US-Medien:Sie sind so frei

Lesezeit: 4 min

US-Medien: Zentrale der "Chicago Sun Times" in Chicago.

Zentrale der "Chicago Sun Times" in Chicago.

(Foto: Jose M. Osorio/imago images/ZUMA Wire)

Der Kauf der "Chicago Sun-Times" durch das Non-Profit Chicago Public Media zeigt, dass US-amerikanische Medien eine Chance haben, ohne Milliardär-Mäzen oder Hedge-Fonds zu überleben.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt dieses Meme über Jeff Bezos und die Washington Post. Oben steht, dass der Milliardär 2013 die legendäre Zeitung für 250 Millionen Dollar gekauft und angekündigt hatte, sich aus sämtlichen redaktionellen Angelegenheiten rauszuhalten. Darunter: das Foto eines schelmisch grinsenden Bezos neben der Post-Titelzeile: "Denk' lieber noch mal nach, bevor du die Steuergesetze änderst und Milliardäre schröpfst." Dann: lachender Bezos neben der Überschrift: "Die schlaueste Strategie, Reiche zahlen zu lassen, ist nicht eine Steuer für Reiche." Am Ende: Bezos mit Bösewicht-Muhaha-Lachen neben diesem Titel: "Das Milliardärs-Wettrennen im Weltall nützt uns allen. Wirklich."

Dieses Meme sagt weniger über Bezos und sein Verhältnis zur Post aus als vielmehr übers Vertrauen der Amerikaner in ihre Medien. Sie vermuten bei allem, das nicht klar ihre politisch-gesellschaftliche Meinung widerspiegelt, sofort einen potenziellen Hort der Verschwörung. Wer will es ihnen verdenken, wenn Anwälte des rechtspopulistischen Nachrichtensenders Fox News vor Gericht argumentieren, dass kein Mensch bei Trost die Sachen, die Moderator Tucker Carlson jeden Abend so aus seinem Mund plumpsen lässt, ernst nehmen könne und man jedes Statement skeptisch prüfen müsse - und den Fall damit tatsächlich gewinnen.

800 nichtkommerzielle Hörfunksender stecken hinter dem Deal

Genau deshalb ist diese Nachricht aus der vergangenen Woche so bemerkenswert: WBEZ, ein Radiosender in Chicago, hat sich mit der Chicago Sun-Times darauf verständigt, die Tageszeitung von 31. Januar an zu übernehmen. Der Deal, dessen Einzelheiten wie zum Beispiel Kaufpreis noch nicht bekannt sind, dürfte nicht nur die Medienlandschaft in Chicago verändern, sondern auch höchste Aufmerksamkeitswellen durch die komplette Branche senden: WBEZ ist Teil der Non-Profit-Organisation "Chicago Public Media", der Deal zeigt deshalb eine völlig neue Möglichkeit für Medienhäuser, sowohl finanzielle Unabhängigkeit als auch Relevanz zu behalten - abseits von Milliardären und Investoren.

"Es ist ein wichtiger Schritt, Lokaljournalismus in Chicago zu stärken und wachsen zu lassen", schreibt "Public Media"-Chef Matt Moog in einem Statement. Beide Häuser sollen zwar eigene Newsrooms haben und unabhängig agieren, Inhalte und Recherchen aber miteinander teilen für die mehr als zwei Millionen Leser und Hörer, und nun wird es interessant: "Public Media" gehört zu "National Public Radio" (NPR), eine Kooperation 800 nichtkommerzieller Hörfunksender, die 99 Prozent aller US-Haushalte erreichen und finanziell sowie rechtlich unabhängig agieren. Man könnte das wohl öffentlich-rechtlich nennen, nur erfolgt die Finanzierung nicht wie in Deutschland über Gebühren; es gibt deshalb auch keine Und-dafür-zahle-ich-Gebühren-Beschwerden oder jahrzehntelange Debatte darüber.

Das Konglomerat finanziert sich über Spenden, Stiftungen und Sponsoren - wobei Werbung explizit verboten ist. Die Sponsoren werden genannt, auch der Transparenz wegen, aber es gibt keine Reklame. Es gibt indirekte finanzielle Hilfe der US-Regierung, zum Beispiel über "Corporation for Public Broadcasting" (CPB). Das sorgte im Jahr 2018 für Aufregung, als der Haushalt der Trump-Regierung - der bei Twitter die Post "Amazon Washington Post" schimpfte und "NPR" während seiner Amtszeit kein einziges Interview gab - vorsah, diese Fördermittel zu streichen. Nur: Diese Zuwendungen sind weniger als ein Prozent des Etats von knapp 260 Millionen Dollar pro Jahr, und letztlich wurden sie nicht gestrichen.

Auch das gibt es im Spektrum der US-Medien: objektiv, faktenlastig, vertrauenswürdig

Das bedeutet: Die Sun-Times, ebenso bekannt für oftmals brachiale oder zumindest boulevardeske Überschriften wie auch für investigativen Journalismus und formidable Autoren wie Filmkritiker Roger Ebert oder Humorist Mike Ryoko, wird Teil eines Konglomerats, das bekannt dafür ist, sich von politischen Strömungen nicht beeinflussen zu lassen, gelassen Fakten zu berichten und dazwischen Jazz zu spielen. Auf den Diagrammen, die US-Medien anhand von Faktentreue und politischer Ausrichtung einordnen - Fox News gilt als sehr rechts nahe der Propaganda, CNN als meinungsstark-links - ist "NPR" sehr weit oben und in der Mitte: objektiv, faktenlastig, vertrauenswürdig. Was genau das bedeuten kann, war am 11. Januar zu sehen: Trump gab "NPR" ein Telefon-Interview, doch als Reporter Steve Inskeep dessen Blödsinn über die Wahl 2020 ruhig mit Fakten widerlegte, da legte Trump einfach auf.

"Es ist ein Investment in Journalismus", schreibt "Public- Media"-Chef Moog über den geplanten Kauf, und anders als bei solchen Deals üblich sollen keine Stellen gestrichen werden - ganz im Gegenteil. Er rechne damit, dass 40 bis 50 Leute neu eingestellt werden: "Wir wollen wachsen, auch in den kommenden Jahren."

Der Deal ist eine Abkehr von dem, was in den vergangenen Jahren bei US-Zeitungen passiert ist: die Washington Post und Bezos, der Milliardär Patrick Soon-Shiong und die Los Angeles Times. Selbst die Sun-Times gehört derzeit einer Gruppe, der Investor Michael Sacks vorsteht sowie Rocky Wirtz, Eigentümer der Eishockey-Franchise Chicago Blackhawks. Die zweite Variante: Der Hedgefonds "Alden Global Capital" kauft Lokalzeitungen im ganz großen Stil; mit mittlerweile mehr als 200 Zeitungen, darunter etwa Boston Herald, Mercury News und Sun-Times-Rivale Chicago Tribune, ist Alden nach Gannett der zweitgrößte Zeitungsverlag der USA. Er stilisiert sich zum Retter dieser Branche; Kritiker sehen eher einen Blutsauger, der aus einer kriselnden Industrie so viel wie möglich rauspressen will - und die Kadaver dann verwesen lässt. In der Zeitschrift Vanity Fair wird Alden "Sensenmann des US-Journalismus" genannt.

Nun also diese Variante, die es in kleinerer Form bereits gibt: Der Philadelphia Inquirer gehört seit 2016 dem Non-Profit "Lenfest Institute for Journalism"; dessen Chef Jim Friedrich war nun Berater für den Deal in Chicago. "Die Nachrichten-Häuser dieser Stadt wurden ausgeschlachtet von Hedgefonds sowie mangelnden Investitionen in die digitale Transformation", schreibt er: "Dieser Deal ist ein Modell für andere NPR-Häuser und Lokalzeitungen."

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