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Öffentlich-rechtliche Sender:Was ist der Preis?

David Bernet, 2016

David Bernet.

(Foto: Manfred Werner)

Beim Dokumentarfilmfestival in Stuttgart nutzen die zwölf nominierten Filmemacher die große Bühne, um einen Text zu verlesen. Mit scharfen Worten und frappierenden Zahlen protestieren sie gegen ihre Arbeitsbedingungen.

Von Alex Rühle

Das neue Stuttgarter Dokumentarfilmfestival ging seinem Ende zu, der SWR-Intendant Peter Boudgoust hatte mit feierlichen Worten eine Lanze für den Dokumentarfilm gebrochen, David Bernet war für Democracy - Im Rausch der Daten mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet worden. Die Jury hatte die "akribische Sorgfalt und kritische Distanz" seines Films über den Kampf um bessere Datenschutzrechte genauso gelobt wie die "stark komponierten Bilder". Jetzt fehlte eigentlich nur noch Bernets Danksagung und alle hätten einander lieb gehabt. Bernet aber bat die anderen elf Nominierten auf die Bühne und verlas dann einen gemeinsamen Text, der es gerade in seinem nüchternen Ton in sich hat: Man freue sich über das neugegründete Festival. Danke für die Ehre, hier auftreten zu dürfen. Schön, dass regelmäßig die Relevanz des Dokfilms angepriesen werde. Genauer Blick und so. Säule der Demokratie. Was aber bringe all das offizielle Salbadern, wenn es kaum Sendeplätze gibt? Und noch weniger Geld?

Die nominierten Filmemacher verdienen 120 Euro am Tag

Nun könnte man das abtun mit dem Satz, dass Jammern zum Geschäft gehört. Aber zum einen haben die zwölf Filmemacherinnen und Filmemacher, zu denen Andres Veiel, Stefan Eberlein, Heidi Specogna und Marcus Vetter gehören, nicht gejammert. Zum anderen sind die Zahlen tatsächlich frappierend: Stefan Eberlein zufolge zeigt die ARD zwölf 90 Minuten lange Dokumentarfilme im Jahr, alle frühestens um 22.30 Uhr, der Großteil davon verschwinde überdies im Sommerloch. Das ZDF produziert seinen Zahlen zufolge im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels zwölf Dokumentarfilme pro Jahr, eine unbedingt löbliche Nachwuchsarbeit. Eberlein aber kritisiert, dass der Sender dann keinen einzigen langen Dokumentarfilmplatz für ausgewachsene Profis habe. "Wozu dann überhaupt die Nachwuchsarbeit?"

Das besonders Interessante an der Protestnote aber war, dass Bernet und seine Mitstreiter ihre Klage untermauerten, indem sie offenlegten, mit welchen Bugdets sie für ihre nominierten Filme jeweils hatten auskommen müssen. Für Buch und Regie verfügten sie über ein Honorar von knapp 49 000 Euro (alle Zahlen sind Durchschnittswerte aus den zwölf Produktionen, wobei jeweils der niedrigste und der höchste Wert rausgerechnet werden), insgesamt hatten sie Budgets von jeweils 550 000 Euro. 426 Tage hatten die Regisseure durchschnittlich an ihren Filmen gearbeitet. Allein für den Schnitt brauchten sie sieben bis acht Monate - so lange dauert es eben, bis aus rohem Material ein Werk wird, das man dann für "akribische Sorgfalt", "kritische Distanz" und "stark komponierte Bilder" feiern kann. Resümee: "Wir Nominierten verdienten im Schnitt 120 Euro netto pro Tag. Zum Vergleich: Ein Ton-Operateur verdient marktüblich an einem Arbeitstag um die 300 Euro netto. Ein Kamera-Operateur zwischen 400 und 500 Euro. Regisseurinnen und Regisseure erhalten im Durchschnitt also eine Tagesgage, die einem Drittel von dem entspricht, was einer marktüblichen Gage entspräche. Und ein Fünftel bis ein Drittel von dem, was tarifliche Gagen in der Filmindustrie für selbständige Filmschaffende ausmachen."

Man könnte einwenden, dass zwölf Filme keine seriöse Datengrundlage sind. Als aber die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) vor fünf Jahren 92 Dokumentarfilmer nach ihren Einkommen befragte, ergab sich ein noch geringerer Durchschnittslohn von 99 Euro am Tag. Brutto. 120 Euro netto sind Budgets für Spitzenproduktionen, die dann für den Dokumentarfilmpreis nominiert werden. Am Ende der Protestnote stand der sehnliche Wunsch nach einem runden Tisch mit Programmdirektoren und Intendanten.

© SZ vom 03.07.2017
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