Niederlande:Die Hölle, das ist der Staat

Niederlande: Eine der Protagonistinnen des Films: Badriah berichtet von Demütigungen auf dem Amt, bei der Justiz, im Job, bei Freunden.

Eine der Protagonistinnen des Films: Badriah berichtet von Demütigungen auf dem Amt, bei der Justiz, im Job, bei Freunden.

(Foto: BNNVARA)

Eine Fernsehdokumentation über den "Kinderzuschlagskandal" schockiert das Land. Sie zeigt, wie rassistische, gnadenlose Behörden Menschen in den Abgrund treiben.

Von Thomas Kirchner

Manchmal braucht es szenische Mittel, um ein monumentales, aber diffuses, weil die meisten Menschen nicht unmittelbar tangierendes Geschehen begreifbar zu machen. Theaterstücken und vor allem Dokumentarfilmen kann das gelingen, siehe "Shoah", Al Gores "Unbequeme Wahrheit" oder Michael Moores "Bowling for Columbine". In diese Reihe gehört seit dieser Woche "Allein gegen den Staat", eine Fernseh-Dokumentation über die "Kinderzuschlagaffäre", einen Skandal unerhörten Ausmaßes, der die Niederlande seit bald zwei Jahren durchrüttelt und längst nicht abgeschlossen oder gar bewältigt ist. Das Leben von mehr als 30 000 unschuldigen Familien wurde zerstört, weil die Behörden fälschlicherweise riesige Geldsummen von ihnen zurückgefordert hatten.

Schon der Sendeplatz war Programm: am Vorabend des Prinsjesdag, an dem das neue parlamentarische Jahr feierlich eingeläutet wird. In einem Land, das seit acht Monaten keine offizielle Regierung mehr hat und in einer tiefen politischen Krise steckt. Viele Niederländer haben laut Umfragen das Vertrauen in die Politik und generell in die Rechtschaffenheit staatlichen Handelns verloren. Wer "Allein gegen den Staat" geschaut hat, versteht das. Es handle sich, so der Fernsehkritiker des NRC Handelsblad, um "eine der deprimierendsten Stunden Fernsehen der vergangenen Jahre". Der König hätte in seiner Thronrede am Dienstag seinen Text ändern und "nur über diesen Film sprechen sollen".

Fünf Frauen erzählen in diesem Film ihre Geschichte - das Setting: extrem nüchtern

In der 55-minütigen Dokumentation von Stijn Bouma erzählen fünf Frauen ihre Geschichte. Sie sitzen zusammen in einem unverortbaren Raum, das Setting ist extrem nüchtern. Alle haben Migrationshintergrund, was kein Zufall ist, weil der Algorithmus der Behörden so perfide rassistisch eingestellt war, dass sie fast automatisch ins Visier gerieten. Alle sind alleinerziehend und auf Hilfe angewiesen. Sie haben unterschiedliche Qualen erlitten, doch dies ist ihnen gemeinsam: Irgendwann nach 2014 meldeten sich die Behörden bei ihnen und verlangten das komplette Geld zurück, das ihnen zur Betreuung ihrer Kinder gezahlt worden war. Der Grund konnte ein winziger Formfehler sein oder ein angeblich fehlendes Dokument. Alles Flehen blieb vergeblich, auch die Justiz half ihnen nicht, der Staat zog das eiskalt durch.

Weil es oft um 30 000 Euro ging oder gar mehr, mussten die Opfer sich verschulden - und gerieten in einen Abwärtsstrudel, aus dem viele noch immer nicht herausgefunden haben. Sie verloren ihre Wohnung, ihren Besitz, ihren Job, ihre sozialen Kontakte, ihre Gesundheit, die Achtung ihrer Kinder, die ihnen manchmal weggenommen wurden. Sie verloren ihre Würde. Leben, vom Staat vernichtet. Eine kafkaeske Welt.

"Wir waren ganz normale Bürger", sagt Nazmiye. Bis ihr Leben zersprang.

Die Protagonistinnen des Films sind sorgfältig ausgewählt: schwer verletzte und doch starke, eloquente Frauen. Badriah etwa, deren Augen sprühen, als sie all die "Demütigungen" aufzählt, die sie erlitten hat: auf dem Amt, bei der Justiz, im Job, bei Freunden. Und vor allem vor dem Spiegel. Wie hilflos man sich fühlen kann im Würgegriff der Ämter. Und einsam, denn alle dachten zunächst, sie seien allein in ihrer Erfahrung, hielten sich für dumm und klein. "Wir waren ganz normale Bürger", sagt Nazmiye. Bis ihr Leben zersprang und viele von ihnen beinahe ihm beinahe selbst ein Ende gemacht hätte.

So entsetzlich das Geschehen auch ist: Keine dieser Frauen kann noch weinen, die Tränen sind längst versiegt. Stattdessen lodert jetzt ein wilder Hass in ihnen, auf die Beamten und Politiker, die das getan haben. Derya hatte ihnen eigentlich vergeben wollen. Dann bricht es heraus aus ihr: "Zur Hölle sollen sie fahren!", und sie erschrickt über sich selbst. Der Staat hat sich entschuldigt, pauschal 30 000 Euro sollen Geschädigte nun bekommen. Doch Geld allein wird diesen Schaden nicht gutmachen, das zeigen diese Frauen. Wie viel kostet ein Leben? Zumal viele noch nichts erhalten haben oder ihren Opferstatus wiederum erst langwierig erkämpfen müssen. Jedes einzelne Opfer müsse gesondert betrachtet und entschädigt werden, sagt Badriah. Zusammen haben die fünf Frauen in dieser Woche einen Protestbrief an den König geschrieben, "Zwangsvollstreckung" schreiben sie darüber. "Unsere Hölle muss so bald wie möglich ein Ende finden", bitten sie Willem-Alexander. Schließlich seien die Rückforderungen "im Namen des Königs" an sie ergangen.

Was der Film weglässt, ist die politische Dimension. Es ist vor allem der Wühlarbeit zweier Abgeordneter zu verdanken, dass diese Affäre nach und nach ans Licht kam und langsam die Bedeutung findet, die sie verdient. Die letzte Regierung unter Mark Rutte behinderte diese Aufklärungsversuche gezielt. Im Januar musste sie nach einem vernichtenden Untersuchungsbericht über den Skandal zurücktreten. Danach versuchte Rutte, einen der kritischen Abgeordneten, Pieter Omtzigt, heimlich aus dem Parlament wegzubefördern - und hätte sich damit beinahe um seine politische Karriere gebracht.

Doch Rutte will nun wieder regieren. Viele Niederländer halten das für unsäglich. Nach diesem Film umso mehr.

Zu sehen unter www.npostart.nl

© SZ
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