Öffentlich-Rechtliche Im Umbau

Peter Boudgoust, 64, ist Jurist und führt als Intendent noch bis Jahresmitte den SWR, den zweitgrößten Sender im ARD-Verbund. Seinen Job bei Arte wird er behalten: Beim deutsch-französischen Sender ist er bis 2021 Präsident.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Verwalter oder Erster Journalist? Wie soll er sein, der neue Intendant? Der SWR sucht einen Nachfolger für Peter Boudgoust, der sich Mitte dieses Jahres vorzeitig zurückzieht. An möglichen Kandidaten für den Job herrscht kein Mangel.

Von Max Hägler

Es ist mitnichten so, dass der Südwestrundfunk (SWR) in den vergangen Jahren stehen geblieben ist. Bei den Angeboten nicht und auch nicht bei den Strukturen. Die große Baustelle am SWR-Hauptsitz in Stuttgart etwa zeugt vom Umbau: Die Verschmelzung von Radio, Fernsehen und Internet fordert neue räumliche Zuschnitte.

Doch wird sich noch viel mehr ändern müssen, glaubt Intendant Peter Boudgoust: "Wir werden in fünf bis zehn Jahren das lineare Programm primär als Schaufenster nur noch nutzen für das, was dann non-linear abgerufen wird." Deswegen sei die Programmvorschau 2019 auch seine letzte gewesen, erklärte er dieser Tage: "Eine neue Generation sollte jetzt die Verantwortung übernehmen." Der studierte Jurist will sein Amt zur Jahresmitte vorzeitig abgeben, damit ein Nachfolger völlige "Handlungsfreiheit" habe in dieser neu entstehenden Medienwelt.

Die Entscheidung, obschon seit einigen Wochen bekannt, sorgt immer noch für Erstaunen. Denn viele sind Boudgoust dankbar für seine 2007 begonnene Arbeit: weil er nicht nur verwaltet, sondern auch gestaltet hat, ohne daran zu denken, dass ihn einst das konservative Lager auf den Posten hob. Weil er Doppelstrukturen leise, aber beharrlich zu schleifen versuchte und eher in Inhalten (Ratgeber und Themenabende) als in Kästen denkt. Wie kaum ein anderer hat er sich für junge Mediennutzer eingesetzt, das entsprechende ARD-Angebot Funk durchgesetzt gegen Widerstände anderer Sender, anderer Intendanten. Schließlich zahlt sich gerade sein früh eingeschlagener Sparkurs aus, etwa die so umstrittene Zusammenlegung der Orchester: Der SWR hat noch Mittel für neue Ideen.

Die Frage, die sie an den drei Hauptstandorten Baden-Baden, Mainz und Stuttgart diskutieren: Welche Ideen wären passend, auch um die Lücken aufzufüllen, die es immer noch gibt, etwa die eher zurückhaltende Investigativrecherche? Kurzum: Wer soll's werden? Ein Verwalter oder einer vom Typ Erster Journalist? Und es ist schon immer noch eine politische Angelegenheit, auch wenn der grüne Regierungsteil in Baden-Württemberg sich bislang herauszuhalten scheint - und die beiden Regierungen des Sendegebiets sowieso nicht direkt in den entscheidenden Räten vertreten sind. "Über seine Nachfolge werden wir dann entscheiden, wenn es an der Zeit ist", teilte der CDU-Landtagsfraktionschef Wolfgang Reinhart mit, ganz so, als sei der SWR Staatsfunk. Malu Dreyer, die SPD-Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, wird auch mitreden, als aktive Medienpolitikerin: Männer mit Baden- oder Schwaben-Fokus werden es dort nicht leicht haben. Das könnte für Simone Schelberg, 48, sprechen, RP-Direktorin beim SWR. Eine andere Frau, Christine Strobl, 48, Chefin der ARD-Tochter Degeto, hat sich per Interview in der Stuttgarter Zeitung mit respektabler Argumentation aus dem Rennen genommen: Als Gattin des stellvertretenden CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg widerspräche eine Kandidatur ihrer Auffassung von nötiger Distanz zur Politik.

Geredet wird vor allem über zwei andere SWR-Direktoren, Stefanie Schneider und Jan Büttner. Beide hoch anerkannt, beide allerdings nur ein wenig jünger als der 64-jährige Boudgoust. Tatsächlich aus einer anderen Generation stammt der mögliche Kandidat Clemens Bratzler; der Hauptabteilungsleiter Multimedia gibt mit scharfen Moderationen bei Zur Sache den großen Debatten im Südwesten ein Gesicht. Mit 47 Jahren ist er so alt wie der ebenfalls gehandelte ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler.

Bei denen, die sich einen Intendanten wünschen, der deutlich nach außen auftritt, kursieren schließlich einige noch prominentere Namen: Tina Hassel etwa oder Tom Buhrow. Bis zum 1. März kann man sich jedenfalls bewerben. Die Mitglieder des Wahlgremiums - 92 Menschen aus Verbänden, Vereinen, aber auch dem politischen Leben - suchen "eine starke, authentische Persönlichkeit".