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"NZZ"-Chefredakteur Spillmann tritt zurück:Vom digitalen Sturm zerzaust

Markus Spillmann

Entmachtung bei der NZZ: Chefredakteur Markus Spillmann muss gehen.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Die "Neue Zürcher Zeitung" verliert ihren Chefredakteur. Markus Spillmann geht im Streit um das Digitalkonzept. Gerüchten zufolge könnte der Blocher-Vertraute Markus Somm übernehmen. Eine Reizfigur.

Ein Chefredakteur, der entlassen wird? Das ist unüblich bei der Neuen Zürcher Zeitung, es zeugt vom Sturm in der Medienbranche. Der schleudert die 234 Jahre alte NZZ schon eine Weile hin und her. Und Markus Spillmann ist nun das Opfer. Von einer Entlassung war im Kommuniqué des Verwaltungsrats zwar nicht die Rede. Vielmehr sei man unterschiedlicher Ansicht, wie die "publizistische Leitung neu organisiert" werden soll, und nehme seinen Rücktritt "mit großem Bedauern" zur Kenntnis. Aber dass der 47-jährige Basler, der seit 2006 an der Spitze der Zeitung steht, freiwillig geht, glaubte keiner der Redakteure, die am Dienstagnachmittag zusammengerufen wurden.

Der genaue Grund war nicht herauszuhören aus den vielen Worten von Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod, was manchen im Haus ärgerte. Offensichtlich war Spillmann nicht einverstanden mit seiner geplanten Entmachtung. Der Chefredakteur gibt die Linie bei Print, Online und der NZZ am Sonntag vor, und er muss den Wandel in die digitale Welt organisieren. Beide Funktionen sollen getrennt werden.

Die NZZ hat in der Krise mächtig Anzeigen und Abonnenten verloren, vorige Woche gab sie die Schließung ihrer erst zehn Jahre alten Druckerei bekannt. Das Traditionsblatt hat sich für die Flucht nach vorn entschieden. Es führte Print- und Online-Redaktion frühzeitig zusammen und verlangt seit 2012 Geld für Artikel im Netz. Spillmann, ein liberaler Journalist alter Schule, hat alles tapfer umgesetzt, ohne sich in der digitalen Welt wirklich heimisch zu fühlen. Am Ende genügte er weder den Rendite-Forderungen des von McKinsey stammenden CEOs Veit Dengler noch den intellektuellen Ansprüchen der Belegschaft. Die schüttelte den Kopf, als sich Spillmann per Twitter von einer Kollegin distanzierte, die das Coming-out von Apple-Chef Tim Cook kritisiert hatte.

Die Nachfolge ist ungeklärt, das Durcheinander groß. Dazu passt das Gerücht, Markus Somm, Chefredakteur der Basler Zeitung (BaZ), werde Spillmann beerben. Schweizer Beobachtern stand der Mund offen, als ein gut vernetzter Journalist diese Variante twitterte. Somm ist einer der am stärksten polarisierenden Schweizer Medienmänner, ein Ex-Linker, der in Basel dasselbe machte wie sein früherer Chef Roger Köppel bei der Weltwoche: Er drehte die ehemals linksliberale Zeitung auf rechtskonservativ und ist seit dem Sommer auch Verleger der BaZ, zusammen mit dem konservativen Politiker und Milliardär Christoph Blocher, dessen Rolle als Finanzier lange verschleiert worden war. Somms Positionen decken sich meist mit denen Blochers, etwa beim Thema "Masseneinwanderung". Somm ist ein guter Schreiber und Blattmacher. Deshalb wird das Gerücht ernst genommen.

Im NZZ-Aktionariat wachse die Gruppe jener, die politisch weiter rechts stünden, sagt der Zürcher Soziologe Kurt Imhof, die Einbettung ins angestammte liberal-freisinnige Milieu schwinde, und das führe zu Unsicherheit auf allen Seiten. Allerdings würde Somm die in großen Teilen Blocher-skeptische Redaktion auf Anhieb spalten, außerdem gilt er nicht als großer Online-Freund.

© SZ vom 11.12.2014/cag

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