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"New York Times" tilgt Kredit:Sogar der Firmenflieger wurde verkauft

Es gab allerlei Gerüchte, die von einer feindlichen Übernahme durch Finanzjongleure der Wall Street über einen drohenden Verkauf bis hin zu einem Bankrott reichten. Um Schulden zu begleichen und trotz ausbleibender Anzeigen den Jahresetat der Redaktion in Höhe von rund 200 Millionen Dollar finanzieren zu können, musste die Times Hunderte Mitarbeiter entlassen, ein Stipendienprogramm einfrieren, den Verkaufspreis erhöhen, den Firmenflieger verkaufen, das neue Gebäude verkaufen und zurückmieten und den Eigentümern - der Familie Sulzberger - die Dividende streichen. Sogar von einer drohenden Insolvenz war damals die Rede. Die New York Post, das Boulevardblatt des Konkurrenten Rupert Murdoch, freute sich bereits über das nahe Ende der mächtigsten Verlegerdynastie des Landes, deren Zeit abgelaufen sei: "Run out of Times" lautete die Schlagzeile der New York Post.

Die Motivation für den Kredit blieb rätselhaft

Slims Kredit brachte Rettung, rief aber zugleich neue Ängste und Schreckensszenarien hervor - denn falls die Times ihn nicht zurückzahlen könnte, würde Slim dafür bis zu zehn weitere Prozent der Anteile erhalten. Slims Motivation für den Kredit gab Branchenbeobachtern und Lesern ein Rätsel auf. Er sprach von einem reinen Geschäftsinteresse, das einen Gewinn bringen soll. Aber konnte man ihm das glauben? Weil der Aktienkurs sank, verlor er Millionen mit seinem Investment. Wollte der Mexikaner die Sulzbergers etwa aus ihrem mit Schulden beladenen Verlag drängen und die Times irgendwann übernehmen? Ein Horrorgedanke für Redakteure, die sich schon als Befehlsempfänger von Slim sahen. Wollte er in den USA politisch Einfluss nehmen?

Der mexikanische Journalist Andres Martinez, der zeitweise für die Times schrieb, warnte, dass Slims Investment redaktionelle Entscheidungen beeinflussen würde. Als wollte sie diesen Eindruck widerlegen, druckte die New York Times ein kritisches Stück über den "dünnhäutigen" und "schweigsamen Medienbaron", der in Mexiko ein Monopol kontrolliere und unangenehmen Fragen aus dem Weg gehe. Darin hieß es, Slim habe in seinem Land Zeitungen, die kritisch über ihn berichteten, mit Anzeigenboykott gedroht. Der Miami Herald bezeichnete Slim gar als "räuberischen Kapitalisten", der seine Milliarden auch seinem Einfluss und der Nähe zur Politik verdanke.

Natürlich gab es Alternativen zu Slims Millionen. Spekuliert wurde, dass das profitable Medienunternehmen Bloomberg die Times übernehmen könnte. Aber der Finanzdienstleister gehört immer noch seinem Gründer Michael Bloomberg, der mittlerweile zugleich Bürgermeister von New York ist. Michael Bloomberg als Besitzer und Verleger? Das hätte die Times in große Schwierigkeiten gestürzt, denn wie sollte sie dann noch halbwegs kritisch über den Bürgermeister berichten? Interesse bekundete damals auch der schwerreiche Musikunternehmer David Geffen. Er hat dem Verleger der Times, Arthur Sulzberger Jr., angeboten, sämtliche Aktien des Medienunternehmens zu kaufen, den Verlag zu privatisieren und die Zeitung gemeinsam mit Sulzberger herauszugeben. Geffen bot sich an, den Verlag zu managen; Sulzberger sollte sich um redaktionelle Belange kümmern. Nach erfolgreicher Restrukturierung sollte die Zeitung in den Besitz einer gemeinnützigen Stiftung übergehen.

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