bedeckt München 22°

Verbraucherschutz:"Öko-Test" unter Verdacht

Illustration: SZ

  • Das Verbrauchermagazin "Öko-Test" soll jahrelang die Auflagenzahlen von Sonderheften geschönt und so Anzeigenkunden beschwindelt haben.
  • Nun gerät auch eine gescheiterte millionenteure China-Expansion in den Blick, die Öko-Test gemeinsam mit dem Medienunternehmen der SPD (DDVG) 2015 gestartet hatte.
  • Von einer Strafanzeige gegen den langjährigen "Öko-Test"-Chefredakteur und Geschäftsführer Jürgen Stellpflug hat die SPD-Medienholding abgesehen, doch das Verhältnis ist rettungslos vergiftet.

So schlecht die Wahlergebnisse auch ausfallen, auf eine gute Nachricht war meist Verlass in den Rechenschaftsberichten auf den Parteitagen der SPD. Das Medienunternehmen der Sozialdemokraten, die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), sei eine "wichtige finanzielle Säule", hieß es in der Regel. Die DDVG ist Teilhaber diverser Zeitungen - und Mehrheitseigner des Magazins Öko-Test . Ende 2015 frohlockte die Partei gar, die Medienholding habe zusammen mit Partnern das "erste unabhängige Verbraucherportal" in China gestartet: Okoer.com. Ausgerechnet in der Volksrepublik, in der Zensur zum Alltag gehört, sollte das große Geld gemacht werden - dank Öko-Test. Das Magazin aus Deutschland sollte chinesische Produkte prüfen und bewerten.

Jahre später ist daraus ein Desaster geworden, in vielerlei Hinsicht. Die DDVG und Öko-Test haben in China einen Millionenbetrag verloren. Geld, das nun der Partei und dem Magazin fehlen dürfte. Und, schlimmer noch: Ausgerechnet bei Öko-Test, jenem Heft, das, wie kaum ein zweites vom guten Ruf als verlässlicher Ratgeber für Verbraucher lebt, sollen Anzeigenkunden beschwindelt und betrogen worden sein. Entsprechende Untersuchungsergebnisse hat ein vom Verlag selbst eingesetzter Rechtsanwalt zutage gefördert, nachdem der langjährige Chefredakteur und Geschäftsführer, Jürgen Stellpflug, im Frühjahr 2018 gefeuert worden war.

In einem Protokoll heißt es, die Täuschung von Anzeigenkunden gefährde den guten Namen

Der Vorwurf: Über Jahre sollen bei Sonderheften des Öko-Test, also nicht bei der regulären Ausgabe, die Auflagenzahlen erheblich geschönt worden sein. Offenbar, um von Anzeigenkunden höhere Preise verlangen zu können. Bei einem Ratgeber zum Thema Umwelt und Energie, der im September 2017 erschienen ist, sollen statt 60 000 Exemplaren nur 19 505 Hefte verlegt worden sein. Im Jahr 2017 seien den Anzeigenkunden 510 000 Sonderhefte versprochen worden. Gedruckt worden seien etwa 335 000 Exemplare, eine Differenz von fast 175 000 Stück. 2016 habe der Unterschied sogar mehr als 219 000 Hefte betragen. Der vom Verlag eingesetzte Anwalt notierte, es liege ein "Anzeigenschwindel" vor; und der Verdacht des "Druckauflagenbetruges". Die damalige Geschäftsführung müsse die "Gesamtverantwortung für die unzweifelhafte und systematische Täuschung der Anzeigenkunden" tragen.

SPD-Beteiligung

Die SPD hat von ihrer parteieigenen Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) zuletzt nur 5,5 Millionen Euro Gewinnanteil für 2017 bekommen. Das waren zwar 700000 Euro mehr als ein Jahr zuvor; aber guten Zeiten fiel teils deutlich mehr ab. Die 1971 gegründete DDVG ist meist als Minderheitsgesellschafter an diversen Tageszeitungen in Nordbayern, Sachsen, Thüringen sowie Norddeutschland beteiligt und betreibt Druckereien, Handels- und Digital-Firmen. Die SPD hat einst bis zu rund 200 Zeitungsverlage besessen. Was davon 1933 noch existierte, wurde von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, zerschlagen und enteignet. Nach der Nazi-Diktatur entstanden wieder einige parteinahe Zeitungen, die aber erfolglos waren. Die DDVG versteht sich als reine Beteiligungsgesellschaft. Klaus Ott

Das zielt auch auf Stellpflug, den Ex-Chef von Öko-Test. Der alle Vorwürfe zurückweist. Er wisse nichts von falschen Zahlen. Einen ersten Prozess gegen seinen Rauswurf hat er vergangene Woche beim Arbeitsgericht Frankfurt gewonnen. Er müsse als Chefredakteur weiterbeschäftigt werden, so das Urteil. Der Verlag schob daraufhin eine weitere Kündigung nach. Stellpflug habe bei einem Aktionärstreffen Anfang vergangener Woche Maßnahmen zur Rettung des Magazins versucht zu verhindern. Trotz einer ihm bekannten, den Verlag in seiner "Existenz bedrohenden Insolvenzgefahr". Stellpflug bestreitet auch das. Am 25. Februar steht die nächste juristische Runde an, dann beim Landgericht Frankfurt. Dort will Stellpflug seine früheren Posten als Geschäftsführer und Vorstandschef von Öko-Test einklagen.

Zu beobachten ist eine Kabale um Öko-Test, wie sie schlimmer kaum sein könnte. Nach Lesart der DDVG, so geht es aus vielen Unterlagen hervor, hat Stellpflug das Magazin in einem verheerenden Zustand verlassen. DDVG-Chef Jens Berendsen schrieb im Protokoll einer Telefonkonferenz des Öko-Test-Aufsichtsrats vom 25. Mai 2018, die Täuschung von Anzeigenkunden gefährde den guten Namen von Öko-Test und lasse "schwerwiegende Reputationsverluste befürchten". Der Schaden bei den Kunden ist laut DDVG mit Ersatzanzeigen wettgemacht worden. Der neue Öko-Test-Verlagschef Hans Oppermann ergänzte später, er sei seit mehr als 25 Jahren in der Branche tätig. Eine "solch schwierige" Lage habe er aber noch nicht erlebt. Fehlende Planung, mangelhafte IT, "gravierende handwerkliche Mängel" bei der neuen Gestaltung des Internetauftritts.