Online-Journalismus Ein TÜV für Medien-Glaubwürdigkeit?

NewsGuard-Symbole, die aufpoppen, wenn User Nachrichtenportale über den Microsoft-Webbrowser "Edge" aufrufen.

(Foto: Sz-Grafik)
  • Das amerikanische Start-up "NewsGuard" hat sich den Kampf gegen postfaktische Berichterstattung zur Mission gemacht.
  • Anhand von neun verschiedenen Aspekten beurteilt es Glaubwürdigkeit und Transparenz von Online-Medien.
  • Ein Ampelsystem soll dem Nutzer im Browser die Vertrauenswürdigkeit eines Mediums anzeigen.
Von Jakob Maurer

Zertifikate für Online-Nachrichten könnten 2019 die Medienbranche verändern. Mitte Januar sah sich das so reichweitenstark wie umstrittene Boulevardblatt Daily Mail aus Großbritannien mit einem Glaubwürdigkeitsproblem konfrontiert. Wer die Onlinepräsenz der Zeitung über den Microsoft-Webbrowser Edge aufrief, wurde durch ein aufpoppendes Fenster dazu ermahnt, Vorsicht walten zu lassen. Die Seite, so stand es dort auf Englisch, schaffe es nicht, "grundlegende Standards von Genauigkeit und Rechenschaftspflicht aufrechtzuerhalten". Mit anderen Worten: Achtung, hier herrscht Fake-News-Gefahr!

Die Warnung ging auf das US-amerikanische Start-up "NewsGuard" zurück, übersetzt: Nachrichtenwächter. Diesen Namen trägt ein Projekt von US-Journalisten, die sich den Kampf gegen die postfaktische Berichterstattung zur Mission gemacht und ein für Nutzer kostenloses Tool auf den Markt gebracht haben. Ende vergangener Woche hat NewsGuard die Warnung vor der Daily Mail nun zurückgenommen, nachdem sich ein Mitarbeiter der Zeitung bei den Autoren der Bewertung meldete und Kritik anbrachte. NewsGuard gestand daraufhin Fehler in der Bewertung ein und passte das Zertifikat an: Nun wird nicht mehr gewarnt.

Doch welches System steckt dahinter? NewsGuard stellt rund 4500 englischsprachigen Nachrichtenseiten ein Zertifikat aus, das anzeigen soll, wie glaubwürdig und transparent deren Berichterstattung ist. Das Start-up vermarktet sich dabei als unabhängigen Richter: "NewsGuard liefert eine journalistische Lösung für ein journalistisches Problem." Mit diesen Worten wird Steven Brill, einer der Gründer in einer Pressemitteilung zitiert: "Unsere Bewertungen geben Menschen mehr Informationen über die Internetseiten, die sie online besuchen."

Die Bewertungen sollen regelmäßig aktualisiert werden

Bis zu fünf Mitarbeiter des Teams, das größtenteils aus ehemaligen US-Journalisten mit teilweise mehrjähriger Berufserfahrung besteht, bewerten eine Seite. Über mehrere Tage überprüfen sie dazu den Internetauftritt im Ganzen und Artikel im Einzelnen. Dabei orientieren sie sich an Kriterien, die Glaubwürdigkeit und Transparenz in neun Aspekte aufteilen. Je nachdem, wie gut diese erfüllt sind, erhält die Seite eine Wertung von 0 bis 100 Punkten. Unter sechzig Punkten gilt eine Seite als nicht vertrauenswürdig. Daraufhin wird die Seite mit der Wertung konfrontiert und eine Warnung ausgesprochen. Etwa alle drei Monaten sollen Bewertungen aktualisiert werden.

Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft haben ein Werkzeug mit einem anderen Ansatz entwickelt: Deren Fake-News-Tool wertet Beiträge in sozialen Netzwerken automatisiert aus und macht wie ein Spamfilter oder ein Warnsystem auf Falschmeldungen und Desinformationen aufmerksam. Damit es verlässlich arbeitet, trainieren die Forscher ihre Algorithmen zunächst mit zahlreichen positiven wie negativen Beispielen und lassen es dann automatisiert nach Auffälligkeiten suchen. Beobachtet werden dabei textliche Merkmale, aber auch Metadaten, die beispielsweise anzeigen, wie oft oder zu welcher Uhrzeit etwas gepostet oder geteilt wurde. Behörden und vereinzelt auch Unternehmen nutzen das Tool als Hilfestellung gegen Desinformation.

Der Reuters-Report für Medientrends prognostiziert für 2019, dass Suchmaschinen und soziale Netzwerke nach Imageverlusten im Bemühen um Nutzervertrauen verstärkt Glaubwürdigkeit und Transparenz vermitteln wollen: "Es ist zu erwarten, dass mehr Initiativen zur Zertifizierung von Internetseiten entstehen. (...) Plattformen werden versuchen, Medienbewertungen einzuführen, und Lösungen suchen, die sich über Länder- und Sprachgrenzen hinaus erstrecken."

In genau dieser Nische wollen sich Tools wie das von NewsGuard etablieren. Nach eigener Aussage finanziert sich das Start-up über die Plattformen und Suchmaschinen, die gegen Geld das Tool in ihr Interface aufnehmen und sich so Transparenz lizenzieren lassen. Bisher konnten Nutzer den englischsprachigen Dienst nur als Browser-Add-on installieren - Mitte Januar verkündete NewsGuard eine Kooperation mit Microsoft. Von nun an soll der auf dem Betriebssystem vorinstallierte Webbrowser Edge mit einem Tool der Nachrichtenwächter ausgestattet sein. Nach Microsoft, so heißt es, befinde man sich mit weiteren Plattformen "in fortgeschrittenen Gesprächen".

Sobald installiert, macht sich das Tool bemerkbar, wenn der Nutzer eine Nachrichtenseite ansteuert. Ob über die URL-Leiste, die Google-Suche oder in Facebook-Postings: Wird ein Link angezeigt oder geöffnet, erscheint zunächst ein kleines Schildsymbol, das - je nach Bewertung - dem Ampelsystem folgend gefärbt ist. Bevor die Warnung aufgehoben wurde, war dieses bei der Daily Mail rot gefärbt und mit einem Kreuz versehen - nun ist das Schild grün mit Haken. Wenn man mit der Maus auf das Schildsymbol klickt, klappt ein Kasten aus, der die Bewertung in den neun Kategorien, die jeweils mit grünem Haken oder rotem Kreuz versehen sind, aufschlüsselt. Ein Link führt zu einem ausführlichen Bewertungstext.

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Bei deutschsprachigen Nachrichtenseiten ist bislang nur ein graues Schild mit einem Strich zu sehen. Es zeigt an, dass es noch keine Bewertung gibt. Doch das soll sich ändern. NewsGuard erweitert derzeit seine Präsenz auf Europa: Bis Ende April wolle das Start-up sein Anti-Fake-News-Tool auf deutsche Nachrichtenseiten ausweiten, sagt die deutsch-amerikanische Mitarbeiterin Anna-Sophie Harling der SZ: "Wir sind dabei, Bewertungen auf Deutsch, Italienisch und Französisch zu schreiben." Vor den EU-Wahlen Ende Mai sollen Anna-Sophie Harling zufolge sämtliche Nachrichtenseiten erfasst sein, die in der jeweiligen Sprache 90 Prozent des gesamten Online-Nachrichtenkonsums ausmachen. Neben Großbritannien sollen Frankreich, Italien und Deutschland abgedeckt werden. In der vergleichsweise überschaubaren deutschen Medienlandschaft seien das rund 190 Seiten, so Harling.

Der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller bewertet das Projekt skeptisch. Die Initiative impliziere, dass Nutzer im Internet völlig verloren seien und nicht in der Lage, die Vertrauenswürdigkeit von News-Seiten einzuordnen. "Aktuelle Studien zeigen aber, dass Nutzer bei ihrer Einschätzung von Quellen eigentlich gar nicht so falschliegen", so Müller. Er sieht eher die Gefahr, dass "der Schuss nach hinten losgehen kann": Regelmäßige Leser negativ bewerteter Seiten, die meist dem rechten Spektrum entstammen, könnten das NewsGuard-Zertifikat als Instrument der linken Eliten und des Mainstreams im Kampf gegen alternative Medien abtun, so Müller. Die gut gemeinte Sache würde so Verschwörungstheoretikern Argumente liefern.

Während die Nutzungswarnung für Daily Mail inzwischen aufgehoben wurde, haben negative Bewertungen beispielsweise für die rechtspopulistischen Nachrichtenseite Breitbart News, die Enthüllungsplattform Wikileaks und das vom russischen Staat finanzierte Portal Russia Today weiter Bestand. Bei letzterem auch für die deutsche Version.

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