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Buch über "Neue Zürcher Zeitung":Umbruch in der Männerbastion

Logo der Neuen Zürcher Zeitung in Zürich

Bartus mildes Fazit: "Der Abbruch ist geschafft, der Umbruch in vollem Gange, doch der Aufbruch lässt noch auf sich warten."

(Foto: Arnd Wiegmann/Reuters)

Friedemann Bartu hat ein Buch über die NZZ geschrieben. Der Reporter erzählt von einer traditionsreichen Zeitung, die sich lange gegen Veränderungen wehrte.

Journalisten, Hersteller, Autoren, ältere zumal, pflegen eine Sondersprache, die außerhalb des Druckgewerbes nicht ohne Weiteres verständlich ist. Im Postamt im österreichischen Ohlsdorf kam eines Tages ein Telegramm für den Schriftsteller Thomas Bernhard an: "Fahnen unterwegs. Umbruch demnächst." Bernhard war einmal Gerichtsreporter gewesen, er wusste von der Zeitung, dass Artikel umbrochen und Druckfahnen hergestellt werden. Der ehemalige Reporter Friedemann Bartu nutzt den Umbruch aus dieser Sondersprache als Titel für sein Buch über die Veränderungen bei der Neuen Zürcher Zeitung, für die er 37 Jahre gearbeitet hat: Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung: Ein kritisches Porträt.

Sein "kritisches Porträt" (Verlag Orell Füssli) hätte, um ein weiteres Wort aus der alten Zeit zu gebrauchen, dringend eines Redigats bedurft, denn er schreibt in einem bemerkenswert holzigen Stil, an den offensichtlich kein Korrektor rühren durfte. Doch trotz der Stiere, die an den Hörnern gepackt werden, und den Nerven, die blank liegen, bietet dieser "Umbruch" Offenbarungen aus der Zeitungswelt, wie sie selten zu lesen sind.

Die Neue Zürcher zehrt von einer stolzen Geschichte, die 1780 begann, als sie der Idyllendichter Salomon Gessner gründete. Zum 200. Geburtstag gratulierte Henry Kissinger; von Helmut Schmidt hieß es immer, er pfeife auf die Berichte des Bundesnachrichtendienstes und lese lieber die wegen ihrer Auslandsberichterstattung legendäre NZZ . Heute bietet sie dem Ex-BfV-Präsidenten Hans-Georg Maaßen das "Westfernsehen". Die Redakteure (schweizerisch: Redaktoren) sollten über eigenes Vermögen verfügen oder reich geheiratet haben. Die klassische NZZ galt als ebenso legendär knausrig; die Entlohnung verhielt sich umgekehrt reziprok zum Nimbus der Zeitung, der für den Lohnausgleich sorgen musste.

Die Redakteure waren Akademiker, die sich in einem schwerfälligen Stil gefielen. Unterzeilen wie "Das Werk der französischen Schriftstellerin XY erweist sich als sehr psychologisch" galten als vorbildlich. Die Leser hingen an ihrer NZZ, weil sie genauso war: gediegen bis zur gepflegten Langeweile. Sie konnten es leicht verschmerzen, dass der Schweiz-kritische Max Frisch, zufällig auch der weltweit bekannteste Schriftsteller des Landes, jahrzehntelang schlicht totgeschwiegen wurde.

Bartu nennt seine ehemalige Zeitung den "Vatikan der Marktwirtschaft", sie profitierte schließlich selber vom Kapitalismus. Zwischen 1975 und 2000 stieg der Wert einer NZZ-Aktie von 3000 auf 270 000 Schweizer Franken, oder wie es Bartu formuliert: "Man sass auf einem Matterhorn von Cash und Finanzanlagen und auf entsprechend hohem Ross." Die Nähe zur Politik schadete nicht. Der NZZ-Verwaltungsratspräsident Eric Honegger war gleichzeitig Präsident bei der UBS und bei der Swissair, die bald in den Untergang trudelte. Wie alle Anteileigner war er Mitglied der freisinnigen Partei, der Schweizer FDP. Zeitweise saßen vier Redakteure der NZZ im Zürcher Kantonatsrat. Ein anderer Honegger berichtete als Lokalredakteur über den Kantonatsrat, dem er selber angehörte. Diese Nähe zur Macht half, als es in der Setzerei zu einem Maschinendefekt kam. Das Erscheinen am nächsten Tag hing von einem Techniker ab, der sich im Flugzeug nach New York befand. Über die Swissair wurde im Cockpit angerufen, und der Fachmann konnte das Problem über Funk beheben.

Es dauerte Jahrzehnte, bis sich der Computer durchsetzen konnte, da es, so Bartu, zum "guten Ton" gehörte, "allem Neuen erst einmal mit Ablehnung und Verachtung zu begegnen". Dann wurde hektisch modernisiert, eine Online-Version entwickelt, die Druckerei verkauft, ein Businessplan nach dem anderen entworfen und verworfen. Zwischendurch war, wie Bartu genüsslich erzählt, der Feuilletonchef Martin Meyer, der sonst nur im Reich des Geistes schwebte, für die Sexanzeigen im verlagseigenen Ausgehmagazin Ticket zuständig. Nur, das schöne Geld war weg und kam nicht wieder.

Zweihundert Jahre war die NZZ wie die ganze Schweiz eine reine Männerbastion, die ehemalige Redakteurin Margot Hugelshofer wird mit den Worten zitiert: "In den 1970er-Jahren hatte das Ressort 'Lokales' einen derart tiefen Stellenwert in der NZZ, dass es sich sogar leisten konnte, Frauen anzustellen." Ihr Chef druckte Texte von ihr mit dem chevaleresken Kompliment: "Von Ihnen nehme ich das Stück gerne, Sie sind immer so adrett angezogen."

Nach zwei Jahrzehnten Modernisierung bei - wie fast überall - sinkender Auflage zieht Bartu ein mildes Fazit: "Der Abbruch ist geschafft, der Umbruch in vollem Gange, doch der Aufbruch lässt noch auf sich warten." Der Ausbruch, den sich die Welt-Autorin Susanne Gaschke in der NZZ neulich leisten durfte, als sie die Corona-Regelungen in Deutschland als "Ermächtigungsgesetz" bezeichnete, fand keinen Eingang mehr in Bartus Zeitungsgeschichte. Aus der zeitweiligen Öffnung und Liberalisierung wurde unter dem gegenwärtigen Chefredakteur Eric Gujer eine neue Verengung; für Bartu hat Gujer der Zeitung "wieder mehr Profil verpasst". Das zeigt sich vor allem in einer starken Orientierung nach Deutschland: Gujer bringt das Kunststück fertig, als Schweizer so deutschnational zu poltern, wie es in Deutschland selber niemand diesseits der AfD kann. Den Anzeigenverlust von 3,6 Millionen Franken im Jahr 2019 sieht Gujer, der allerdings kein Wirtschaftsfachmann ist, durch 100 000 Franken Mehreinnahmen aus Digitalabos "überkompensiert".

Seine früheren und gegenwärtigen Kollegen fürchten, wie Daniel Ryser im Onlinemagazin Republik berichtet, dass die ganz neue Zürcher Zeitung nur mehr als "Twitter-Krawallblatt" wahrgenommen wird.

© SZ vom 25.05.2020/cag
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