Öffentlich-Rechtliche Der Kleine in der Familie

Unreifer Musiker entwickelt Familiensinn: Onkel Andy (Nick Helm, l.) mit Errol (Elliot Speller-Gillott).

(Foto: WDR/BBC/Baby Cow Productions)

Der ARD-Kanal "One" zeigt Seifenopern aus dem Ersten in Endlos-Wiederholung. Dass der Sender größere Ambitionen hat, beweisen ein paar hochwertige Serien am späten Abend. Zum Beispiel die BBC-Produktion "Uncle".

Von Benedikt Frank

Andy hat alles vorbereitet. Der Abschiedsbrief ist geschrieben, eine letzte Textnachricht an die Ex-Freundin auch. Wenn sie sich nicht sofort meldet, geht er baden und nimmt das Radio mit in die Wanne. Ein batteriebetriebenes Gerät, aber bevor der Plan deshalb scheitern kann, schellt tatsächlich das Telefon. Nur ruft statt der Verflossenen Andys Schwester an, ob er nicht ihren Sohn Errol von der Schule abholen und zum Fußball bringen könne. Andy ziert sich erst, noch nie hat er sich um etwas gekümmert, schon gar nicht um den Neffen, sagt dann aber doch zu.

In der Serie Uncle auf One passiert weiter, was passieren muss: Andy, ein unreifer Rumtreiber und erfolgloser Musiker, und der kleine Streber Errol können sich erst überhaupt nicht leiden, verbünden sich dann aber doch. Andy wird etwas verantwortungsbewusster - zunächst nur deshalb, weil das beim Flirten gut ankommt -, und Errol lernt, weniger schüchtern und spießig zu sein. Nebenher schlägt sich Andys Schwester, eine rehabilitierte Süchtige, mit einem Sorgerechtsstreit um Errol herum. Die Serie ist nicht besonders originell, aber herzlich inszeniert und wegen Ekel Andys schamloser Trickserei ausreichend komisch.

Weder gegen die Konkurrenz von ZDF Neo noch gegen die Privaten hat der Sender eine Chance

Begeisterung löst die Serie also nicht aus, als Abwechslung zum Tagesprogramm auf One genügt sie immerhin. Wer will, kann an einem Wochentag dort vier Folgen Verbotene Liebe, vier Folgen Sturm der Liebe und zwei Folgen Lindenstraße sehen. Erst abends laufen dann internationale Produktionen wie Doctor Who und Miss Fishers mysteriöse Mordfälle auf Deutsch synchronisiert, deutsche Comedyshows und - immerhin - die eilig untertitelte aktuelle Folge der Tonight Show mit Jimmy Fallon.

One hieß bis September 2016 noch Einsfestival und soll spätestens seitdem der Unterhaltungssender der ARD für 30- bis 49-Jährige sein. Im öffentlich-rechtlichen Kosmos ist er also quasi ein Spätjugendsender. Der Auftrag der Unterhaltung impliziert, dass One auch interessante Serien zeigt. Ausgestattet wurde er dafür aber mit einem Budget, mit dem der kleine Sender unter dem Dach des WDR weder der privaten Konkurrenz noch dem öffentlich-rechtlichen ZDF Neo in dieser Zielgruppe allzu gefährlich werden kann, 13,1 Millionen Euro im aktuellen Jahr. ZDF Neo hat 36,4 Millionen Euro Aufwendungen vorgesehen.

Darum laufen derzeit auf One so viele recycelte Seifenopern aus dem Ersten. Wenn man Produktionen einkauft, dann fällt immer öfter die Wahl auf internationales öffentlich-rechtliches Fernsehen. Uncle stammt beispielsweise von BBC Three, einem Spartensender wie One, den es seit 2016 nur noch online gibt und dessen Zielgruppe man übrigens in Großbritannien jünger definiert als hierzulande die von One: Der BBC-Kanal soll die 16- bis 34-Jährigen ansprechen. Aktuell ist dort die dritte Staffel zu sehen. Wenn man bei One zuletzt nicht zu anderen BBC-Serien griff, wie der Nick-Hornby-Serie Love, Nina, dann zeigte man etwa Cleverman vom australischen öffentlich-rechtlichen Sender ABC oder Altes Geld vom österreichischen ORF.

Ein genuiner Seriensender ist One deshalb aber noch lange nicht. Dafür fehlt es einerseits an Produktionen, die Gesprächsthema sind und die Leidenschaft des Publikums anfachen. Außerdem müssten die wirklich hochwertigen Serien im Programm viel präsenter sein, statt erst ab etwa 22 Uhr zu laufen. Aktuell leistet sich One nur ein Schaufenster für kleine internationale Serien. Dinge, die ein Serienjunkie zur Ergänzung schaut, und die Einblick in die Serienwelt abseits der großen Streamingdienste und Pay-TV-Sender geben - nettes Fernsehen statt großem Hype.

Uncle, One, donnerstags in Doppelfolge von 22.15 Uhr an.