktivist und Bergbauer. Bekannt wurde er durch seinen Streit mit einem Tiroler Stromkonzern in den Achtzigern.

(Foto: privat)

Flammende Abrechnung: Warum der Tiroler Blogger Markus Wilhelm nach verdienstvollen Recherchen zu Lohndumping und "Me Too" einen mit 10000 Euro dotierten Journalistenpreis ablehnt.

Die Einladungen sind schon gedruckt zur Verleihung des "Professor-Claus-Gatterer-Preises" für sozial engagierten Journalismus. Den musikalischen Rahmen gestalten "Ferry Janoska & Schneeberger Trio", für die Festrede ist der Burgenländische Regierungschef Hans Peter Doskozil gebucht. Doch nun hat der vom Österreichischen Journalisten Club (ÖJC) auserkorene Preisträger Markus Wilhelm mit einem Paukenschlag verkündet, dass er am 5. September nicht zur Verleihung nach Eisenstadt kommt - und zur Begründung hat er eine flammende Abrechnung verfasst.

Die Preisvergabe an ihn sei ein "großes Missverständnis", schreibt Markus Wilhelm. Er sei nämlich gar kein Journalist, sondern ein "politischer Aktivist, der halt schreibt". Wilhelm betreibt eine Webseite namens dietiwag.org, auf der er immer wieder Skandale in seiner Heimat Tirol aufdeckt. Darunter war jüngst auch die Causa Erl um den dortigen Festspielleiter Gustav Kuhn, der nach Veröffentlichungen Wilhelms wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung und des Lohndumpings suspendiert wurde. Wilhelm ist in dieser Sache mit Klagen überzogen worden, und unter anderem auch für diese mutige Berichterstattung war ihm die nach dem 1984 verstorbenen Fernsehjournalisten Claus Gatterer benannte Auszeichnung zuerkannt worden.

Dass Wilhelm den mit 10 000 Euro dotierten Preis nun nicht entgegennehmen will, hat aber vor allem mit den beiden neuen Sponsoren zu tun. Finanziert wird das Preisgeld je zur Hälfte vom Land Burgenland und von der Esterházy-Stiftung - und von beiden will Wilhelm nichts annehmen. Bei Doskozil, der im Burgenland eine SPÖ-FPÖ-Koalition anführt, stört ihn dessen "Law-and-Order-Politik". Der Esterházy-Stiftung wirft er "feudalistisches Denken" vor und dass sie über ein "durch Fron, Robot und Zehent der Landbevölkerung" erlangtes Vermögen gebietet. "Ich schreibe nicht ein Leben lang gegen diese Zustände, um mich dann mit ihnen gemein zu machen", erklärt Wilhelm. Schließlich beruft er sich noch auf den Patron des Preises: "Claus Gatterer dreht sich im Grabe um bei diesem Missbrauch seines Namens."

Beim ÖJC war am Donnerstag niemand zu erreichen. Der Nachrichtenagentur Apa gegenüber zeigte sich ÖJC-Präsident Fred Turnheim aber überrascht von der Absage und sprach von "mehrfachen Zusagen" Wilhelms. Auf Anfrage der SZ bestritt Wilhelm das vehement und belegte mit einem Mail-Verkehr, dass er schon am 31. Juli, nur zwei Tage nach der schriftlichen Benachrichtigung über die Preisverleihung, deutlich gemacht hatte, dass er an der Überreichung nicht teilnehmen werde. Der ÖJC ließ via Apa nun wissen, dass die Veranstaltung trotzdem wie geplant am 5. September stattfinden werde. Die Jury tage bereits und werde einen neuen Preisträger benennen.