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New York Times:Nur ein Wort?

New York Times Posts Strong Quarterly Earnings On Rise In Digital Ads And Readership

Die Redaktion der "New York Times" wurde vorigen Freitag über das Ausscheiden McNeils informiert.

(Foto: SPENCER PLATT/AFP)

Die Kündigung des bekannten Wissenschaftsredakteurs Donald McNeil bei der "New York Times" wirft Fragen auf.

Von Nicolas Freund

Es geht um ein Wort. Hat ein Wort Donald McNeil nach 45 Jahren seinen Job bei der New York Times gekostet?

McNeil ist einer der profiliertesten Wissenschaftsjournalisten der USA. Zuletzt berichtete er vor allem über Corona und alles, was damit zu tun hat. 1976 hatte er bei der Times angefangen, ein Jahr nach seinem Abschluss an der Universität Berkeley, zuerst als "copy boy", also eine Art Laufbursche, wie es in seinem Autorenprofil bei der Zeitung steht. Später war er dann unter anderem Theaterkritiker, Korrespondent und Reporter für Umweltthemen. McNeil ist ein Mann der Wissenschaft, in Texten über ihn wird er als rational dargestellt, einer, der die Dinge klar sieht und benennt. Umso mehr erscheint es nun, als habe er mit diesem einen Wort seine ganze Reputation verwirkt.

McNeil ist offenbar zum Verhängnis geworden, dass er 2019 bei einer Studienreise mit Schülern in einem Gespräch das tabuisierte N-Wort verwendet haben soll. Darüber berichtete das Online-Magazin The Daily Beast. Das N-Wort ist ein alter, abwertender Ausdruck für Schwarze, dessen bloße Nennung, selbst in Zitaten, als Reproduktion von Rassismus angesehen wird. McNeil soll das Wort nicht als Schimpfwort oder an eine Person gerichtet benutzt haben. Er diskutierte mit Studenten über Rassismus und nannte in diesem Kontext das N-Wort. So stellt es unter anderem die Washington Post in einem Bericht dar, der sich auf eine Entschuldigungsmail McNeils bezieht.

Ende vergangener Woche informierte der New-York-Times-Chef Dean Baquet die Redaktion über McNeils Ausscheiden. Daily Beast zitierte einen Times-Sprecher mit der Einschätzung, McNeil habe schlechtes Urteilsvermögen bewiesen, man entschuldige sich bei den Studenten.

Laut US-Medien standen auch andere Vorwürfe gegen McNeil im Raum. Er solle sich herablassend über Schwarze geäußert haben und das Konzept "white privilege" hinterfragt haben, das besagt, Weiße seien schon privilegiert, weil sie weiß seien. Nach einem Protestbrief, den etwa 150 Mitarbeiter der New York Times unterschrieben, wurde McNeil gefeuert. Amerikanische Medien schreiben nun von einer "Mob-Kultur" bei der renommierten Zeitung. Der amerikanische PEN-Club sah sich zu einer Erklärung veranlasst, in der er es als "beängstigend" bezeichnete, dass McNeils lange Karriere wegen eines einzigen Worts zerstört sei.

Eine Entlassung wie diese ist kein Einzelfall. 2019 verlor der Drehbuchautor Walter Mosley seinen Job bei der Serie Star Trek: Discovery, weil er das N-Wort gesagt haben soll. Er selbst sagte dem Branchenmagazin Hollywood Reporter, er habe einen Polizisten zitiert, der das Wort ihm gegenüber benutzt hatte. Bizarr ist der Fall eines Professors an der University of Southern California, der eine chinesische Phrase benutzt haben soll, die so ähnlich wie das N-Wort klingt, aber etwas Anderes bedeutet. Er behielt seinen Job, durfte aber das Seminar nicht mehr unterrichten.

© SZ/tyc
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