Öffentlich-Rechtliche Und zum Zweiten

Tom Buhrow, Intendant des WDR ließ 48 Kunstwerke aus einer 600 Werke umfassenden Sammlung versteigern. Der Sender ist klamm.

(Foto: Marius Becker/dpa)

48 Kunstwerke hat der WDR versteigert, um seine Finanzlage zu verbessern. Nun kamen sie ein zweites Mal unter den Hammer, was den Sender in Erklärungsnot bringt.

Von Viola Schenz

Das Bild "Badende am Ufer" zeigt, wie der Name vermuten lässt, eine Frau, die wadentief im Wasser steht. Ernst Ludwig Kirchner hat das 32,4 mal 26,3 Zentimeter große Aquarell um 1911 gemalt. Mitte Dezember wurde es im Münchner Auktionshaus Ketterer für 85 000 Euro versteigert - zum zweiten Mal in diesem Jahr. Ende Juni war es schon einmal versteigert worden, bei Sotheby's in London, da allerdings für nur 41 571 Euro, also für weniger als die Hälfte. Und mit diesem gewaltigen Unterschied im Erlös ist vor allem der Westdeutsche Rundfunk, nun ja, baden gegangen.

Die "Badende am Ufer" gehörte ursprünglich zu einer Sammlung von 600 Kunstwerken im Besitz des WDR - Bilder, Skulpturen, Fotos, Drucke. Sie dienten, so der WDR, "der Ausstattung des Senders, zum Teil auch der Dekoration der Studios". 48 Kunstwerke ließ WDR-Intendant Tom Buhrow dieses Jahr in London und Paris versteigern, darunter Ölgemälde der Expressionisten Max Beckmann, Max Pechstein oder eben Ernst Ludwig Kirchner. Der Grund: Der Sender ist klamm, er muss sparen, bis zu 100 Millionen Euro jährlich bis 2020, es droht sonst ein Milliardendefizit. Den Wert dieser 48 Werke schätzte Sotheby's im Vorfeld auf drei Millionen Euro, entsprechende Zuschläge erhoffte man sich bei den Auktionen. Doch es kam anders: Der Erlös belief sich auf 2,8 Millionen Euro. So manches Gemälde geriet zum Schnäppchen, etwa "Fischer" von Ernst Wilhelm Nay, das in London auf 2598 Euro geschätzt - und zu diesem Preis auch versteigert wurde, obwohl der WDR angekündigt hatte, "nur Bilder, die einen Schätzwert von über 5000 Euro haben" zu versteigern. So mancher Käufer ließ seinen Erwerb daher gleich wieder woanders einliefern. Fünf Bilder aus der Londoner Auktion landeten auf diese Weise bei einem der führenden Auktionshäuser Deutschlands, bei Ketterer Kunst in München. Dort erzielten sie im Schnitt den 2,5-fachen Preis.

Der Sender wurde zuvor gewarnt, nicht ins Ausland zu gehen

Der WDR hat sich also mit den Auslandsauktionen ziemlich verkalkuliert - auf Kosten der deutschen Gebühren- und Steuerzahler. Der Brexit-bedingte Einbruch des britischen Pfunds ließ den Wert der Bilder weiter verfallen. Die Angelegenheit ist für den größten ARD-Sender auch deshalb nicht unproblematisch, weil mehrere Kunstexperten vor Verkäufen deutscher Expressionisten im Ausland gewarnt hatten. Deutsche Kunst sollte am besten in Deutschland angeboten werden, sagt der Auktionator Robert Ketterer, im Ausland werde bei Versteigerungen kein besonderes Augenmerk auf diese Kunst gelegt. "Die Entscheidung, die Werke ins Ausland zu geben, war für viele Kunstkenner von Anfang an unverständlich und erscheint im Nachhinein als umso weniger durchdacht", so der Expressionismus-Experte, der sich im Frühjahr wie andere deutsche Auktionshäuser um den Zuschlag des WDR beworben hatte. "Abgesehen von der Tatsache, dass damit uns allen hohe Steuereinnahmen entgangen sind durch nicht erhobene Umsatz- und Gewerbesteuern."

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters hatte Tom Buhrow seinerzeit in einem Brief aufgefordert, "verantwortungsvoll mit den durch den Gebührenzahler erworbenen Kunstwerken umzugehen" und sie nicht zu "reinen Spekulationsobjekten" herabzuwerten. Beim WDR indes heißt es nun auf Anfrage: "Wir haben durch den Verkauf erzielt, was wir erzielen wollten und damit weitere Kürzungen im WDR-Haushalt vermieden", teilt eine Sprecherin mit. "Alles, was danach passiert, ist Sache der Spekulanten."