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"New York Times" und Apple News:Auf der Suche nach mehr als Brosamen

Unter welchen Bedingungen ergibt die Zusammenarbeit mit Plattformen Sinn?

(Foto: Johannes Eisele/AFP)

Die "New York Times" will ihre Inhalte nicht mehr über Apple News verbreiten. Das könnte Nachahmer finden.

Von Claus Hulverscheidt

Rein oberflächlich betrachtet müsste der Verlust für Apple eigentlich verschmerzbar sein, schließlich waren die Inhalte, die die New York Times zur Nachrichten-App des kalifornischen Smartphone-Herstellers beisteuerte, schon immer mehr als bescheiden: ein paar Artikelchen pro Tag für die Kostenlosversion von Apple News, null für die 9,99 Dollar teure Bezahlvariante.

Und dennoch dürften in Cupertino zu Wochenbeginn die Alarmglocken geschrillt haben. Denn wenn die vielleicht berühmteste Zeitung der Welt ankündigt, bei der Verbreitung von Nachrichten künftig wieder mehr auf die eigenen Kanäle statt auf die Zusammenarbeit mit Tech- und Social-Media-Konzernen zu setzen, dann könnte das in der Medienwelt durchaus Nachahmer auf den Plan rufen.

Die Zusammenarbeit zwischen Zeitungsverlagen und Technologiefirmen ist seit Jahren für beide Seiten eine zwiespältige Angelegenheit: Apple, Google, Facebook & Co. haben den etablierten Medien einen Großteil des Werbegeschäfts entrissen, brauchen aber den Zugriff auf deren Berichte und Reportagen. Ohne solch qualitativ hochwertige Zulieferungen nämlich lässt sich kaum ein eigenes Nachrichtenangebot aufbauen, für das Kunden bereit sind zu zahlen.

Die meisten Zeitungen wiederum benötigen angesichts des Anzeigen- und Abonnenten-Schwunds dringend neue Erlösquellen, halten die Zahlungen der Tech-Partner aber für kaum mehr als Brosamen. Der US-Finanzsender CNBC etwa berichtete vor einiger Zeit, viele Medien erlösten über das in Deutschland nicht erhältliche Apple-News-Angebot gerade einmal wenige Zehntausend Dollar im Monat.

Für ein Unternehmen wie die New York Times, das im Jahr einen Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar erwirtschaftet, ist das kaum der Rede wert. Überlegt man zudem, dass die Zusammenarbeit mit Apple zwar die Reichweite erhöht, zugleich aber die Vermarktung der eigenen, bezahlpflichtigen App erschwert, erscheint die Entscheidung des Blattes nachvollziehbar.

"Geschäftsregeln selbst kontrollieren"

Für die Times, so schrieb Geschäftsführerin Meredith Kopit Levien in einer Mitteilung an die Mitarbeiter, ergebe die Zusammenarbeit mit Tech-Plattformen nur Sinn, wenn die Nutzer der entsprechenden Apps nach dem Anklicken eines Artikels auf die Seiten der Zeitung umgeleitet würden, "wo wir die Präsentation unseres Berichts, die Beziehungen zu unseren Lesern und die Eigenarten unserer Geschäftsregeln selbst kontrollieren können". Das sei bei Apple News nicht der Fall gewesen.

Zeitungen in Deutschland sehen sich mit ähnlichen Fragen konfrontiert - etwa im Verhältnis zu Google. Der Suchmaschinenriese hat zwar jüngst angeboten, künftig erstmals für journalistische Inhalte zu zahlen, die er seinen Nutzern präsentiert. Ob hinter dem Beschluss aber tatsächlich ein Umdenken steckt, oder ob es eher darum geht, möglichen gesetzlichen Verschärfungen zuvorzukommen, ist noch unklar.

Dabei stehen gerade Plattformbetreiber wie Facebook gegenwärtig selbst unter Druck, denn ihr bisheriges Geschäftsmodell, Inhalte zu verbreiten, ohne Verantwortung für deren Richtigkeit und Seriosität zu übernehmen, steht immer stärker in der Kritik. Zuletzt hatten Dutzende hochkarätige Werbekunden einen vorläufigen Anzeigenboykott gegen Facebook verhängt, weil das soziale Netzwerk nicht genug gegen die Verbreitung gezielter Falschnachrichten und Hassbotschaften tue. Um dieses Problem zu lösen, müssten die Plattformen entweder verstärkt selbst Journalisten einstellen und anerkennen, dass sie, unter anderem, auch Medienunternehmen sind. Dies hätte weitreichende rechtliche Konsequenzen.

Oder aber sie müssten verstärkt Inhalte von seriösen Anbietern einkaufen - zum Beispiel von der New York Times.

© SZ/ebri/cag

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