Es war schon auffällig. Die Kabel-Nachrichtensender CNN und MSNBC berichteten ausführlich über den gewaltigen Medienskandal jenseits des Atlantiks, den Skandal um die Praktiken in den britischen Unternehmungen des auch in den USA weithin engagierten Medientycoons Rupert Murdoch.

In den ersten zehn Tagen nach Bekanntwerden der Affäre, der eine ganze Zeitung und die Übernahme eines Fernsehsenders zum Opfer fielen, die den Premier des Landes in Mitleidenschaft zog und in der bis heute neue Details ans Licht kommen, widmeten sie ihnen jeweils mehr als zwei Stunden ihrer besten abendlichen Sendezeit. 16 Minuten waren das pro Tag. Fox News, der mit Abstand größte und erfolgreichste der drei Kabel-Nachrichtenkanäle, hatte in derselben Zeit indes nur 23 Minuten und 34 Sekunden dafür übrig, also durchschnittlich ganze drei Minuten pro Abend.
Das war kein Zufall. CNN gehört zum Time-Warner-Konzern, MSNBC zählt zu den Medienunternehmungen von Comcast und General Electric. Fox News aber ist Teil des amerikanischen Medienimperiums von - natürlich - Rupert Murdoch. Die Zurückhaltung in der Berichterstattung hatte System. Auch in den Nachrichtensendungen der drei Kabelsender tagsüber - die mehr faktenorientiert sind und nicht so viel Meinungsmache enthalten wie die Abendsendungen - ergab sich das gleiche Bild: CNN berichtete im selben Zeitraum 35 Minuten, MSNBC 18 Minuten lang - und Fox News knapp vier Minuten.
Die einseitige Berichterstattung beschränkte sich nicht auf die elektronischen Medien. Die liberale New York Times widmete dem Thema bis 20. Juli gut 100 Artikel. Im Wall Street Journal konnte man rund 35 zählen. Auch das kommt nicht von ungefähr: Das Journal schmückt Murdochs amerikanisches Medienportfolio. Der Geschäftsführer der zuständigen Unternehmensgruppe und enge Murdoch-Vertraute, Les Hinton, musste bereits vor zwei Wochen seinen Rückzug erklären; in der Zeit, in die der Abhörskandal in Großbritannien fällt, hatte Hinton noch den Unternehmensteil News International in London geleitet. Und in der New York Post (ebenfalls im Besitz Murdochs) fand sich der Bericht über die Rasierschaumattacke auf Verleger Murdoch und den beherzten Abwehrhaken seiner Frau weit hinten auf Seite 35 verbannt - eine Angelegenheit, die das Revolverblatt bei anderen Beteiligten mit Sicherheit groß aufgemacht hätte.
Ein größeres Geschenk hätte Murdoch seinen ohnehin nicht gerade wenigen Kritikern in Amerika kaum machen können als diese verkorkste Berichterstattung über den Skandal in seiner Mediengruppe. Sofort fragten sie nach Verbindungen zwischen Murdochs Unternehmen in Großbritannien zu News Corp, seinem Medienkonglomerat in den USA, und verlangten, es genau unter die Lupe zu nehmen.
Demokratische Politiker zogen sogar die charakterliche Integrität Murdochs in Zweifel. Das FBI eröffnete eine offizielle Untersuchung, um zu prüfen, ob eventuell auch die Murdoch-Ableger in den Vereinigten Staaten in Telefon-Hacking verwickelt sein oder unerlaubt Einfluss auf Politiker genommen haben könnten. Zu Murdochs Mediengruppe zählen neben dem populären Fox News eben das noch immer hochangesehene Wall Street Journal, das Radau-Blatt New York Post, die Hollywood- Filmproduktionsgesellschaft 20th Century Fox, das Verlagshaus Harper Collins und nicht weniger als 35 lokale Fernsehsender quer durch die USA, fast durchweg in den großen Metropolen wie Los Angeles, New York, Chicago, Dallas, Houston, Denver, Minneapolis, Orlando, Atlanta, St. Louis und Washington.
TV-Aufsichtsbehörde zeigt sich zurückhaltend
Nicht dass es eine unmittelbare Gefahr für Murdochs US-Imperium gäbe. Doch der Druck wächst. Die Aufmerksamkeit könnte für News Corp zu einem ungünstigeren Zeitpunkt nicht kommen. Die FCC, die Federal Communications Commission, Amerikas TV-Aufsichtsbehörde, überprüft gerade die Vergabepraxis für die Lizenzen der US-Fernsehsender. Und nun häufen sich die Stimmen, die Murdochs Eignung in Zweifel ziehen. Tatsächlich ist eines der Kriterien für die Lizenzvergabe die charakterliche Befähigung des Sendereigentümers: Er sei sich "ziemlich sicher", sagte Steven Brill, Gründer des Gerichtsfernsehsenders Court TV, dass nun Demokraten die Frage aufwerfen werden, "ob das gegenwärtige Management der Sender geeignet" sei, die Lizenzen zu behalten.
Die FCC sieht sich indes - im Gegensatz zum FBI - nicht zum Handeln veranlasst. Sie zeigte demonstrativ Gelassenheit und signalisierte, dass sie den Hacking-Skandal in Großbritannien für ein transatlantisches Phänomen halte, ohne Auswirkungen auf die USA. Doch dürfte das nicht das letzte Wort sein. Denn eine Anti-Murdoch-Kampagne hat bereits begonnen. "Das eigentliche Problem ist nicht nur die Konzentration von zu viel Medienmacht in einem Unternehmen, sondern ein geheimes Einverständnis zwischen denen, die die Macht haben, und den mächtigsten Medienunternehmen, nach dem Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus", sagt beispielsweise Craig Aaron, Chef von Free Press, einer Lobby-Organisation, die Medienvielfalt propagiert. "Das ist in England passiert, und es ist keine Frage, dass es auch in den USA so passiert ist."
Darum fordert Aaron von der FCC, die Regeln für die Vergabe von Fernsehlizenzen zu überdenken. Murdochs Konglomerat sei ein wahrhaft globales Unternehmen. "Wir können das, was hier geschieht, doch nicht von dem trennen, was in England passiert ist. Das ist ein und dieselbe Geschichte." Das ist keine Einzelstimme. Der Leiter der international angesehenen Medienfakultät des Ithaca College, Jeff Cohen, nennt Murdoch einen "globalen Medienmogul", der Politiker auch in den USA unter Druck gesetzt habe. "Der Mangel an Anstand, den Murdochs mächtige Mitarbeiter in England an den Tag gelegt haben, ist ein transnationaler Virus."
News Corp habe regelmäßig Mitarbeiter aus Großbritannien in die USA geholt. Das sei der Fall bei der New York Post, beim Wall Street Journal und auch bei Fox News gewesen. Und Leonard Steinhorn von der American University in Washington sagt unter Anspielung auf die verharmlosende Kommentierung im Wall Street Journal: Das eine sei es, "wenn die Verlagsseite einer Zeitung sich darauf verlegt, Einfluss auf Politiker zu nehmen und sie sogar zu kaufen versucht". Doch zumindest "gleichermaßen gefährlich" sei es, wenn ein Blatt wie das Journal vor allzu hartnäckigen Untersuchungen unter Hinweis auf die Pressefreiheit warnt, "einfach nur, um seinen Eigentümer zu schonen".
Die Anti-Murdoch-Stimmung hat nicht nur im akademischen Umfeld an Auftrieb gewonnen. Der demokratische Kongressabgeordnete Bobby Rush kündigte ebenfalls an, die Vergabe von TV-Lizenzen an Murdoch überprüfen zu wollen: "Der Besitz von Medien in den USA ist ein Privileg", sagte er, "und das gründet sich auf Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein." Rushs Fraktionskollegin Tammy Baldwin zog den Kreis sogar noch weiter. Der Skandal werfe überhaupt die Frage nach Konzentration von Medienmacht auf und danach, wie die "Privatsphäre in der digitalen Welt" geschützt werden könne. Das ist eher vage formuliert. Konkret bedeutet es aber, dass Murdoch erheblich mehr Probleme bekommen dürfte, sein Reich in Amerika zusammenzuhalten.