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Razzia bei "Öko-Test":"Arglistig getäuscht"

Collage: SZ

(Foto: SZ)
  • Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat den Verlag des Magazins Öko-Test und dessen Muttergesellschaft DDVG, eine Medienholding, die der SPD gehört, durchsucht.
  • Die Ermittler gehen dem Verdacht nach, Verantwortliche des Umweltmagazins hätten bei einer gescheiterten Expansion nach China Firmengelder in Millionenhöhe veruntreut.
  • Für das Magazin, das nach schweren Turbulenzen gerade wieder in ruhigere Zeiten gekommen war, ist die Razzia ein schwerer Rückschlag.

Bei Öko-Test, dem Umweltmagazin für Verbraucher, gibt es die Sparte "Geld und Recht". Da erfahren die Leser auch einiges über fragwürdige Finanzanlagen mit grünem Anstrich. In einem Fall, das galt für den Kauf und die Verpachtung von Olivenbäumen in Andalusien, ist laut Öko-Test sogar die deutsche Finanzaufsicht Bafin eingeschritten. Jetzt ist das Öko-Heft offenbar selbst ein Fall für die Sparte "Geld und Recht" und die Behörden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat diese Woche den Verlag des Umweltmagazins durchsucht, sowie die Muttergesellschaft DDVG und die Privatwohnungen heutiger und früherer Manager beziehungsweise Aufsichtsräte.

Mehr als 40 Beamte waren im Einsatz. Die Ermittler gehen dem Verdacht nach, jetzige und ehemalige Verantwortliche des Umweltmagazins hätten bei einer gescheiterten Expansion nach China Firmengelder in Millionenhöhe veruntreut. Öko-Test hatte Anteile an einem Unternehmen in Peking erworben, dem wenig später das Geld ausging.

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Für das Magazin, das nach schweren Turbulenzen gerade wieder in ruhigere Zeiten gekommen war, ist die Razzia ein schwerer Rückschlag. Und für die ohnehin arg gebeutelte SPD, die indirekt betroffen ist, dürfte das alles auch nicht schön sein. Der SPD gehört die Medienholding DDVG, und die wiederum ist Mehrheitsaktionärin von Öko-Test. Die SPD-Medienholding besitzt rund 66 Prozent der Anteile an dem Umweltmagazin, der Rest ist im Streubesitz von rund 800 Aktionären.

Nach den Durchsuchungen meldet sich der frühere Chef per Mail. Er hat noch offene Rechnungen

Diese Mitinhaber wiederum versucht der einstige Chef von Öko-Test, Jürgen Stellpflug, in Stellung zu bringen. In einer Rundmail aus Anlass der Razzia schreibt Stellpflug den Aktionären, für diese stelle sich nun die Frage, ob sie den Vorstand und den Aufsichtsrat des Umweltmagazins "nicht auffordern sollten", zurückzutreten. Das ist wohl so ein "nicht", mit dem eigentlich genau das Gegenteil gemeint ist. Stellpflug war im vergangenen Jahr als Chefredakteur und Geschäftsführer des Umweltmagazins geschasst worden; er hat noch mehrere Rechnungen offen.

Eine davon hat mit dem chinesischen Abenteuer zu tun, das für Öko-Test und auch für die SPD-Medienholding DDVG böse endete. Die DDVG hatte vor Jahren über eine Firma in Hongkong in China mit lokalen Partnern das Unternehmen Cavete Beijing Consulting Limited gegründet. Cavete ließ Produkte bei Öko-Test in Frankfurt prüfen und veröffentlichte die Ergebnisse in China. Die Idee: Nach zahlreichen Lebensmittelskandalen dort sei das der ideale Markt für ein unabhängiges Verbrauchermagazin, mit Millionen an potenziellen Lesern. So die Vision, die sich nicht erfüllte. Die DDVG und Öko-Test zogen sich unter Millionenverlusten aus China zurück. Nun will die Frankfurter Staatsanwaltschaft wissen, was damals geschah.

Die Kernfrage lautet: Wurde noch Geld in Cavete gesteckt, als längst absehbar war, dass der Plan schiefgehen würde?

Der Medienkrimi führt mitten hinein in die DDVG, die an etlichen Tageszeitungen beteiligt ist, meist als Minderheitsgesellschafter. Hinzu kommen drei Druckereien und Investitionen in digitale Geschäftsmodelle, vor allem bei Umweltschutzthemen. Und eine DDVG China GmbH. Um die Expansion nach China hatte sich DDVG-Chef Jens Berendsen selbst gekümmert, wie Mails belegen. Am 22. Dezember 2017 schrieb Jens Berendsen an Jürgen Stellpflug, der damals bei Öko-Test noch das Sagen hatte. Es ging um den Einstieg von "OT bei Cavete". OT steht für Öko-Test. "Hallo Jürgen", schrieb Berendsen, "die Kapitalanlage ist auf gutem Weg". Er bat Stellpflug, Anfang 2018 zudem Darlehen über 600 000 Euro auf den Weg zu bringen. "Alles Gute für die Feiertage und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr! Liebe Grüße, Jens."

Aus den früheren Partnern sind inzwischen längst erbitterte Gegner geworden

Wenig Monate später war es vorbei mit lieben Grüßen. Stellpflug wurde unter heftigen Vorwürfen gefeuert, gewann aber einen Prozess beim Arbeitsgericht Frankfurt in erster Instanz. Es müsse wieder als Chefredakteur beschäftigt werden. Öko-Test, dort sitzt Berendsen im Aufsichtsrat, schob eine weitere Kündigung nach. Die Sache liegt nun, unter anderem, beim Landesarbeitsgericht Hessen. Und beim Oberlandesgerichts Frankfurt, wo Stellpflug nach eigenen Angaben Berufung eingelegt hat gegen ein Urteil des Landgerichts.

Dort hatte der einstige Mr. Öko-Test vergeblich auf Wiedereinstellung als Geschäftsführer des Verlags und Vorstandschef der damaligen Holding geklagt. Es ist ein heftiges Hin und Her bei der Justiz. Und nun kommen auch noch die Ermittlungen wegen China hinzu, wegen Cavete. Dem dortigen Ableger der DDVG war im Spätsommer 2017 offenbar allmählich das Geld ausgegangen. Einträge im Hongkonger Handelsregister zeigen, dass die DDVG mit einem Kredit in Höhe von 3,8 Millionen Euro der Hongkonger Gesellschaft Cavete Global Limited aushelfen musste (laut früheren Angaben der DDVG will diese in China aber deutlich weniger Geld verloren haben). Schließlich beteiligte sich auch die damalige Öko-Test Holding AG mit einer Einlage von 600 000 Euro an Cavete. Anfang 2018 folgte das Darlehen über weitere 600 000 Euro. Viel Geld, wenig Ertrag.

Inzwischen gehört die Gesellschaft in Hongkong wohl dem früheren SPD-Politiker Thomas Böwer, ehemals Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft. Böwer war anschließend für Cavete in China unterwegs. Jetzt soll ihm die Firma gehören, die Millionenbeträge verschlungen hat. Von einem Managment-Buyout ist die Rede. Der Preis für Cavete in Hongkong soll 150 Hongkong-Dollar betragen haben, nicht einmal 20 Euro. Böwer will sich zu Cavete nicht äußern. Stellpflug erklärt, er fühle sich bei dem Anfang 2018 von Öko-Test gewährten Darlehen für Cavete "arglistig getäuscht". Und möglicherweise habe die DDVG, "schon viel länger mit gezinkten Karten gespielt, als ich es bisher angenommen habe". Die DDVG und deren Chef Berendsen wollen sich zu alledem nicht äußern, wegen der laufenden Ermittlungen.

Bei früheren Gelegenheiten hatte Berendsen aber alle Vorwürfe gegen sich und die DDVG zurückgewiesen und Stellpflug attackiert. Aus den früheren Partnern sind erbitterte Gegner geworden. Gemeinsam haben die beiden nur, dass sie zu den insgesamt sieben Beschuldigten zählen und den jeweils anderen verantwortlich machen.

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